Druckschrift 
Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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Die Zeit verging hinter dem Stacheldraht, und das Schreiben wurde für mich zu einer großen Hilfe. Es war, als vertraue man sich einem nahen Freunde an und könne sein Herz erleichtern von allem, das es bedrückte- es wurde zu einer eigenen Art des Vergessens. Ich war glücklich mit meiner Erfindung und wurde immer erfinderischer darin, das, was ich geschrieben hatte, zu verstecken und hinauszuschicken. In Grini , wo ich mich sehr schnell eingewöhnte, war es nicht schwierig. Es gab Hunderte von Verstecken, die kein Deutscher jemals herausfand. Wir hatten eine richtige Vorratskammer von ,, Verbotenem" in dem Hauptabzugsrohr, das aus dem Heizungsraum durch einen geheimen Tunnel nach draußen führte. In Rohrschächten im Hauptgebäude, hinter Gasrohren und Leitungen zwischen den Stockwerken hingen in Beuteln ,, feuergefährliche" Dinge. Wir hatten Verstecke auf dem Bauernhof, in den Werkstätten, unter Baumstümpfen und Steinen draußen auf den Feldern, in hohlen Tischplatten und Tischbeinen, in Fächern mit doppeltem Boden und in den Fußböden, Decken und Wänden aller Ge­bäude im Lager. Keine der vielen Nachsuchen, die zu meiner Zeit durchgeführt wurden, brachte irgend etwas wirklich Wichtiges zutage. Keine einzige Seite des Tagebuches fiel jemals in falsche Hände, kein einziger wichtiger Brief, keine einzige Nachricht. Auch Kanäle führten heraus, viele und gute. Manche Eil­nachricht und manch wirklich wichtige Briefe, von denen Tod und Leben der Beteiligten abhängen konnte, fanden ihren Weg in die Freiheit in dem doppelten Boden einer Streichholz­schachtel, in eine Zigarette gerollt oder in einem der Röhren­stücke, die dauernd nach Oslo zur Reparatur mußten. Viele hundert Seiten dieses Tagebuches wurden auf diesem Weg aus dem Lager gebracht. In den Fossum- Werken, am Bahnhof Lysaker und an vielen anderen Orten, wo wir Material für die Bauabteilung holen mußten oder anderes zu tun hatten, überall waren gute Freunde, die Briefe und Pakete beförderten und die mit den Verbindungsleuten in Oslo die Kanäle offen hielten. Die Kanäle waren unsere Lebensnerven. Es würde zu weit führen, alle Helfer zu erwähnen. So nenne ich niemand. Aber Ehre allen, die daran teilhatten.

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