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Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
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den gefräßigen Ziegen den Zugang zu wehren. Wie Vulkankrater ſchauen dieſe Feldſtückchen aus; ſchmale, beſchwerliche Pfade führen eil zu ihnen hinab Dicht hinter der Grenze liegt in einer Mulde das Dorf Njeguſi, der Geburtsort weiland König Nikitas, das Geburtshaus

iſt ein kleines Landhaus, dicht an der Straße, von einigen Bäu⸗

men umgeben; das UÜbrige jämmerliche Hütten, faſt nur aus rohen Bruchſteinen, mit ganz kleinen Fenſterchen und niedrigem Dach aus Steinplatten. Frauen und Kinder und Eſel keuchen den Weg entlang ſchleppen Waſſer und Futter oder halten dem Frem⸗ den bettelnd die Hand entgegen:Dinar! Dinar! And die ſtol⸗ zen Montenegriner, die Männer aus den Freiheitskämpfen. ſitzen am Straßenrano und klopfen Steine...

Weiter über gefährliche Kehren, hinauf, hinab, an Abgrün⸗ den vorbei Im Süden leuchtet die weitgeſpannte Silberfläche des Skutariſees herauf. bewacht von den erſten Gipfeln der alba⸗ niſchen Berge

Noch um eine widerſpenſtige Bergnaſe herum, und die Straße eilt in langen Sätzen den Berg hinab, einem ebenen Talkeſſel zu, eine weite Oaſe, unwahrſcheinlich grün, in Felder aufgeteilt.

Hier liegt Cetinje, die ehemalige Hauptſtadt Montenegros, ſerbiſches, chriſtliches Bollwerk in unzugänglicher Bergwildnis, als ganz Serbien, nebſt Bosnien und Herzegowina türkiſch gewor⸗ den war. Bis in die Straßen von Cetinje tobten die erbitterten Kämpfe, am Eingang zur Stadt noch ein altes primitives Fort, eine Kule, Wachtturm und hegende Mauer mit Schießſcharten; jedes Haus war eine Feſtung, und das Kloſter St. Peter war Königspalaſt, Burg und Gotteshaus in einem

Cetinje iſt in Wirklichkeit ein Dorf mit heute vielleicht noch 3000 Einwohnern Aber hier wurde einmal die Politik Euronas emacht, wurden Ränke geſponnen,. die bis in den Weltkrieg buch mündeten. Und der König Nikita ſamt Verwandtſchaft, ofſchranzen und Einwohnerſchaft der Haupt⸗ und Reſidenzſtadt, waren geſchäftstüchtige Leute, die die gute Konjunktur der Vor⸗ kriegszeit weidlich ausnutzen; und die Prinzeſſinnen des könig⸗ lichen Hauſes waren nicht allein wegen Schönheit und Geiſtes⸗ gaben auf dem Heiratsmarkt derervon Gottes Gnaden über pari gehandelt. Mit was für Klimbim und Trara hielt man vaf in dieſem europäiſchen Poſenmuckel! Die königliche Pracht iſ dahin, Weltkrieg und ſüdſlawiſch⸗nationale Einigung haben ſie hinweggeweht. Aber die ſteinernen Zeugen der alten Herrlichkit ſtehen noch meiſt mit verſchloſſenen Fenſterläden das kümmerliche Palais Nikitas und in gebührender Entfernung von einander die prunkvollen Geſandtenpaläſte der rivaliſterenden Mächte, die hier auf montenegriniſchem Boden ſich gegenſeitig auszuſtechen ſuchten, der ruſſiſche, italieniſche und öſterreichiſche. Auch ein deutſcher Geſandter reſidierte hier in einem kleinen Dorf⸗ häuschen, unten zwei, oben drei Fenſter Front, am Balkönlein noch die ſchwarzweißrote Fahnenſtange. Übrig blieb auch ein ver⸗ blüffend europäiſches Hotel mit den feinſten Delikateſſen für Zunge und Gaumen, und überraſchend billigen Preiſen. übrig blieben auch die Cetinjaner. Aber an der Bittſchriften⸗ ulme wartet nicht mehr Nikita auf ſeine Untertanen, nichts mehr Hibt es zu ſchauen die paar Fremden lohnen nicht das Auf⸗ ſehen

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; ſo ſitzt man denn in den Cafés und politiſiert von der

guten alten Zeit und ſchmuggelt gelegentlich etwas von Alba⸗ nien herein.

Albanien das iſt das große Fragezeichen auf dem Balkau. Hier haben ſich die Italiener entlang der ganzen Küſte eingeniſtet und die Hand auf das bißchen Regierungsapparat gelegt. Von hier bedrohen ſte Südſlawien. Und vielleicht wird man in den Befeſtigungen von Cetinje demnächſt die Schießſcharten zur Ab⸗ wechſelung einmal nach Süden hin öffnen müſſen.

In einer mitlelalterlichen Stadt Eine Sprachſtudie)

überall auf dem Marktplatze hat ſich ein lebhaftes Treiben entwickelt. Die Verkäufer ſchreien ihre Ware aus(Markt⸗ ſchreier) wie bei uns der billige Jakob. Dabei fällt uns ein, daß auch wir noch von marktſchreieriſchen Waren ſprechen, wenn ſie allzu auffällig herausgeputzt und aufdringlich angeprieſen werden.

An einer Stelle des Platzes hat ſich eine dichte Menſchenmaſſe angeſammelt. Mitten darin ſteht auf einer alten Tonne ein ſonderbarer Kerl. Wir merken bald, daß er ein herumziehender Wundarzt und Kurpfuſcher iſt, der iin alle Krankheiten ſeine Hilfe anbietet. Er ſchreit wie ein Zahnbrecher, wie wir heute noch ſagen, alſo laut und unaufhörlich, um ſeine Kunſt zu rühmen und die Leute anzulocken Nicht weit davon ruft ein anderer Angehöriger der Heilzunft ſeine Salben aus. Das Volk nennt ihn einen Quackſalber. Dieſe ſonderbare Bezeichnung, die wir noch für einen Kurpfuſcher gebrauchen, iſt entſtanden aus dem niederländiſchen Worte quakken, das heißt ſchreien, und aus Salbe. Alle dieſe Wander⸗ und Wunderdoktoren waren geſuchte Leute. Denn in den engen, ungeſunden Städten brauchte man den Arzt oft, wenn er auch nicht viel von der Heilkunſt verſtand. Viele Gebrechen wurden damals durch Beſprechen, durch Zauberworte, Peheilt⸗ andere mit Kräuter und Salben. Und wenn wir jetzt von

ungenkraut und Leberblümchen reden, ſo denken wir kaum noch daran, daß damit einſt Lungen⸗ und Leberleiden ge⸗ eilt wurden. Auch unſere Salbei, das heißt geſundmachende flan 4 war ein Heilmittel. Nur gegen den Tod war kein Kraut gewachſen.

Beſonders ſchlimm erging es den Leuten, die von der Miſel⸗ lucht, dem Ausſatz, befallen waren. Man ſteckte ſie in Siechen⸗ häuſer, das ſind Seuchen⸗ oder Krankenhäuſer, damit ſie nicht mit anderen Meuſchen in Berührung kamen. Das Wort ſiech bedeutete alſo urſprünglich krank, heute heißt es ſoviel wie ſchwach und gebrechlich ſein. Wenn man im Mittelalter einem andern etwas Böſes wünſchen wollte, ſo rief man ihm wohl zu:

) Entnommen ausLeben im Wort, Bilder zur Sprachgeſchichte und Wort⸗ kunde. Ein Volks⸗ und Jugendbuch von A. Hoſchke und W. Vogelpohl.(Preis RM. 2.20. Verlag B. G. Teubner, Se vsfe, Barlin. Das Ziel des Büchleins: Das deutſche Wort ſoll nicht mehr ſeelenlos klingen, es ſoll Blut in ſich haben, es ſoll verbunden ſein mit dem Ganzen der deutſchen Kultur wird erreicht nicht durch weitſchweifige Erklärungen, ſondern durch plaſtiſche Erzählungen, aus denen Klar⸗ heit überWort und Redensart erwächſt.

einem primitiven Maisgericht beſteht, und die durchweg unter⸗ ernährt und total verarmt ſind, auch die Mittel nehmen, ihre Wohnungen inſtand ſetzen zu laſſen? Ihrer Weltanſchauung nach ſind die Arbeiter zum weitaus überwiegenden Teile Sozial⸗ demokraten. überall ſchallt uns der Gruß der öſterreichiſchen Ge⸗ noſſen,Freundſchaft, entgegen. Krankheit. Not und Elend, die hit Jahrzehnten auf ihnen laſten. haben nicht vermocht, ihnen die Hoffnung auf eine beſſere Zukunft zu nehmen. Trotz ihres kärglichen Einkommens ſind die meiſten organiſiert. Auch ſie haben erkannt, daß der Einzelne nichts, die Gemeinſchaft alles iſt. So iſt der Abſchied, den wir von ihnen nehmen, trotz allem froh und hoffnungsvoll. Wir wiſſen, daß dieſe Proletarier, deren Verhältniſſe an die Kinderjahre des kapitaliſtiſchen Syſtems er⸗ innern, den Kampf um die elementarſten Menſchenrechte führen werden. Auch hier in dem abgeſchiedenen Gebirgsdorfe fühlen wir das Band, das die Internationale um alle Schaffenden ſchlingt. Dr. Else Möbus.

Ein Sonelt von Shakeſpeare in zwei Lberſetzungen

Stefan George

Der pocht auf kunſt/ der auf vermögensſtand der auf des körpers kraft/ der auf geblüt/ der auf ein ſchlecht⸗neumodiſches gewand

und der auf hund und habicht und geſtüt.

Jed weſen hat ſein zugete Tt vergnugen darin es freude ſucht mehr als im reſte.. Ich aber frage nichts nach einzelzügen Ich: beſſer als ſie all durchs Eine Beſte.

Beſſer als blut iſt deine liebe mir reicher als gut/ ſtolzer als köſtlich kleid/ iſt mehr als hund und habicht meine zier! und biſt du mein/ prang ich zu aller neid..

Elend nur darin daß du nehmen magſt all dies und mich ins größte elend jagſt.

Ludwig Fulda

Der rühmt ſein Können, jener ſeinen Stand, der ſeinen Reichtum, der die Kraft der Glieder, ein anderer ſein geckenhaft Gewand, Jagdfalken, Meute, Stall ein andrer wieder.

Und ſo hat jeder Sonderling auf Erden ſein Lieblingsſpiel, das ihn zumeiſt erfreut; ich aber habe, frei von Steckenpferden,

ein Allerbeſtes, das mir beffres beut.

Mehr iſt mir deine Lieb' als Stand und Wappen, reicher als Reichtum, prächtiger als Pracht, entzückt mich mehr als Falken und als Rappen; du mein das iſt's, was überſtolz mich macht.

Mein Schmerz iſt nur, du könnteſt mich verkürzen um alles dies und mich ins Unglück ſtürzen.

Stefan Georges Verdentſchung der Shakeſpeare⸗Sonette iſt hei Georg Bondi, Berlin. Ludwig Fuldas Überſetzung bei J. C. Cotta Nachf., Stuttgart, erſchienen. Wir entnehmen die Gegen⸗ überſtellung dem ſehr inſtruktiven Heft desHeſſiſchen Landes⸗ theaters Darmſtadi 1927/28. Bekanntlich hat dort Genoſſe Pro⸗ feſſor Carl Ebert die Generalintendantur übernommen.