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er in tiefer Not und Elend, war gar geſtorben und hatte mir
war meine Sehnſucht durch ein Wunder erwacht. Vielleicht war
ein letztes Zeichen geben wollen. Ich erſchauerte bei ſolchen Gedanken. 4
den Knaben.
Aber nun machte ich mich auf die Suche nach meinem Freunde, und ſchon nach ein paar Tagen ſtand ich in Berlin in einer ärm⸗ lichen Stube vor einer verhärmten Frau und einem ſcheu blicken⸗
„Mein Mann,“ ſagte die Frau,„iſt vorige Woche geſtorben.“ „Ich,“ hatte er zu mir geſagt,„kann ihm nie ſchreiben, denn ich habe an unſerer Freundſchaft, die wirklich rein und wahrhaftig war, gefrevelt, aber wenn ich tot bin, und du ſchreibſt ihm— das hat mir immer Troſt gegeben,— wird er euch helfen.“ Und nun hind Sie ſelbſt gekommen, als wenn er Sie gerufen hätte.“
Darauf brach ſie in ein befreiendes Schluchzen aus, und ich hob, ſelbſt in Tränen, das Kind, das ſeine Augen hatte, zu mir auf und ſchwur mir in meinem Innern, ich wolle für die beiden
rgen. 36 Ich bin wieder glücklich geworden, was ſagen will; empfäng⸗ lich für das, was die Menſchen als höchſtes ſchätzen in all ihren
Leiden und Sorgen, und was die Frauen und die Jugend früher von ſelbſt hatten, als ſie noch nicht geſcheit waren: die reine Hin⸗
abe an das, was ihre Seele natürlich und als das Gute mit kreude erfüllt.
Ich habe nicht wiſſen wollen, ob der Todestag meines Freun⸗ des mit dem erſten Klopfen an der Wand Beziehung hatte, ob ich vor einer Gedankenübertragung des Sterbenden ſtand, oder vor einer Bekehrung meines Innenlebens durch wundervolle Ahnungen — ich forſchte auch nicht nach, als man mir die merkwürdige Ge⸗ IMicht⸗ von„unſerm“ Zuchthäusler erzählte. Das war nämlich ein
urch Erbſchaft zu Vermögen gekommener Verbrecher, der in unſe⸗ rem Hauſe wohnte. Der Burſche ſoll nachts mitunter betrunken eimgekommen ſein und an den Wänden geklopft haben, wie Ge⸗ angene ſich verſtändigen. Etliche Male war er auch nachts in remden Wohnungen erſchienen und war, als ob er betrunken ſei, mit einem ſtummen Lächeln und gemurmelten Entſchuldigungen wieder verſchwunden. Ich ließ alles in meinem Innern ſtehen wie den Eindruck des Sternhimmels oder des ſchweigenden Waldes, — und ich bin gut damit gefahren.
Als ich dies geleſen hatte, blickte ich auf und ſah in die feucht⸗ gewordenen Augen meines jungen Freundes....
„Ich habe gefühlt,“ ſagte er,„wie jedes Wort in dich einge⸗ drungen iſt und dich beſchwert und nachdenklich gemacht hat. Zu wiſſer, daß du jetzt alles weißt, macht mich geradezu glücklich und befreit mich von meinem Ernſt. Was war er für ein Menſch!— Ich will gehen und das Heft meiner Mutter zu leſen geben!“
Nachdem er dieſe Worte in begreiflichem Überſchwang der Jugend ausgeſtoßen, ging er und ließ mich nachdenklich allein.
—, 7 Sven Hedin René Schickele, der bekannte deutſche Schriftſteller, faßte ein⸗ mal ſeine Beobachtungen über die Unterſchiede zwiſchen dem fran⸗ zöſiſchen und dem deutſchen Buchmarkt in folgenden Worten zu⸗ jammen:
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„..Das weitere Geſpräch führte zu betrübender Vergleichs⸗ anſtellung franzöſiſcher Auflagehöhen mit deutſchen. Wie viele Fak⸗ toren wirken hier zuſammen, um dem deutſchen Buch den Weg ſchon in das zehnte, meiſt ſogar in das fünfte Tauſend zu er⸗ ſchweren! Die Zerſplitterung in der Verlagsproduktion, die Un⸗ maſfe überflüſſiger, ja wertloſer Luxuspublikationen— welch eine Hochflut brachte die Inflationszeit!— und nicht zuletzt der das Buch als Kaufobjekt für die Allgemeinheit weſentlich verteuernde Einband.„„Hier liegt vielleicht der Kernpunkt der Abſatz⸗ unterſchiede. Der Franzoſe kennt von einem Buch zunächſt nur die große und allgemeine Ausgabe, die auf einfachem Papier gedruckt
iſt, während das erſte Tauſend auf einheitlich gutem oder verſchie⸗
denem Papier(Japan, Holland) von Subſkribenten gezeichnet oder vor vornherein von beſtimmten bibliophilen Vereinigungen und einzelnen großen Sortimentern beſtellt iſt“ uſw.
Eine jehr intereſſante und gewiß vielen neue Feſtſtellung. Wenn Schickele jedoch das„einfache Papier“ der franzöſiſchen Ver⸗ teger nachahmenswert findet, ſo kann man ihm nicht zuſtimmen. Das auf gute Waren Wert legende Publikum würde ſolche Bücher entrüſtet zurückweiſen. Mit Stolz kann man ſagen, daß in Deutſch⸗ land gelungen, was es in Frankreich nicht gibt: Volksbücher zu
ſchaffen, die auch für den gewöhnlichen Sterblichen zu erſchwingen ſind und die dennoch auch verwöhnten Geſchmack nicht beleidigen. Man denke nur an die ſogenannten„Volksausgaben“ großer und teuerer Werke, deren Preiſe durch Beſchränkung des Buchinhalts auf das Weſentliche, durch guten, aber dem Zweck entſprechenden Einband, durch holzfreies, aber nicht übertrieben„hochfeines“ Pa⸗ pier und durch die Beachtung des Grundſatzes„großer Umſatz — kleiner Nutzen“ bedeutend reduziert worden ſind. Ein Beiſpiel: die jetzt im Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig, erſchienene Volks⸗ ausgabe von Alma Hedin,„Mein Bruder Sven“. Die große Aus⸗ abe koſtet 15 Mark, die neue, trotz beſter Ausſtattung, holzfreiem apier uſw., nur 3.30 Mark, in Leinwand gebunden nur 5 Mark! Ein Vorbild für die Verbilligung des deutſchen Buches.— Der Inhalt des hervorragenden Werkes iſt ja ſo bekannt, daß man nur kurz darauf einzugehen braucht. Man kann nur wiederholen, daß das Buch die liebenswürdigſte und perſönlichſte Biographie üben Spen Hedin iſt, die man ſich denken kann. Es iſt eigentlich alles darin enthalten, was man aus dem Privatleben eines berühmten Mannes zu wiſſen wünſcht. Szenen von intimem Reiz, intereſſante Bekanntſchaften mit allerlei Menſchen, Freundſchaften mit hervor⸗ ragenden Männern, wie Kitchener, Lord Minto, dem Vizekönig von Indien, Profeſſor von Richthofen, dem berühmten Berliner Geographen, dem großen Polarforſcher Nordenſkiöld, verleihen dem Werk einen glänzenden, ja ſeierlichen Hintergrund. Und inmitten des prunkenden Lebens irgendeines indiſchen Fürſtenhofes, im Rauſch der Feſtmuſik und neben Charakterköpfen der Geſchichte der beſcheidene, ewig liebenswürdige Forſcher, nie die einſame, unend⸗ liche Wüſte vergeſſend, die Glocken der Karawane und die Melan⸗ cholie des ſtillen Lagerplatzes, an dem er einſt ſaß und den leiſen Liebesliedern ſchwermütiger Burjaten lauſchte:
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„Denn wem die Wüſte Lagerſtätte war,
Wer ſchweigend ſaß in ſtiller Denkerſchar,
Der ſehnt und ſehnt zurück ſich immerdar.“ MM—õ—⁊—ũꝑ——
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4 s Im Februar durch Wald und Jeld Die erſten Blumen ſind da. In den Gärten, die die ins Freie führende Straßen ſäumen, ſehen wir hier und da aus einem niederen, von tiefgrünen Blättern gebildeten Buſch einige Stengel ſich hochſchieben, die je mit einer oder einigen butter⸗ blumenähnlichen Blüte gekrönt ſind. Nur ſind dieſe Blüten größer als die bekannten Butterblumen. Ihre Grundfarbe iſt weiß, aber es miſcht ſich ein leichter roſenroter Ton hinein. Und mitten auf dem Fruchtboden ſtehen die gelben glitzernden Fortpflanzungs⸗ organe. Das iſt die Schneeroſe, ein Kind der Alpen. In unſeren Wäldern hat die Schneeroſe eine grünblühende Schweſter, deren Blumen ſich aber nicht vor März öffnen. Die weiße Schaeeroſe aber blüht mitten im Winter. Es verſchlägt ihr gar nichts, wenn ie tage⸗ oder wochenlang vom Schnee bedeckt wird. Sobald der
chnee geſchmolzen, ſteht ſie wieder in ungeminderter Pracht da. Eine Blume, die unterm Schnee blüht, mußte nach Anſicht unſerer Altvorderen mit ganz geheimnisvollen Kräften ausgeſtattet ſein, und ſo erwartete das Volk früher Wunderdinge von der Schnee⸗ xoſe. Ihr Wurzelſtock ſollte vor allerlei Krankheit bewahren und langes Leben dem ſichern, der ihn beſtändig bei ſich trug. Beim Ausgraben mußten jedoch allerlei Vorſichtsmaßregeln beachtet werden. Der Wurzelgräber hatte frühmorgens ein Glas Wein
trinken, und dann mußte er Knoblauch eſſen. Nach dem Früh⸗
tück mußte er einen Kreis um die Pflanze ziehen, nach der Sonne
gewandt ein Gebet ſprechen und ſie dann ausgraben. Zeigte ſich
bewirkt Erbrechen und Durchfall.. Häufiger als der Schneeroſe begegnen wir in den Gärten dem Schneeglöckchen, das in den ſchleſiſchen Wäldern in großen
ei dieſer Arbeit ein Adler in den Lüften, dann hatte der Wurzel⸗ gräber noch im ſelben Jahre ſein Verlangen nach langem Leben
mit dem Tode zu büßen. Lange Jahre hindurch hat man den Heilmittel benutzt; ſein Genuß
Wurzelſtock dieſer Pflanze als
Mengen wild wächſt. Die hängende Blüte beſteht aus drei längeren äußeren Zipfeln und drei kleineren inneren. Alle ſechs ſind weiß, die drei kleineren zeigen grüne Flecke. Auch das Schnee⸗ glöckchen bewahrt ſich ſeine Schönheit, wenn es längere Zeit vom Schnee eingehüllt wird. Bei günſtiger Witterung laſſen ſich gegen Monatsende auch bei dem unter dem Namen Eibe bekannten, immergrünen Strauche die kleinen Blüten finden, die teils einzeln, teils in kleinen Büſcheln ſitzen. Die erſteren ſind die weiblichen, die letzteren die männlichen Blüten. In den Wäldern begegnet man der Eibe nur noch ſelten, ſie zählt zu den aus⸗ ſterbenden Bäumen. Der Forſtmann ſchätzt ihr Holz zwar hoch, aber ſie wächſt ihm nicht ſchnell genug ins Geld; darum pflegt er ſie nicht. Die Gärtner aber wiſſen die Eibe als wertvolle Zier⸗ pflanze für die Gärten zu ſchätzen.
Das Blühen zeigt ſich auch außerhalb der Stadtgrenze. Auf dem Anger blüht das Tauſendſchön, auch Gänſeblume genannt, die Blume der Kinder und der Liebenden,„Er liebt mich, ein wenig uſw.“. Das Tauſendſchön hat eigentlich noch gar nicht auf⸗ gehört zu blühen, es war den ganzen Winter da. Scheu duckte es ſich wenn der Schnee kam, dabei den Blütenkranz zu einem ſpitzen Kegel zuſammenlegend. Sobald aber Tauwetter einſetzt und die Sonne ſcheint, öffnet das vom Schnee befreite Tauſendſchön die Blütenſterne wieder.
Im Schutze der Hecken haben in ähnlicher Weiſe Bienenſaug, Kreuzkraut, Sternmiere und einige andere gleichfalls mit dem Blühen gar nicht aufgehört. Erſcheinen hier die Blumen auch nur in geringerer Zahl als in den Sommermonaten, ſo ſind doch immer einige zu finden, die an Zahl um ſo mächtiger werden, je höher die Sonne ſteigt. 3
über dieſe niederen Vaſallen der Hecke reckt kerzengrade die Haſel ihre jungen ſchlanken Ruten in die Höhe. Dieſe ſchlanken Gerten, mit denen die Jugend ſo mancherlei Zeitvertreib anzu⸗ ſtellen weiß, deren Bekanntſchaft ſie aber doch nie gern macht, wenn ſie, die Gerten, ſich in der Hand anderer Perſonen, die ihr
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