74
Und wo dem Mittagsstrahl Ein Pappelwäldchen wehrt. Und kehr' ich dann
Am Abend heim
Zun it
Vergoldet vom letzten Sonnenstrahl;
Lass mich empfangen solch ein Weib,
Den Knaben auf dem Arm!
Treffend hat Franz Muncker in seinem Werke über Klop—
stock S. 327 das Wesen der freien Verse Goethes mit folgenden
Worten geschildert:»Er vermied»alles, wodurch dem deutschen
Ohr, unserm Sprach- oder Versgefühl Zwang angethan würde.
Antispastische
Rhythmen, mehrfache Häufung von Kürzen oder
Längen. gewaltsamen Wechsel im Takte vermied er so sorgfältig,
wie widernatürliche Stellungen oder undeutsche Konstruktionen.
So vermochte er allen seinen freien Rhythmen jenes natürlich
schöne Mass und jenen vollendeten Wohllaut zu verleihen, den
Klopstock nur in einzelnen, besonders gelungenen Teilen seiner
und da oft erst mit Aufgebot aller deklamatorischen
Kunstmittel, erreichte.«
Wir werden nun weiter schen, wie Goethe noch ausserdem
zu besonderen Bindemitteln griff.
Bevor ich jedoch hierzu übergehe, sind noch einige
Worte über die Allitteration zu sagen. Dieselbe fipdet sich
nur in den freien Versen der ersten Zeit, und ist auch hier, eben-
so wie bei Klopstock keineswegs als absichtlich angewandtes Bin-
anzuschen. Goethe braucht die Allitteration sehr selten.
Er mag sie wohl von Klopstock übernommen haben, darauf deutet
ein Beispiel(Annomination) wie:
Du schläfst im Grabe langen Schlaf
d. j. G. I, S. 286, V. 7) mit einiger Wahrscheinlichkeit hin
45), aber er machte von derselben bei weitem keinen s0
ausgedehnten Gebrauch, wie dieser; er verfuhr auch hier mit weiser
Finige andere Beispiele mögen noch angeführt werden: Schlug zum Schilde tönenden Schall,
Die Feigen wohnen in Furcht,
S. 280, V


