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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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nur Arbeit! Frische Luft, Ehrlichkeit, Kameradschaft, Gemein­schaft. Ja, man brauchte sich nur umzuschauen. Überall auf dem großen, sonnigen Platz sah man grüngestrichene Ba­racken, Blumen, grüne Anlagen und saubere Gartenwege zwi­schen den Baracken und der gepflegten Todeszone, in der man durch kleine schöne Plakate in den Anlagen darauf aufmerksam gemacht wurde, daß man ohne Warnung erschossen würde, wenn man zu nahe käme. Was für ein Bild der Ordnung und Sauberkeit! Welche Idylle! Während wir dastanden wie ein Haufen staunender Bauern und alle diese Herrlichkeit be­trachteten, bekamen wir einen ziemlich strengen Befehl, uns an der Mauer aufzustellen, und zwar ordentlich zu fünfen. ,, Los, los!" Es waren jetzt offensichtlich Gefangene, die das Kommando übernommen hatten, deutsche Gefangene, die alle wie Winkelmänner wirkten. Aber es waren wohl nur wir, die unangenehme Erinnerungen hatten, die bei dem geringsten Anstoß wachgerufen wurden. Hier war doch alles sicher anders? Sie konnten doch nicht nur Lüge und Betrug sein, die schönen Inschriften auf den Gebäuden? Liebe zum Vaterlande stand ja da. Und ich fing an, darüber nachzudenken, warum wir alle hier waren. Warum man uns ins Gefängnis geworfen hatte. Das muẞte doch auf irgendeiner Art von Liebe zum Vaterlande beruhen. Oder meinten sie vielleicht nur Liebe zum Dritten Reich? Ach ja, das war es wohl, was sie meinten!

Ich wurde aus meinen Betrachtungen herausgerissen, als ein höherer Offizier angestiegen kam. Das war wohl der Kom­mandant. Er ging die Reihen entlang und musterte uns. Da bemerkte er einen Neger, den wir bei uns hatten, einen Süd­afrikaner, der neulich in Oslo verhaftet worden war. Er fand offensichtlich, daß das ein merkwürdiger Kerl sei. Vielleicht hatte er früher noch nie einen Schwarzen aus der Nähe gesehen. Darum befahl er dem Neger, vorzutreten, um ihn besser an­schauen zu können. Er stellte einige Fragen auf deutsch . Der Neger schüttelte den Kopf. Er versuchte, ihn mit einigen eng­lischen Brocken zu verblüffen, anscheinend das einzige, was er konnte- dann übernahm es ein Dolmetscher. Wissen wollte er überhaupt nichts. Schließlich ließ er den Neger und den Dol­

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