73
Sorglos über die Fläche weg, Wo vom kühnsten Wager die Bahn Dir nicht vorgegraben du siehst,
Mache dir selber Bahn!
Stille, Liebchen, mein Herz! Kracht's gleich, bricht's doch nicht!
Bricht's gleich, bricht's nicht mit dir!
Eis-Lebens-Lied.«4) Wir erkennen also auch hier wieder ein Streben des Pichters zur Gesetzmãässigkeit.
§ 78. Aus dem bisher gesagten geht hervor, dass Goethe, im Gegensat? zu Klopstock, in der Freiheit des Rhythmus stets Mass zu halten wusste und zuweilen sogar bestimmte Vers- gesetze zur Anwendung brachte. Durch das Aufgeben der vier zeiligen Strophenform und die Einführung durchweg kürzerer Verse vermied er den bei Klopstock oft störenden Rbythmus- wechsel in demselben Verse; und anstatt sich über alle Regeln hinwegzusetzen, gab er durch mässigen Gebrauch derselben seinen freien Versen erhöhten Schwung und grössere Festigkeit. So er- hob sich bei ihm die rhythmische Malerei, die bei Klop- stock bisweilen allzu gekünstelt erscheint, zur vollkommenen, natür- lichen Schönheit. Die Goethe'schen Gedichte sind im Gegensat? zu denen Klopstock's, die leider einer frühzeitigen Vergessenheit anheimgefallen sind, so bekannt, dass besondere Beispiele hier kaum nötig scheinen. Dennoch führe ich hier, als besonders be- zeichnend, eine Stelle aus»Der Wanderer« an, während ich im übrigen auf die schon bisher angeführten Beispiele verweise.
W
Leb' wohl! O leite meinen Gang. Natur! Den Fremdlings-Reisetritt, Den über Gräber
Heiliger Vergangenheit
Ich wandle.
Leit' ihn zum Schutzort, Vor'm Nord gedeckt,


