Finleitung.
Die Entfaltung freierer Regungen in der deutschen Dichtung des 18. Jahrhunderts.
S 1. Ftwa hundert Jahre, nachdem Opitz für die Formen unserer Poesie bestimmte, enge Grenzen gezogen hatte, die seine Nachfolger nur wenig erweiterten, begannen sich wieder Regungen zu entfalten, die aus diesen engen Grenzen hinausstrebten. Die Opposition richtete sich sowohl nach innen, wie nach aussen. Die Poesie, die bis dahin fast überall nur ein künstliches Produkt des Gelehrtenstandes gewesen war, suchte einen tieferen Gehalt, und dementsprechend sollte sich die Form freier und ungezwun- gener bewegen. Es traten Dichter auf, welche nach grösserer
Natürlichkeit strebten, und die erstarkende ästhetische Kritik wies
die Poesie in neue Bahnen. Den Anstoss hierzu gaben vor allem
Bodmer und Breitinger, sowie A. G. Baumgarten, der in seiner Habilitationsschrift»meditationes de nonnullis ad poéma pertinen- tibus«(1735) den Satz aufstellte:»eine vollkommen sinnliche Rede ist ein Gedicht«, sowie im Aletheophilus Stück 7 Schreiben 12 eine solche Rede nun, die so lebhaft ist, dass sie das Me- trum verlangt, ist ein Gedicht.«¹) Der Kampf entspann sich zu— nächst um den Reim, dessen mehr als achthundertjährige Allein- herrschaft in Deutschland die Schweizer und ihre Schule zu durchbrechen begannen. Sie waren nicht ganz ohne Vorläufer gewesen. Reimlose Verse fanden sich im Madrigal, im Recitativ, sowie in einigen Nachahmungen antiker und ausländischer Verse,
vornehmlich der englischen, seit 1615.²) Aber diese Versuche
¹) Vgl. F. Braitmaier, Geschichte der poetischen Theorie und Kritik von den Diskursen der Maler bis auf Lessing. Frauenfeld 1888 u. 89. Bd. I S d Bd. II 8 u f.
²) vgl. Koberstein, Grundriss der Geschichte der deutschen National- litteratur Bd. II§ 196 8. 92 u. 93, und Borinski, Poetik der Renaissance.


