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Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
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Auf Umwegen bringt man die ungebetenen Gäſte auf den Schub. Alles atmet auf. 2

Aber der ſchwüle Scirocco brütet weiter über der Stadt! Luft! Luft! 5 re Montenegro und ins Albaniſche hinein nach Skutari.

Montenegro, Crnagora, dieSchwarzen Berge Nikita, der König der Hammeldiebe Diplomatenränke Blutrache ſhguemolt⸗blutrünſtige Romantik: wie Spinnwebe klebt das an

eſem Gebiet 8

Aber es gibt auch wenig Fahrten auf europäiſchem Boden, die dem Auge ſo viel Herrlichkeiten zeigen..

Da ſauſt das Auto auf kühner Straße hoch über der Adria dahin. Drüben die Inſel Lacroma mit ihren Oliven⸗ und Pinien⸗ wäldern; dort auf einer Landzunge Alt⸗Raguſa. Dann über ein niedriges Joch hinweg ein weites Gebirgstal entlang. Zuxr Rech⸗ ten Eukalyptus⸗ und Olivenanpflanzungen; im Grunde ſaftiges Wieſengrün, Felder mit kamillenähnlichen gelben Chryſanthemen (aus denen das berühmte dalmatiniſche Inſektenpulver hergeſtellt wird), Felder mit Weintrauben, Felder mit Mais und Weizen und im Frühjahr ſind dieſe Mulden Polie heißen ſie hier ein weiter See., geſpeiſt von zahlreichen unterirdiſchen Karſt⸗ flüſſen, und der Bauer fährt mit dem Kahn über ſeine Sommer⸗ wieſen und fängt Fiſche mit Netz und Angel über ſeinen Ackern. hen aber iſt Hochſommer und ſeit mehr denn drei Monaten iſt ier kein Tropfen Regen gefallen.

Ein kleines Fort ſchließt das Tal ab. Eine Biegung noch wir ſind an der Bucht von Kotor.(Unſere Karten nennen ſie immer noch italieniſiert Bocche di Cattaro; aber in ganz Dal⸗ matien wird faſt nur ſlawiſch geſprochen und Deutſch viel eher als Italieniſch verſtanden.)

Die ganze dalmatiniſche Küſte iſt, geologiſch geſprochen, ein Senkungsgebiet; der Südoſtflügel der Alpen taucht hier allmäh⸗ lich in die Adria hinab. überall, wo ein Quertal dieſes Gebirges ertrunken iſt, in Split, Gruz, Dubrovnik und Kotor(auf den Land⸗ karten: Spalato Gravoſa, Raguſa Cattaro) entſtanden pracht⸗ volle, oft fjordartige Naturhäfen. Der bedeutendſte, eigenartigſte und reizpollſte iſt unſtreitig die Bucht von Kotor; ein ſchmaler ſchlauchartiger Eingang von der See her, dann eine weite drei⸗ eckige Ausbuchtung mit einigen Uferſtädtchen, wieder eine Enge La Catena, die Kette genannt, weil ſie früher durch eine ge⸗ waltige Kette von Ufer zu Ufer abgeriegelt werden dann zwei Zwillingsbuchten von ſteil über tauſend Meter auf⸗ Whiehenden Felsmaſſiven eing ehabti Wirklich, man könnte ſich an

Vierwaldſtätter See nei t fühlen!

Heute hat die Bucht, wenn auch nicht mehr in demſelben Maße wie zur öſterreichiſchen Zeit, hauptſächlich ſtrategiſche Be⸗ deutung. Jede Höhe iſt von ſtarken Zitadellen gekrönt, jeder Weg don Forts und Schanzen geſichert, jedes Uferneſt wimmelt von Militär, auf jedem freien Platz wird gedrillt und exerziert und

eflucht, über der Bucht ſurren Waſſerflugzeuge, und an den ojen haben eine Anzahl kleinerer Kriegsſchiffe feſtgemacht denen man allerdings im Ernſtfall nicht alluviel zutrauen dürfte.

Wirtſchaftlich du lieber Gott! Die Fiſcherei bringt ſo gut wie nichts mehr ein; das Schmier⸗ und Treiböl der Heuticen Schiffahrt räumt erſchreckend ſchnell mit dem einſtigen Fiſchr

,

Wir entſchließen uns raſch zu einer Fahrt nach

onnte,

ch⸗

tum auf. Handel kaum nennenswert, da das Hinterland fehlt oder faſt unzugänglich iſt. Bleibt die Fremdeninduſtrie. Aber mit der will es hiex auch nicht ſo recht klappen; kein Wunder wo erſt das Militär ſich feſtgeſetzt hat, da wird es ungemütlich.

Ja früher! Früher, als der Seeraub noch blühte Krieg, Handel und Piraterei dreieinig ſind ſie, nicht zu trennen, da war die Bucht ein kleines Eldorado; heute hat mit den Grenzen ſogar der Schmuggel aufgehört. Von ehemaliger Pracht und Herr⸗ lichkeit erzählt noch mancher Palaſt, manche ſtolze Kirche in Ercegnovi, Kotor und vor allem im innerſten Winkel der Bucht, in Predaſto, wo zweidrittel ver Renaiſſance⸗ und Barockbauten, kirchliche und profane ſeit mehr als einem Jahrhundert bereits nicht mehr bewohnt werden und langſam verfallen..

Steil geht es von Kotor aus den Lovtſchenberg hinan, den vielbeſungenen vielumkämpften Lieblingsberg der Montene⸗ griner, der wie eine graue Wand an 1800 Meter jäh aus der Bucht empordroht. Der war einmal die Grenze zwiſchen Chriſten und Türken, war ſpäter die Grenze zwiſchen Sſterreich und Montenegro oder beſſer ausgedrückt, bis zum Weltkrieg, die kritiſche Drei⸗ länderecke, wo Sſterreich, Rußland und Italien mit ihrem Ein⸗ fluß aneinanderſtießen!.

Erſt die Öſterreicher bauten eine Fahrſtraße, die von Cattaro

nach Cetinje, der Hauptſtadt der Crnagora, führte; bis dahin beſtand die Verbindung nur aus einem ſchwer gangbaren, unbe⸗ guemen Dammpfad. Dieſe Fahrſtraße iſt ein Kunſtwerk. Hier hat der Menſch den Bergkoloß geradezu überliſtet: ſchob heimtückiſch eine Straße nach einem niedrigen Paßübergang vor. der hinüber zu einer anderen Meeresbucht führte, krallte ſich dort in einem Hinterhalt feſt und kletterte dann in eiligen Serpentinen hin⸗her, hin⸗her, wie ein Haſe, der Haken ſchlägt die Steilwand in die Höhe, bis in 1300 Meter Höhe der Sattel erreicht war. . Wäßrend das Auto vorſichtig Kehre auf Kehre nimmt und lch in die Höhe ſchraubt, weitet ſich dem Blick ein Panorama au Meer und Gebirge, wie es überwältigender kaum noch irgendwo in Europa dem Auge ſich bietet.

Und angeſichts all dieſer Schönheit tobten hier in dem Irr⸗ ſinn des Weltkrieges die erbittertſten Kämpfe, und die ſonndurch⸗ glühten Felſen tranken Blut, und jede Höhe ſpie Tod und Ver⸗ derben. Den Gipfel des Lovtſchen krönt heute eine Kirche; aber ſie ſchaut aus wie die Geſchützkuppel eines Forts.

Und nun ſind wir in Montenegro, dem Land derSchwarzen Berge. Schwarz? Nein, ſchwarz ſind ſie nicht. Vielleicht trugen ſie einmal dunkle Wälder, die ihnen den Namen gaben. Heute iſt alles, ſoweit das Auge reicht, eine öde, graue Felswüſte. Ein unüberſehbares ſteinernes Meer. Kein Baum, der Schatten bietet, kein Bach, der über Kieſel und Geröll dahin plätſchert. Scharf⸗ kantig verwitternder. zerklüfteter Kalk, voller Spalten, Löcher, Riſſe, der gierig allen Regen und Schnee einſaugt und erſt in un⸗ ergründlicher Tiefe in unzugänglichen Schlünden zu Höhlen⸗ fuüſſen ſich vereinigt. Nur an den tiefſten Stellen der Mulden, in den Verſickerungstrichtern, ſammelt ſich eine dünne, ſteindurch⸗ ſetzte Schicht Verwitterungslehm an, der die Feuchtigkeit längere Zeit feſtzuhalten vermag. Das gibt das ſpärliche Ackerland der Be⸗ völkerung, das ſorgfältig durch eine Mauer aus Leſeſteinen und durch Buſchwerk umhegt wird, um dem austrocknenden Wind und

Das Dorf am Dobralſch

Wer jemals das Glück hatte, das Land der Burgen und Lieder, das herrliche Kärnten, zu durchwandern, dem wird vor allem die Landſchaft des Wörther Sees unvergeßlich bleiben. Ein ewig blauer Himmel wölbt ſich über dieſem wärmſten Alpen⸗ ſee Europas, deſſen Temperatur von Mai bis Oktober ſelten unter 25 Grad liegt. Über ſeinen Fluten und ſeinen lieblichen Ufern, die am Fuße der mit ewigem Schnee gekrönten Berge liegen, lacht und leuchtet die Sonne, wenn rings im Lande die Unwetter toben. Kein Wunder, daß hier Badeort an Badeort liegt, daß die elegante Welt Jahr um Jahr dort ihre Sommer⸗

iſche verlebt. Hier rollt das Geld; hier herrſchen Tanz und

rohſinn; hier wohnt eine Welt des ſorgenloſen Genießens und er nie verſiegenden Freude. Aber wenn man nur wenige Stunden weiterwandert, ſo bricht dieſes Paradies plötzlich jäh ab. Der blaue Himmel hat ſich verdüſtert; herb und kühl weht die Luft. über dem uralten Gebirgsgipfel des Dobratſch liegen graue Wolken. Steinig und mühſam iſt der Weg, auf dem wir langſam emporſteigen. Lawinen haben überall ihre Schreckensſpuren zurück⸗ elaſſen. Troſtloſe Ruinen zerſtörter Häuſer liegen an der Straße. Kehenüber weite Schutthalden. Wir ſind im Bergwerksgebiete

ärntens.

Nahezu die ganze Dorfbevölkerung arbeitet im Bleibergwerk. Männer und Frauen, bleich und unterernährt ausſehend. in primitivſter, ärmlichſter Kleidung gehen an uns vorüber. Wir verſuchen ein Geſpräch mit ihnen anzuknüpfen. Sie gehen bereit⸗ willig auf unſere Fragen ein und erzählen von ihrem Leben im

ergwerk und zu Hauſe, von ihrem Verdienſt und ihrer Organi⸗ ation.Manches Wort allerdings macht dem Verſtändnis

chwierigkeiten, denn ſie ſprechen entweder ſloweniſch oder im Kärtner Dialekt, und beides iſt uns nicht geläufig. Ihr beſonderer Stolz iſt eine kleine Wanderbibliothek, die von der Arbeiter⸗ kammer in Klagenfurt ihnen zur Verfügung geſtellt wurde. Ein

äußerſt intelligent ausſehender Arbeiter läßt es ſich nicht nehmen,

uns zur Bücherausgabe zu führen. Wir ſind freudig überraſcht, zwei höchſt einfache, aber ſehr ſaubere Räume, die zugleich als

erſammlungslokal dienen, vorzufinden. An den Wänden hängen einige Bilder ſozialiſtiſcher Arbeiterführer. Der Bibliothekar, der erſt annimmt, wir ſeien dieBücherreviſion, zeigt nicht ohne Stolz ſeine mit peinlicher Ordnungsliebe geführten Statiſtiken über Bücherausgabe und ⸗rückgabe, über den Erwerb neuer Werke. Die kleine Bibliothek, die ſich in einem verſchließbaren ſchrank⸗ artigen Kaſten beſindet, zeigt etwa 100 Bücher, die von der Be⸗ völkerung allerdings meiſt nur im Winter benutzt werden, denn im Sommer ſuchen die meiſten durch Arbeit auf dem Feld oder im Garten ihren kleinen Wochenlohn zu vergrößern. Die Bücher, die alle ſaubere Umſchläge tragen, ſind teils gute Unterhaltungs⸗ literatur, teils techniſchen, volkswirtſchaftlichen oder geſchichtlichen Inhalts. So wird von dieſer Stelle aus, die von Arbeitern für Arbeiter geſchaffen wurde, eine nicht hoch genug einzuſchätzende Aufklärungs⸗ und Bildungsarbeit vollbvacht, die der Bevölkerung einen Erſatz für den Mangel an jeder anderen geiſtigen An⸗ regung bietet.

Unendlich viel allerdings iſt hier oben noch zu teiſten, denn die wirtſchaftlichen Verhältniſſe ſind mehr als ungünſtig. Der Bergarbeiter verdient hier durchſchnittlich 80 bis 100 Mark monatlich. Noch ſchlimmer ergeht es den Frauen. Tagaus, tagein verrichten ſie die mühſame Arbeit des Bleiwaſchens. Dafür gibt es etwa 15 Mark wöchentlich. Geradezu erſchreckend ſind die Wohnungsverhältniſſe. Die kleinen Häuschen wirken zwar äußer⸗ lich faſt anmutig in dieſer herben Umgebung, aber die Innen⸗ räume ſind vollkommen unzulänglich. Eine dumpfe, muffige Stick⸗ luft ſchlägt dem Eintretenden entgegen. In den einzigen, niedrigen Zimmern befindet ſich nur der notwendigſte Hausrat. Oft iſt die Küche Wohn⸗, Eß⸗ und Schlafraum, manchmal ſogar noch Werkſtatt. Das Holz der Fenſter iſt morſch, die Farbe der Wände längſt verblichen, die Fußböden ſind abgetreten und ver⸗ wahrloſt. Woher ſollten dieſe Familien, deren Hauptnahrung aus