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Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
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Jakob Waſſermann Von Kurt Oifenburg

Durch den RomanDie Juden von Zirndorf wurde der Name Jakob Waſſermanns mit einem Schlag in die Literatur gehoben. Dieſes Buch wirkte mit ſeltener Faſzination. Das Vorſpiel: die ekſtatiſche Entflammung der gedrückten Fürther Juden durch das Irrlicht des Sabbatai Zewi, das Erlöſung und Errettung aus dem Joch des Ghetto verheißend am öſtlichen Himmel aufgetaucht war, um in Verrat zu erlöſchen gibt den glühenden und drama⸗ tiſchen Auftakt zu der Erzählung von dem Knaben Agathon aus Zirndorf, Urenkel dieſer enttäuſchten und entwurzelten Juden. Es iſt ein balladeſker Ton, ſchwermütig und klingend und von eigenem Erleben bebend, auch in dem modernen Teil dieſes Werkes. Dieſer Roman hat volksliedhafte Wendungen und einfache Landſchafts⸗ ſchilderungen von unſagbarer Stimmungs⸗ und Empfindungs⸗ kraft. Die Geſtaltung des Buches iſt keineswegs einheitlich: art⸗ fremde Ereigniſſe werden, um der Erregung willen, die in ihnen ſchwingt, in den Fluß des Geſchehens eingefügt. Man ſteht(z. B. am Schluß, wenn Jeanette und Agathon mit dem unglücklichen König Ludwig zuſammengeführt werden) unter den Schauern, die

den Dichter aus dieſen Erſchütterungen überſtrömt haben, obgleich ſie nicht eingebaut ſind in die Skonomie des Werkes. Aber wie

beim Volkslied ſind in frühen Romanen Waſſermanns in Renate Fuchs, imKaſpar Hauſer, in der ſchwermütigen Novelle vomNie geküßten Mund und in einzelnen Geſchichten aus denSchweſtern logiſch nur locker verknüpfte Ereigniſſe in einen unergründlichen myſtiſchen Zuſammenhang einbezogen. Die Handlungen und Gefühle kreiſen in einem Empfindungsſtrom in demſelben erregten und erregenden Fluidum der Seele. Hiſtoriſche und moderne Stoffe werden unter Waſſermanns formenden Händen gleich wirklichkeitsnah und wirklichkeitsfern Die Geſchehniſſe der Geſchichte, wahr möglich oder unmöglich, haben dieſelbe Anſchauungsintenſität wie die zeitgenöſſi⸗ ſchen Motive: eine Bildhaftigkeit, die wie im Traum iſt: die manchmal die Gegenſtändlichkeit von Dingen und Menſchen unerklärlich ſteigert und ſchärft oder alles in wogende Nebel⸗ ſchleier hüllt. Sie haben auch, ob ſie glaubhaft oder unwahrſchein⸗ lich ſind, die Eindringlichkeit des Traumerlebniſſes. NRenate Fuchs iſt am tiefſten in die Dunkelheiten des Gefühls verſenkt geblieben; inKaſpar Hauſer wiederum iſt es als ob der Stoff ſich von ſelber abgerundet habe, ſo ſehr iſt das Thema die Geſchichte des geheimnisvollen, menſchheitsfernen Findlings Waſſermanns Erſchanung gemäß. ImGänſe⸗ männchen kündigt ſich eine neue und objektivere Kunſtform an. Die Geſtalt des Naniel Nothafft, die Ichbefangenheit des von Schöpfungsdrang befangenen Känſtlers, der das Leben dem Werk verſchreibt, ſcheint freilich noch wie alle früheren Helden Waſſer⸗ manns, Träger eigener Erlebniſſe. Aber die Nebenfiguren, mit Ausnahme der Schweſtern. Jordan, Döderlein. Jaſon Philipp und die ſpukhafte Philippine ſind nicht gelebte, ſondern von außen her genommene Figuren: anſchaulich, aber keineswegs von ihrem G fühlszentrum aus geſtaltet. Daher auch die ſtarre, maskenhafte Erſcheinung der Mitagterenden Chriſtian Wahnſchaffe iſt das ſtärkſt geformte Werk dieſer neuen Linie. Die Wendung zum dichteriſchen Idealismus wird entſchieden vollzogen Wahnſchaffe ſelbſt, Buddha des zwanzigſten Jahrhunderts. Wanderer aus Pracht in Armut und Entſagung, der hochgeborene Edle, der die Verantwortung für die Leiden der Welt auf ſich nimmt: iſt ſchon Menſchlichkeit ins Göttliche geſteigert. Die Tänzerin Sorel, der Großfürſt, der irrſinnige Geigenſpieler Amadeus Voß: ſie alle ſind nicht Typen, ſondern Steigerungen eines Tyyus ins Sun rlativiſtiſche Auch die Milieuzeichnung hat dieſe überhöhung. Es iſt Märchennaivität und die Erregung von Wunſchbildern darin, wie die Gegenſätze verſchärft ſind: die Millionen des Geldes, die Haufen Perlen und Diamanten auf der einen Seite: auf der anderen ſchwärende Krankheit und abgrundtiefes, verworfenes Elend. Später, in Sturreganz. iſt dieſe mythoshafte überhöhung der Gegenſätze zu einem vollendeten Kunſtmärchen geworden.

Iſt Villen

Die Zeit iſt ſchnell, noch ſchneller iſt das Schickſal. Wer feig einen Tages Glück verſäumt, er holt's nicht ein, und wenn ihn Blitze trügen.

wenn man den Dichter finden will. DerWendekreis⸗Zy

Th Körner

Man muß von den früheren Werken Waſſermanns ſprechon⸗ us, Die Masken Erwin Reiners undFaber haben eine Skepſis⸗ loſigkeit und eine vertrauensſelige Moral, die kaum durch den ſtrömenden Reichtum an Einfällen und die edle Stilhaltung aus⸗ geglichen iſt: Schon inWahnſchaffe, dieſem Roman, der mit rauſchhafter Suggeſtion und mitreißender Dramatik bis zum Ende geſpannt iſt, empfindet man, wie Waſſermanns Idealismus ins Weſenloſe zu treiben beginnt. Indem Waſſermann aus ſeinem Gefühlskreis heraustrat und der Geſtalter objektiver Daſeins⸗ zuſtände ward, begann er ſich zu entwurzeln. Die Fabulierkunſt Waſſermanns hat in dieſen Werken eher zu⸗ als abgenommen. Es werden ſcheinbar mühaſor Geſchehniſſe aller Art aneinandergefügt: die vielfältigſten Zuſtände und Ge⸗ ſellſchaftsklaſſen ſind mit virtuoſer Schlichtheit gegeben. Aber dieſe ganze blende Technik arbeitet mit immer ſteriler werdendem Material. Ulrike Woytich, Erwin Reiner, Grammont uſw. ſind Stiliſierungen von einer Glätte, die Verflachung und nicht Ver⸗

dichtung iſt. Wie in den erſten Werken iſt die Führung der Er⸗

eigniſſe oft ohne logiſche Bindung; aber es fehlt jetzt, im Gegenſatz

zu den Frühwerken, die Einheit der Stimmung, die das Zufällige

in eine notwendige Geſchloſſenheit bannt. Denn: was Waſſer⸗ manns Frühwerke ſo einmalig und reizvoll zwiſchen Kultur und Volkskunſt ſchweben läßt: die gefühlserfüllte Phantaſie, die Senſation der Sinne. die zugleich tiefes Erlebnis war, hat ſich in den letzten Werken allzuſehr harmoniſiert So ſehr harmoniſiert und ins Klaſſiziſtiſche geläutert, daß die Moral des Kino manch⸗ mal in die Nähe gerückt ſcheint. Man iſt z. B. in denMasken Erwin Reiners, inGolowin und inUlrike Woytich ſo peinlich ſicher, daß nach allen wunderbaren, unwahrſcheinlichen und unpſychologiſchen Fährniſſen, nach allen heftigen Umbiegungen der Charaktere Verſchiebungen der Handlung und allen ſuper⸗ lativiſtiſchen Überſteigerungen, nichts eigentlich Schlimmes paſſieren wird: daß Virginias Jungfräulichkeit, trotz Verſchlep⸗ pung in ein abgelegenes und zu dieſem Zweck bereitetes Gemach und trotz aller Schurkerei des dämoniſchen und mondänen Ver⸗ führers, Erwin Reiner, intakt bleiben wird für die Ehe mit dem weltumſegelnden Monfred; daß Ulrike Woytich, das böſe Prinzip, vor der edlen Joſephe und dem göttlichen Kind Fanny ſchmäh⸗ lichen Schiffbruch erleiden wird: daß das Böſe ſowohl durch Ver⸗ mögensberaubung wie durch allerlei ſeeliſche Leiden geſtraft werden wird ſo triumphierend und teuflich⸗ſchlau es ſich auf den erſten Bogen der Romane giriert hat.

Vielleicht hat der Wille zur klaſſiſchen Form und das Streben nach klarer Darſtellung die Urgründe verſchüttet, aus denen die Frühwerke Waſſermanns ihre ſtrömende Suggeſtion empfingen. Die Technik der Spannung iſt geblieben aber ſie kreiſt um allzu reſpekitpoll behandeltes erſtarrtes Kultur⸗ und Weltanſchauungs⸗ material.

Bei Waſſermann ſteht und fällt die Wirkung des Werkes mit der Unbefangenheit der Erſchauung. Da Waſſermann in ſeinen

letzten Werken ein vollendeter Stiliſt, ein kulturbewußter Schrift⸗

ſteller wurde verlor er den Schlüſſel. der ihn einſt zu den Mütiern führte: verſchwand Dämonie und Arerlebnis aus ſeinem erk.

Ceunie und die ſchwarzen Berge

Von Georg Engelbert Gral

Sciroccoſchwüte üler Raguſa! Die ganze Stadt in fiebern⸗ der Aufregung! m Hofen war ein italieniſches Motorboot mit einer Anzahl Faſchiſten eingetroffen, die in provozierender Auf⸗ machung die Stadt betraten Ein Wahnſinn oder eine bodenloſe Frechheit im gegenwärtigen Augenblick! Die Bevölkerung kocht. Wenn nicht Polizei und Militär die verhaßten Schwarzhemden in die Mitte genommen und ſie ſchleunigſt zum italieniſchen Kon⸗ ſulat bugſiert hätten, ſie wären gelyncht worden Und dann...

Und dann? TLrotz der Sciroccoglut friert es einem von innen heraus. 4