Die kleinen Jungen liefen am Weg entlang mit ihren Pistolen und hatten einen großen Tag.
Es ging jetzt weiter durch einen Tannenwald auf sandigem Boden. Sand, nichts als Sand. Bei jedem Schritt entstand eine Staubwolke. Eine Schicht von feinstem Sand lag über allem. Wir kamen an einigen Gefangenen vorbei, die Sand in Autos schaufelten. Sie trugen weißgestreifte Anzüge, die aussahen wie Schlafanzüge. Man hatte nicht den Eindruck, daß sie sich überanstrengten. Das Arbeitstempo erinnerte schr an das auf Grini . Das war nun beruhigend. Nach einer Weile trafen wir weitere Gefangenenkolonnen. Es waren Norweger darunter, die winkten und uns willkommen hießen. Sie machten Aus- schachtungsarbeiten für Gebäude, die hier und da im Tannen- wald errichtet werden sollten. Dann kamen wir an die Mauer, die das Schutzhaftlager Sachsenhausen umgibt. Wir sahen einen Turm, und dann noch einen, und man erkannte das System mit Wachtturm wieder, wie es auf Grini gewesen war. Wir mar- schierten weiter und weiter, denn die Mauer war lang, und der Eingang lag auf der anderen Seite. Aber nach langer Zeit kamen wir doch an und zogen durch das Eingangsgebäude auf einen großen Platz, um den herum die Baracken im Halbkreis lagen. Unwillkürlich wurde der Blick gefangen von großen Schrift- tafeln, die auf diesen Baracken angebracht waren, und die zu- sammen eine Art„Lehrsatz‘ bildeten, der ungefähr so lautete: „Es gibt nur einen Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine heißen Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Gehorsam, Fleiß, Nüchternheit, Sauberkeit und Liebe zum Vaterlande!‘“ Ich weiß nicht, ob er uns mehr zum Lachen oder zum Weinen reizte. Während es unmittelbar lächerlich und kindisch wirkte, war es zugleich grotesk und unheimlich. Es war etwas an diesem System, das das Ganze so unheimlich machte. Es konnte eben nicht noch mehr übertrieben werden. Man konnte es nicht noch lächer- licher machen. Auf dem großen schmiedeeisernen Tor am Eingang, durch das wir gerade marschiert waren, stand mit großen, leuchtend weißen Buchstaben: ARBEIT MACHT FREI! Wie schön! Welch ein frischer Hauch von Germanen- geist! Hier konnte ja nichts Häßliches geschehen. Hier gab es
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