418
§. 232.
Daß nun mit jeder Abweichung der ſchaffenden Kunſt⸗ vermoͤgen vom normalen Verhaͤltniß krankhafte Kunſt geſetzt ſey und poſitives Kunſtuͤbel auftreten muͤſſe, ſey es kraft eines Uebergewichts des Genies uͤber das Talent, oder umgekehrt, iſt jedem Leſer klar, und es liegt ihm zu⸗ gleich die weitere Ausfuͤhrung des erwähnten Parallelismus ganz nahe. Wo z. B. das Talent auf Koſten des Genies ausgebildet iſt, mithin der Kunſtverſtand(ohne Leitung durch die Kunſtvernunft) die Thaͤtigkeit des Kuͤnſtlers be⸗ herrſcht, da entſteht jene Oberflaͤchlichkeit, welche das We⸗ ſen der Kunſt in die Form und Farbe, uͤberhaupt in das Aeußere ſetzt und nur darauf bedacht iſt, die Sinne durch ideenloſe Mannigfaltigkeit, durch leeren Glanz zu ergoͤtzen, eine Afterkunſt, welche Körper ohne Seelen ſchafft, ent⸗ ſprechend dem rreflektiven Uebergewicht im religioſen Leben (§. 108— 110) und dem Empirismus im wiſſenſchaftlichen. Es iſt ein und daſſelbe Uebel, erſcheinend in verſchiedenen Sphaͤren des Lebens, dort als Empirismus(Formalismus) der Religion, auf hoͤherer Stufe als Empirismus der Wiſ⸗ ſenſchaft, und hier, im Gebiete der Kunſt, als Kunſt⸗ empirismus. Ueberall derſelbe Grund des Uebels, beſte⸗ hend in einem Uebergewicht des Sinnes fuͤr das Mannig⸗ faltige, Einzelne, Beſtimmte, Begraͤnzte und fuͤr deſſen aͤußere Verhaͤltniſſe, in der Herrſchaft des Verſtandes alſo (im weitern Sinne:— religioſer und ſittlicher, wiſſenſchaft⸗ licher, Kunſtverſtand)! negativ ausgedruͤckt: Mangel an (entwickelter) Vernunft, an Einheits⸗ Wahrheits⸗ Schoͤn⸗ heitsſinn, Mangel an Sinn fuͤr das Ueberſinnliche, Goͤttliche!


