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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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gezeichnete Stiefel von ihm. Die hatte er sicher aus dem Schuh- lager gestohlen bzw.organisiert. Aber es geschieht ja alles auf diese Weise. Man muß sich damit abfinden, ob man nun will oder nicht.

Gestern abend kamen neue Gefangene an von Grini . Im ganzen siebenundfünfzig. Heide, Bjurstedt, Stamnes undandere

bekannte Gesichter waren unter ihnen. Es war mir eben im-

Vorbeigehen möglich, einige von ihnen zu sehen und durch das Fenster im Entlausungsbad einige Worte mit ihnen zu wechseln. Sie erzählten, daß die Verhältnisse auf Grini sich zum Schlim- meren entwickelt hätten, und daß es überhaupt schien, als wenn sich die Lage zu Hause zuspitzte. Es scheint leider Ernst zu sein, daß es verboten ist, Rote-Kreuz-Pakete oder Briefpakete zu schicken. Die Wirkung wird nach und nach furchtbar wer- den. Hoffentlich gibt es irgendeine Lösung. Dänemark , Schwe- den, die Schweiz , ja, sogar Ägypten lassen sich in dieser Be- ziehung gebrauchen. Alle Norweger hier im Lager haben von diesen Ländern schon früher Standardpakete bekommen.

Hitler hielt gestern eine Rede, in der er sagte, daß derjenige den Krieg noch nicht gewonnen habe, der bis zwölf Uhr aus- gehalten habe, sondern daß es auf die fünf Minuten nach zwölf Uhr ankäme! Ein ganz eigenartiger Ausspruch. Aber er muß doch wohl der Ansicht sein, daß es auf zwölf zugeht- vielleicht auf die letzten fünf Minuten...

ı1. November 1943

Gestern sprach ich mit einem Juden. Es gibt tatsächlich hier und da im Lager einen, der noch am Leben ist. Dieser heißt Keil, ist Uhrmacher und ist in Norwegen gewesen- in Hönefoß als deutscher Flüchtling von 1936. Hierher ist er von Auschwitz in Polen gekommen, dem berüchtigten Vernichtungslager übelster Sorte. Was er mir von diesem Lager berichtete, ist so grauenhaft, so unfaßbar entsetzlich, daß es jeder Beschreibung spottet. Er erzählte mir, daß von den norwegischen Juden, die dorthin geschickt wurden- und es waren anscheinend alle ge- wesen-, nur noch ganz wenige leben. Etwa fünfundzwanzig von zwölfhundert, meinte er. Ich glaube kaum, daß es zwölf-

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