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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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strömen, wenn ich sie später im Leben wieder in die Hand nehme. Das, was dem Leben hier auf Grini am stärksten das Gepräge gibt, ist wohl die eigentümliche Mischung von ge­sunder, guter Laune, sprudelndem Witz, Galgenhumor- und tiefem Todesernst.

Zu den guten Stunden" hier gehören jene, in denen die Nachrichten verlesen werden. Von allen Seiten hört man, wäh­rend sie verlesen werden, zufriedene Grunzlaute. Man freut sich, wenn man hört, daß der Feind beträchtliche Verluste hatte. Man denkt an einige SS - Leute im Lager und wünscht ihnen hemmungslos Tod und Verderben. Daß für jedes aller dieser Tausende und Abertausende von Menschenleben, die vernichtet werden, die Trauer darum in der Welt zurückbleibt, die sie verließen, das bleibt unbedacht. Auch daß aus dieser Trauer Haß erwächst- und daß der Haß zur Rache wird-, die Rache aber führt zu neuem Tod und weiterer Vernichtung. Böses soll mit Gutem vergolten werden!

Wer wagt es, heute das zu sagen? Und was hätte es für einen Sinn, wenn er es täte? Und wer darf wagen zu behaupten, daß er selber daran glaubt? Denn wenn dies gilt, dann gilt es heute auch, in dieser Stunde, und nicht nur unter Einzelnen, sondern ebenso auch unter den Nationen.

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Aber soll man Hitler denn nicht niederkämpfen? Und ist dies vielleicht mit guten Mitteln möglich?!- Kaum mit Gutem, sondern für das Gute. Es fragt sich nur, ob überhaupt noch etwas da sein wird, wenn der Kampf zu Ende ist. Ob nicht dann alles schon vergiftet ist vom Bösen? Darin besteht die tödliche Gefahr für unsere Kultur. Es ist die große Katastrophe, die uns droht: daß die Macht des Bösen über die Menschen siegen wird. Und daß das Böse den Frieden diktiert und die Zukunft plant. Dann ist in Wahrheit alles umsonst gewesen. Dann hätte Hitler doch gesiegt.

Aber das wird nie geschehen! Aus all der Not und den Bedrängnissen, die diese Schreckenszeit gebracht, werden jene Männer steigen, deren Geist genügend Licht besitzt, deren Fähigkeiten groß genug sind, deren Wille soviel Stärke hat,

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