ſinnlicher Hochſpannung ſich unwillkürlich jeder Teil von ſeiner beſten Seite zeigt; man braucht dabei gar nicht immer ſchlaue Berechnung vorauszuſetzen. Und wenn hernach die Hochſpannung nachkäht, zeigt ſich bei beiden oder, was verhängnisvoller iſt, bei einem die ganze troſtloſe Alltäglichkeit. Und endlich droht eine Ge⸗ fahr, ſagt Lindſey, allen, auch den beſten Ehen: ſie ſind von einem Stacheldraht von Geboten umgeben. Und jedes Gebot iſt ein An⸗ reiz zur übertretung. Um das zu erweiſen, braucht man nicht erſt auf die pſychologiſch tiefſinnigen Worte des Apoſtels Paulus hin⸗ zuweiſen Seht die Jungens und Mädels irgend einer Klaſſe.
Je mehr ihr die mit hundert„du ſollſt“ umgittert, umſo mehr
regt ſich in ihnen der Wille zur Übertretung. Und in uns Alten ſteckt noch ein beträchtliches Stück aus unſerer Buben⸗ und Mädels⸗ zeit. Viele unterdrücken dieſen Freiheitsſinn in ſich durch feiges, gewohnheitsmäßiges Sichanpaſſen und zerſtören damit in ſich ein koſtbares Jugenderbe, ihr beſtes Selbſt. Andere ſprengen geheim oder offen ihre Feſſeln.
Dieſe und viel andere Erſahrungen und Erwägungen führen Lindſey zu der immer wiederholten Forderung einer leichteren Jös⸗ barkeit der Ehen, ja, geradezu einer geſetzlich zugelaſſenen Probe⸗
ehe, bei der die Empfängnis zu verhindern wäre, bis beide Teile
ſich zur Dauerehe entſchließen können.
Lindſey weiß. daß jetzt zahlloſe entſetzt jammern werden, er
öffne der Unſittlichkeit weit die Tür. Aber er weiß auch, daß es um viele Millionen Ehen ſo ſchlimm ſteht, daß man dem Übel an die Wurzel gehen muß. Vor allem aber— und das gilt für ſein
ganzes Buch— er iſt, negativ geſprochen, ein Menſch ohne jeden
engen Fanatismus und, poſitiv geſprochen, ein Menſch von
warmem, tatbereitem, unerſchütterlichem Glauben an das Gute in jedem geiſtig geſunden Menſchen. An das Gute, das freilich
nur in einer Luft ſich entfalten könne, in der Freiheit.
Dies Buch iſt im edelſten Sinne eine revolutionäre Tat, frei⸗ lich nicht der modernen amerikaniſchen Jugend, wohl aber des prächtigen Richters Ben Lindſey. Natürlich hat's ihn ſein Amt ge⸗ koſtet, aber um ſo offener wollen wir uns zu ihm berennen.
1Imann.
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Das Ersbebengebiet in Turleſtan
Die jüngſten Meldungen über die verheerende Erdbeben⸗ kataſtrophe in Turkeſtan lenken die allgemeine Aufmerkſamkeit
wieder einmal auf Zentralaſien. Betroffen iſt diesmal der öſt⸗
lichſte Teil der Sowietrepublik Turkeſtan, das Gebiet von Fer⸗ gana. Es iſt das ein etwa 200 Kilometer langes Hochgebirgstal,
das an ſeinem Eingang im Weſten nur etwa 7 Kilometer breit iſt, ſich nach Oſten zu erheblich erweitert, nirgends aber über
100 Kilometer Breite hinausgeht. Die hohen, zum Teil über 4000 Meter anſteigenden Bergketten im Norden und Süden des Tales, ſowie das Hochgebirge, das im Oſten das Ferganagebiet
begrenzt, gehören zum Pamir. Mehrere aus den Bergen kom⸗
mende Quellflüſſe vereinigen ſich zum Naryn, der das Fergana⸗ gebiet von Oſt nach Weſt durchſtrömt und während ſeines Laufs den Namen Syr⸗Darja annimmt. Nachdem der Fluß das Tal verlaſſen hat, wendet er ſich ſcharf nach Norden und ergießt ſich nach längerem Lauf durch die Kirgiſenſteppe in den Aralſee.
Das Ferganagebiet iſt außerordentlich fruchtbar. Ein vor⸗ zügliches Bewäſſerungsſyſtem, in deſſen Anlage die Einheimiſchen wahre Meiſter ſind, verſorgt das Land durch tauſende von fein⸗ verzweigten Kanälen, die„Aryx heißen, mit Waſſer. Die hier⸗ durch erzeugte Üppigkeit 85 erſtaunend. Alle Obſtſorten gedeihen in vorzüglicher Güte, in erſter Linie Wein, der nicht, wie bei uns, an Stöcken, ſondern in Lauben, ähnlich wie in Italien und Süd⸗ tirol gezogen wird. Die Rieſentrauben mit den oft kirſchgroßen Beeren dienen zur Herſtellung von Roſinen. Auch Pfirſiche, Apri⸗ koſen, Pflaumen, Mandeln, Piſtazien und viele andere Früchte gibt es in Hülle und Fülle. Mit den Melonen des Landes können ſich an Aroma und Schmackhaftigkeit weder die indiſchen noch die verſiſchen meſſen. Der früher ſo umfangreiche Baumwollanbau iſt im Laufe der Kriegsjahre zugunſten der Getreidekultur zurück⸗ gegangen.
Ddieſes von der Natur ſo geſegnete Tal iſt freilich ſehr oft non Erdbeben heimgeſucht. Kein Jahr vergeht, ohne daß ſein Boden durch mehrere Beben erſchüttert wird. Die meiſten ſind allerdings leichter Natur, und da die Häuſer faſt alle aus Holz und Lehm ſowie eingeſchoſſig ſind, ſo geſchieht ihnen meiſt kein Schaden. Aber von Zeit zu Zeit treten kataſtrophale Erſchütte⸗ rungen auf, und faſt kein Jahrzehnt bleibt von ihnen verſchont. So wurde bei dem ſchlimmſten Erdbeben, das in neuerer Zeit ſtattfand— es war im Jahre 1902— die Stadt dindichan faſt vollſtändig vernichtet, und mehr als ſieben tauſend enſchen kamen ums Leben. Auch im Jahre 1911 richtete ein größeres Beben im Ferganagebiet und in den nördlich daran angrenzenden Provinzen diel Unheil an. Diesmal iſt das Zentrum des Bebens 5 Stadt umangan. die einige Kilometer nördlich des Syr⸗ arija liegt.
Daes Gebiet von Fergana gehörte früher zum Fürſtentum Kokand, dem die Ruſſen 1876 nach der Einnahme der Hauptſtadt Kokand ein Ende machten. Die wichtigſte, weiter nördlich außer⸗ balb des Ferganagebiets gelegene große Handelsſtadt des
Landes, Taſchkent, hatten die Ruſſen noch 10 Jahre früber ein⸗ genommen. Taſchkent wurde nach der Beſitzergreifung Turkeſtans durch die Ruffen die Hauptſtadt der neueroberten mittelaſiatiſchen Gebiete, aus denen Rußland das Generalgouvernement Türkeſtan machte. Heute iſt es eine von Moskau abhängige Sowjetrepublik.
Bewohnt wird das Land von Sarten, Tadſchiken, Usbeken und anderen Miſchvölkern. Sie ſind Mohammedaner und ſprechen „Sartiſch“, einen türkiſchen Dialekt. Im Gegenſatz zu anderen Ländern des Orients haben die Bewohner ihre altangeſtammte bunte Kleidung, die in einem langen, ſchlafrockähnlichen„Cha⸗ lat“, einem breiten Gürtel mit einem Metallſchloß, hohen bunten Stiefeln und einem mächtigen Turban, beſteht, beibehalten. Ein Bazar des Landes hietet daher ein auberordentlich farbenfrohes, cht orientaliſches Bild. Die Frauen fehlen darin allerdings aſt ganz.
Durch das Ferganagebiet führt der öſtliche Teil der Mittel⸗ aſiatiſchen Bahn, die, bei Krasnowodsk am Kaſpiſchen Meer be⸗ ginnend, durch die Turkmenenſteppe führt, an Buchara und Samarkand vorbeigeht, bei Chodſchent in das Ferganagebiet eintritt und bei Andiſchan endet. Kurz vor Chodſchent zweigt bei Tſchernajewo die Bahn ab, die über die Landeshauptſtadt Taſch⸗ kent und durch die Rirgideftcpee nach Orenburg an der Grenze des europäiſchen Rußland führt und dadurch Anſchluß an das europäiſche Eiſenbahnnetz gewinnt.
Schach-Ecke
Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhdäuser, Frankfurt a. M., Waldschmidtstraße 29, wohin auch alle Zuschriften und Lösungen zu senden sind.
Endspielstudie Nr. 52 Von einem unbekannten Autor
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(6). Sehwarz: KES, Dg1 „b, c2, b7, 18, 17, g², g 1(1G).
Weiß am Zuge. In wieviel Zügen wird Weiß mait?
Schon die Fragestellung ist das Gegenteil des üblichen Emstes. Schwarz hat eine zum Gewinn lächerlich übertriebene Kraftentfaltung. Zudem steht der weiße König in der Mitte dieses Zyklones von Kräften. Zum Kampfe hat er nur ein paar Springer.— Turm und Läufer kommen offenbar nicht zur Be- wegung. Nur der schwarze König steht ungeschickt; er muß sich urgendwo einen sicheren Platz suchen, was ihm, so denkt er gewiß, ohne Zweifel bald elingen wird. Wie lange wird die Plackerei mit den dummen Jungens, den pringern, noch dauern?, fragt er sich und begibt sich, ein wenig fettleibig, auf die Suche nach einem behaglichen Heim.
1. 8 e 5— g43+ Kf 6— 07 Nach g6 geht es nicht gut, da kommt S8g 4— e 5; die Nachbarschaft von Th’s und Loel ist doch peinlich. 2. Sg 3— f 5+† K e7— d7 3. 8 g 4— e 5+ K d7— c 8 Uff! .......... Endlich in Sicherheit! 4. 815— e 7+ Der verfl. Turml........ ............. 4. KbS— e 8 5. Se5— d7+P..... Schrecklich, diese enge Gassel Na, aber es hat sein Gutes, hier kann kein Springer folgen. 5...... Kb8S—- a7(Aul) Die weißen Springer denken: Er entwoicht uns. In solcher Enge kann kein Pferd laufen. Aber was tun? Wir müssen ja nach.
6. 8 e 7—° 8+† K a7— 2 6 7. Sd 7— b 8+ Zum andern Springer: Auch ich, Kamerad, muß mich hier herumdrücken. Ein Spaß ist es nicht. 7 a 6— b5 Uffl
8. S 8— a 7+(ich verrenke michl) g8„Kb5— b 4 9. B b 8— a 6+†(Ein Hexenschußl) 9... K b4— e 3 Hier bin ich endlich zu Hause.. 11. S at— b4+† K d3— 2 Schnell weg von dem gräßlichen el. 14. S c 3— e4 † Kg 3— g 4 15. 8 d 3— e 5 Kg 4 16. 8 e 4— g 3 † K I5— f6 17. 8 e 5— g4+. Und der König denkt: Ach, jetzt geht es wieder los— bei meiner Fettleibel
Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint.
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