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Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
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Das Kiopfen an der Wand

Von Henmann Horn

Ich ſaß gerade noch beim ſpäten Frühſtück, als es läutete und gleich darauf mein junger Freund Paul eintrat. Er hatte erſt kürzlich von ſeinem Pflegevater eine kleine pharmazeutiſche Fahrik geerbt. Ich war mit ſeinem Erzieher, dem Apotheker, be⸗ freundet geweſen, hatte den jungen Doktor groß werden ſehen, und er kam oft, zumal er mit ſeiner Mutter in der Nachbarſchaft wohnte. So begrüßte ich ihn gleich, als ich ſeine Geſtalt erkannte, mitHallo und ob Kaffee und Zigarre gefällig ſeien. Er jedoch trat ſchweigend näher und ſagte nur:Lies, als ich ihn fragte, was denn los ſei.

So nahm ich ein kleines Heft in Empfang, ſah einen Augen⸗ blick auf meines Beſuchers bleiches und abgeſpanntes Geſicht und las dann in der Schrift des Apothekers die blau angeſtrichene Stelle eines Notizbuches:

Eines Nachts erwachte ich an einem fernen, leiſen Klopfen an irgendeiner Wand meiner Wohnung. Was iſt das? fragte ich

mich. Und da mir war, als vernähme ich ein Schlürfen und vor⸗

ſichtiges Gehen, richtete ich mich auf, öffnete mein Nachtkäſtchen und ſaß gleich darauf mit geſpanniem Revolver erwartungsvoll

im Bett. Der würde Augen machen, der Herr Einbrecher, wenn

er einträte!

Ich durchblickte in dem durch die Straßenlaterne erleuchteten Zimmer jeden Schatten und konnte, wenn es mir beliebte, jeden Fleck mit Kugeln beſtreichen. So lauſchte ich eine Weile, hörte draußen auf der Treppe des Hauſes jemand nach oben tappen, ſah ein Licht kommen und gehen und lachte ſchließlich.Weiß Gott, was du da gehört haſt wie oft iſt es ſchon nichts ge⸗ weſen, und wird auch wieder nichts ſein!

Darüber ſchlief ich ein und erwachte erneut an einem leiſen und eindringlichen Klopfen. Aber das war vorüber, als ich mit offenen Augen Horqte Die Laterne drunten war erloſchen und ich blickte in tiefe Dunkelheit. Als ich eine Weile gelauſcht, erſt nichts vernommen hatte, nachher aber doch Geräuſche zu ver⸗ nehmen meinte, wurde ich unruhig.

Warum haſt du verſäumt, vorhin nachzuſchauen, ſagte ich mir. Wenn jetzt aus der Dunkelheit eine Fauſt nach deiner Kehle langt, biſt du wehrlos, und deine Waffe, die da irgendwo im Dunkeln liegt, nützt dir nichts.

Ich hielt den Atem an und meinte zu fühlen, wie jemand mir entgegenhauchte. Das war ſo unerträglich, daß ich ungeſtüm auffuhr und beim Langen nach dem Revolver das Nachtkäſtchen umwarf. Es fiel mit einem dumpfen Schlag zu Boden.

Ich lauſchte, bis ich mir lächelnd ſagte:Vorhin haſt du un⸗ nötigerweiſe Mut und jetzt unnötigerweiſe Angſt gehabt. Dies kommt, weil du in der Dunkelheit liegſt ach wäre doch Licht aber im Licht kannſt du nicht ruhen.

Jedes der harmloſen Worte bekam etwas Ungewiſſes und veränderte ſich, wenn es aus mir gekommen war. Mein vom Willen beherrſchtes Denken brach ab, und ich verlor mich in be⸗ ängſtigenden Vorſtellungen. Hatte ich nicht immer unnötigen Mut oder unnötige Angſt gehabt? Was hatte das eine oder andere für einen Wert. Hilflos ſchwamm man doch auf den Wogen des Lebens hin und her. Man fühlte ſich getragen, wußte aber nicht, warum der Wind blies, oder weshalb man bald hoch oben, bald tief unter trieb.

Und abermals entſchlief ich und erwachte zum drittenmal an den Geräuſchen wie ſeither. Aber obgleich ich auch jetzt beim Wachen nichts hörte, war mir's doch, als ſei das Klopfen laut wie eine Poſaune und fürchterlich wie ein entſetzlicher Schrei ge⸗ weſen, und ich war erfüllt von Schrecken und wand mich unter der Vorſtellung des Todes. O dieſes fürchterliche Ende, dem man nicht entfliehen konnte, das weit hinausgeſchoben ſein und einen im nächſten Augenblick mit kalter Hand an ſich ziehen konnte.

Man ging ihm entgegen, und es kam einem entgegen, und da⸗

zwiſchen gab es nichts als das Vergeſſen. Und das hatte ich nicht. Vernichtung lachte mir höhniſch entgegen, und Verweſung

ein kleines Flämmchen, liegt in der Bruſt, bis ih wort hebt und der

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Menſch den alten Reichtum entdeckt

l hauchte mir ihren Atem ins Geſicht. Meine Natur fand vor der ſchrecklichen Pein keinen anderen Ausweg als Tränen, und ich weinte und entſchlief zum drittenmal.

Ein leichter Ernſt war am andern Morgen in mir. Als ich mir die Morgenzigarre anſteckte und pötzlich die Erlebniſſe der Nacht vor mir hatte, konnte ich mir noch kopfſchüttelnd ſagen: Und ſo etwas haſt du völlig vergeſſen können, dann ging ich an die gewohnte Arbeit.

Aber hatte ich vergeſſen können, was ſo tief in mir ent⸗ ſchlummert war mich hatte es nicht vergeſſen! 3

So kams, daß ich die Abende in ſtummer Trauer verbrachte. Wenn ich nach mühevoller Arbeit meine Wohnung betrat, erfüllte mich meine Melancholie wie Dunkelheit ein ſchattiges Tal. Sie umgab mich, und ich vermochte nicht, nach den ſonnigen Höhen emporzuklettern.Du ſtrengſt dich Tag für Tag an, nach einer beſtimmten Richtung Geſchäfte zu erledigen, redete ich,ſonſt wiederholt ſich deine Natur, als ſeiſt du nur eine Retorte für Reiz und Gegenreiz, in ewig gleicher Weiſe. Vor dir iſt trauriges Halb⸗ dunkel, das dein Blick nicht zu durchdringen vermag. Wahrhaftig, in dieſen paar elenden Gedanken ſah ich mein Leben, und zwiſchen ihnen hervor ſloß zäh und ſchwer die Trauer, von der ich nicht los⸗ kam, ob ich gleich nach Gott und Menſchen ſchrie.

Ich weiß nicht, wie lange dieſe Zeit gedauert hat, als ich eines Nachts wieder an dieſem Klopfen erwachte. Aber nun war mir's, als ſei an mir vorbei in einer grünen Waſſerflut ein Weſen halb Fiſch, halb Menſch geſchwommen. Von der Seite aber hatte mich das ſeltſame Weſen angeſchaut. Und jetzt ſah ich deutlich ſein Auge, das ſich aus einem vor Scham niedergebeugten Antlitz erhob und mich anblickte. Es war, als erwarte dieſes Weſen ſehnſüchtig ein Wunder von mir, das es rette..

Das aber war ein Blick, den hatte ich vor fünf Jahren, ſtumm vor Entſetzen über den Verrat des Freundes, mit meinen Augen geſehen! Ich hatte geglaubt, mein Wille und meine Verachtung hätten ihn abgelehnt, aber er war doch in mich eingedrungen, und Pent die Jahre her in mir gelebt, und war jetzt da mit ſeiner

acht.

Und ich erhob mich in meinem Bett und fragte mich:He, was war geſchehen? Ich hatte mit meinem Freunde Paul, dem ich ſeit⸗ her blind vertraut hatte, eine kleine pharmazeutiſche Fabrik ge⸗ gründet. Sie hatte bereits alle Erſparniſſe meiner Apotheke, auf⸗ genommene Hypotheken und was ich ſonſt hatte, aufgefreſſen, als ich eines Tages bemerken mußte, daß mich Paul ſchamlos betrogen hatte. Er hatte einfach mein Geld für ſich verbraucht und mir gegenüber immer geſagt, man muß eben im Anfang hineinſtecken. Weiß Gott, wozu er alles verbraucht hatte. Er wurde ſchneeweiß und verteidigte ſich nicht gegen meine Vorwürfe; er unterzeichnete auch ſchweigend ein von mir in der Erregung verfaßtes Schrift⸗ ſtück, worin er ſeine Verfehlungen zugab und gleichzeitig auf alle Rechte verzichtete. Dann war es, daß er mir dieſen Blick zuwarf, der irgendwie auf ein Wunder durch unſere Jugendfreundſchaft und Liebe zu warten ſchien. Und ich ſah den Blick und wies ihn ab, weil ich nur mit dem Gedanken beſchäftigt geweſen war, wie retteſt du dich und dein Geſchäft vor dem Untergagg.

Ach, was hatte er denn ſo ſchreckliches getan? Vielleicht ſeiner Frau zu ſchöne Pelze gebauft, zu teuer gelebt? geritten und geſpielt, vielleicht Schulden der Verwandtſchaft gedeckt was wußte ich. Jedenfalls hatte er gedacht, meine Freundſchaft werde ſchon verzeihen, und ich hatte gedacht, ſeine Freundſchaft werde mein Vertrauen nie täuſchen! Und ich hatte die Sorgen, die er mir machte, zu hoch eingeſchätzt, und er das Wunder der Freundſchaft. Wie oft hatten wir früher geſagt, wir ſtünden uns näher als Brüder, und als er leichtſinnig mein Gut vertan hatte, da hatte ich nichts mehr von Bruder wiſſen wollen. Aber jetzt kam mein inneres Leben gleich Blut nach dem Schrecken wieder in mich geſchoſſen. Ja, ſein Blick zaghaften Hoffens auf das Wunder unſerer Liebe hatte tief vergraben in mir gelegen, und nun ich verzweifelte an Glück und Leben, war er da und zeigte mir eine Welt, die wieder zu erobern war. Wahrſcheinlich hatte ich damals gar nicht anders handeln können, als ich getan, aber jetzt, wo mich von der Welt der Wärme und des Lebens ein Abgrund trennte,