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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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Es scheint, daß wir Glück haben mit unserem Blockältesten. Er ist einer der besten, und wir konnten uns bisher über nichts beklagen. Er tut nicht viel mehr als seine Pflicht, und das können wir ihm ja nicht verdenken. Wie er uns das erstemal auf die übliche Blockältestenweise in die Lagerregeln über Zucht, Arbeit und Lebensart einweihte, war unvergeßlich. Er legte uns die ganze Terminologie des Lagers aus und benutzte dabei fleißig den nach oben gewandten Daumen, um zu zeigen, welches das Schicksal wahrscheinlich der meisten von uns sein würde. Dabei war er auf seine Weise ganz jovial und gemütlich, aber er hatte uns nun mal nicht viel Tröstliches zu sagen. Er war jedoch der Ansicht, daß einige von uns eine Chance hätten, mit dem Leben davonzukommen; jedoch nur, wenn wir ihm blinden Gehorsam zeigten und seinen Befehlen in jeder Weise nachkämen. ,, Sonst", fügte er mit einer Grimasse des Bedauerns und einem Achselzucken hinzu, und führte den Daumen lang­sam in einer Spirale nach oben. Erik, der noch nicht wußte, was dieses merkwürdige Zeichen mit dem Daumen zu bedeuten habe, wagte zu fragen: ,, Du, Hans, was heißt eigentlich das?" und er machte das Zeichen nach, so gut er konnte. ,, Aber Menschenskind doch", brüllte Hans mit einer Stimme, die sich beinahe überschlug, als wenn sein Unterricht nun auch vollständig umsonst gewesen wäre ,,, das verstehst du nicht? Krematorium! Mensch! Krematorium!" und dabei führte er den Daumen in der vollkommensten Spirale so hoch, wie sein Arm überhaupt reichte. So, jetzt zweifelte keiner mehr, und schwer legte sich das Verstehen über die Gemüter.

ganzer

Es gibt hier im Lager so unheimlich viele Menschen, die ,, so" geworden sind und die wohl auch nie mehr anders werden. Es gibt hier Leute, die seit 1933 als Gefangene gelebt haben. Zehn bis zwölf Jahre in einem Gefängnis oder Konzentrations­lager! Möge Gott uns davor bewahren! Es ist wohl kein Wun­der, daß sie in dieser Zeit das meiste von dem, was zu einer menschlichen Lebensweise und zu eines freien Menschen Leben gehört, vergessen haben. Ein Teil von ihnen ist natürlich körperlich und geistig zugrunde gegangen. Einige sind homo­sexuell. Diese werden in eigenen Baracken untergebracht.

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