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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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dringender Lackgeruch, der in den Augen brannte, erfüllte den Raum. In der einen Ecke der Halle stand des Vorarbeiters kleiner Tisch und Schrank, das war sein ,, Büro", und dort sollten wir uns vorläufig aufhalten dürfen. Der Vorarbeiter nahm einige Holzfiguren aus dem Schrank, die andere Ge­fangene vor uns geschnitzt hatten. Irsch zeigte sie uns. Mir fiel auf, daß sie recht gut waren. Wir bekamen darum etwas lange Gesichter, als unser Freund Irsch erklärte, daß dies Beispiele schlechter Arbeit seien. Man könne nichts damit anfangen und er habe den Betreffenden die Aufträge entzogen. Jawohl, ja. Dies schien heiter zu werden! Dazu handelte es sich um richtige Holzfiguren, und weder Frode noch ich haben jemals so etwas gemacht. Wir stellten uns überlegen, sicher- wir durften ja unseren sinkenden Mut und unser zunehmendes Gefühl von Hoffnungslosigkeit nicht zeigen. So beteiligten wir uns an der allgemeinen Verurteilung dieser Holzfiguren, wiesen auf ihre Fehler hin und legten sie zurück, während wir mit den Schul­tern zuckten und einige langgezogene Worte sprachen, die be­deuten sollten: Ja, jaja- die Armen wußten es wohl nicht besser, aber wir, wir würden ihm schon zeigen, was wir könn­ten. Dann ging Irsch. Wir unterhielten uns mit dem Vorarbeiter. Er war Deutscher und hieß Alfred, jedenfalls nannten ihn alle so. Er stammte aus Köln , war Kunstmaler und Kommunist. Dazu hatte er einen Fehler an der Nase. An der einen Gesichts­seite, ich glaube, es war die rechte, lief der Nasenflügel mit der Backe und dem Backenknochen parallel. Das gab dem Mund wie dem ganzen Gesicht ein verzogenes Aussehen, fesselte aber zugleich und hielt den Blick gefangen. Es wirkte unbedingt interessant. Erst unterhielten wir uns über Holzschnitzerei und Zeichnen und Kunst, dann glitt die Unterhaltung hinüber in Politik, Krieg und Oranienburg . Er konnte viel erzählen. Im ganzen hatte er dreizehn Jahre seines Lebens gesessen, davon acht in Oranienburg . Bereits im vergangenen Krieg hatte man ihn wegen seines Kommunismus gefangen gehalten und dann noch einmal in den zwanziger Jahren, und nunmehr wieder, nachdem Hitler kam. Er hatte sich eine traurige, enttäuschte und niederdrückende Anschauung vom Leben und den

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