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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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bei mir behalten soll, wenn ich einmal hier fort muß. Ich rechne eben kurzerhand damit, daß mein Fortgehen von hier mit dem Kriegsende zusammenfallen und damit jegliche Kontrolle dieser Art von selbst wegfallen wird. Darum schreibe ich mutig weiter. Dies bedeutet eine so ungemein segensvolle Hilfe für mich, ein starker Trost- und die Zeit läuft dann auch schneller. Jetzt liegen die anderen alle und schlafen. Denn man hat jetzt Schlafzeiten auch mitten am Tage eingeführt. Das Signal zur Nachtruhe ertönt abends um acht Uhr, und um vier Uhr stehen wir auf. Mir ist dieser Schlaf mehr als genug, auch ohne die Schlafstunden mitten am Tage. Darum bin ich lieber auf. Selbst­verständlich ist auch das verboten; aber ich habe mich mit dem Stuben ältesten geeinigt, einem alten, lieben, polnischen Bar­bier, der Ludwig heißt und nichts weitererzählt. Ich habe ihm erzählt, daß ich damit beschäftigt sei, einen Liebesroman zu schreiben. Als er das hörte, lachte er verschmitzt, begeistert und bewundernd zugleich und bat mich, doch ja sitzenzubleiben. Seitdem schauen wir uns immer verständnisvoll an, wenn wir uns sehen.

Weil Hareide Scharlach hat, ist die Quarantäne um eine Woche verlängert worden.- Wir sollen also noch eine Woche in diesem schlafenden und essenden Zustand verbringen und alle Eindrücke nur durch die Berichte der Kameraden emp­fangen. Hier folgt eine der täglichen ,, Dosen", kalt, einfach, nüchtern und wahr:

Vor einiger Zeit kam ein Gefangenentransport in das Lager. Er wurde wie üblich gezählt und mußte sich auf dem Appell­platz innerhalb des Haupteingangs aufstellen. Die Zahl stimmte nicht. Es waren zwei Mann zuviel. Es wurde nochmals gezählt, bis endgültig festgestellt war, daß der Transport zwei Mann zuviel hatte. Diese beiden Männer wurden am Haupteingang außerhalb des Eingangsgebäudes aufgestellt. Dort blieben sie den Rest des Tages stehen, ohne daß sich irgend jemand um sie kümmerte. Dann kam der Abendappell, und wieder wurde ge­zählt. Die beiden Männer waren wieder zuviel. Da brachten einige Revolverschüsse aus einem Fenster des Eingangs­gebäudes die Rechnung zum Stimmen. Jetzt war die Zahl

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