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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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ganzen Humbug, die Verlogenheit und Hohlheit ist es auch, daß die Baracken, auch ,, Blocks" genannt, überhaupt nie mit Wasser gesäubert werden- die Betten und Bettdecken werden nie gewaschen. Früh und spät brüllt man los von ,, peinlicher Sauberkeit" und bringt Schilder des gleichen Inhalts überall an. Außerhalb der Baracken und zwischen ihnen sind Blumen­gärten, allen Wegen entlang stehen kleine Zäune von borken­freien Tannenzweigen. Das sieht sehr gepflegt und idyllisch aus, und ein Besuch erfährt nie, daß dies alles nur als Rahmen dient für eine grenzenlose Unsauberkeit, für die schlimmsten Brut­stätten von Läusen und Bakterien. Es gibt keine Waschmittel, und das ist wohl einer der Gründe für dies alles. Gekalkte Gräber. In Wahrheit gekalkte Gräber. Wie viele ihr Leben in ihnen beendet haben, ist unmöglich zu sagen. Ich weiß nicht, was ich glauben soll und wem ich glauben soll. Denn die Zahlen schwanken. Dies ist auch etwas, was man schnell merkt: Es ist ganz unheimlich, wie leichtsinnig mit der Wahrheit umgegangen wird. Um eine Sensation in der Berichterstattung zu erwirken, scheut man nicht vor enormen Übertreibungen zurück. Denn sonst reagiert ja keiner. Die Wirklichkeit ist so stark, so be­täubend und brutal. Einige erzählen, daß 40000 hier gestorben sind, andere sagen 30000, wieder andere geben kleinere Zahlen an. Die Zahl der Gefangenen ist jetzt auf 73000 gestiegen. Ich habe die Nummer 72060 bekommen. Im Lager sind ungefähr 17000 Gefangene. Nahezu 10000 Gefangene sind ausgeliehen in andere Lager und Arbeitsstellen, so daß die Zahl der zur Zeit hier in Sachsenhausen einregistrierten Gefangenen sich wohl auf etwas über 25000 beläuft. Colbjörn gehört zu den ,, Ausgeliehenen". Er befindet sich in einem kleineren Lager südlich von Berlin , das Lichterfelde heißt. Es geht ihm an­scheinend gut, davon abgesehen, daß sie dort unter den Bom­benangriffen mehr zu leiden haben. Mehrere der Baracken im Lager wurden vor einiger Zeit weggeblasen. Jetzt wohnen sie in kleinen Zelten, die sich über ein großes Gebiet erstrecken. Es sind besonders die Ukrainer, die zu der Kaste der Parias hier im Lager gehören. Ihnen geht es entsetzlich schlecht. Sie sterben auch in Mengen. Den ganzen Tag haben wir sie um uns

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