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Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
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Entbindung, Weggabe des Kindes uſw. And ſo ſei es, behauptet Lindſey nach den Erfahrungen ſeiner 26 Amtsjahre, nicht nur bei denen, mit denen er amtlich verhandelte, ſondern bei den aller⸗ meiſten Gleichaltrigen, und nicht nur in Denver, ſondern überall in den Vereinigten Staaten. Daß der herrſchende Puritanismus einen Mann abſetzt, der ihm derart ſeinen guten Ruf verſchandelt, iſt begreiflich, wird auch bei uns vorkommen.

Eins iſt nun all denFällen nach Lindſeys Angabe gemein⸗ ſam: die Eltern, Lehrer. Pfarrer der Jugendlichen haben meiſt keine Aohnun von ihrem Treiben. Die jungen Herrſchaften ſuchen

nach außen hin den Schein ehrbarſten Puritanertums zu wahren,

weil ſie fürchten, ſonſt aus Elternhaus, Schule, Geſchäft hinaus⸗ geworfen zu werden; und dann verlören ſie ja ihrenguten Ruf und vor allem ihr jetziges reiches, komfortables Leben. Man ſieht, mit der Revolution iſt's bei dieſer amerikaniſchen Jugend nicht weit her. Da war vor gut 20 Jahren die deutſche bürgerliche Jugendbewegung doch revolutionärer, die in aller Offenheit dem Elternhauſe und der Schule den Krieg erklärte. Die amerikaniſche Jugend handelt ja viel Leun heürzender, aber, wie geſagt, im tiefſten Geheimnis. Nur wenn ihnen ſchwere Folgen drohen, etwa durch Verrat oder Schwangerſchaft, dann gehen ſie hilfeſuchend nicht zu Eltern, Lehrern uſw., ſondern zum Richter Lindſey.

Varum zu dem? und nicht zu denen, die die nächſten dazu ind⸗ Nun, weil ſie wiſſen: das iſ der einzige uns bekannte

enſch, der ohne Fanatismus iſt, deſſen abgeklärter Menſchlichkeit nichts Menſchliches fremd iſt, und der uns deshalb helfen wird. Darum kommen denn zu ihm nicht nur die, die durch ihre zügel⸗ loſe Ausſchweifung in die Patſche geraten ſind, ſondern auch ernſte, tüchtige junge Leute, deren Vernunft und Herz ſich aufbäumt gegen die puritaniſchen Lebensgeſetze.

Lindſey ſchildert immer wieder wie er mit ihnen verkehrt: nicht entrüſtet ſie anſchreiend, nicht ſchulmeiſterlich ſie von oben her belehrend, nicht pfäffiſch ſie falbungsvoll abkanzelnd, ſondern als Menſch zu Menſchen, als älterer, klügerer Kamerad zu lebens⸗ unerfahrenen.

Dieſe Stellen ſind mir beinahe die wichtigſten in dem Buche. ſür faſt alle Eltern und Lehrer kommt einmal die furchtbar ſchwere Zeit, wo unſere Kinder ſich von uns loslöſen. Weshalb? Weil wir in engherzigem Fanatismus unſere Kinder bilden wollen nach unſerem Bilde; wir reden von Freiheit und Menſchen⸗ würde und ſind den Kindern gegenüber ſo oft brutale Gewalt⸗ herrſcher, wir ſchimpfen auf Pfaffen, und pfäffiſche Unfehlbarkeit behaupten wir für uns gar nicht ſelten. Nicht aufmerkſam Henug können Eltern und Lehrer jene Berichte Lindſeys leſen. Zahlloſe Trauerſpiele in Haus und Schule würden vermieden oder ge⸗ mildert, wenn wir von ihm lernten, gütiger(das iſt noch lange nichtſchwächlicher) Kamerad unſerer Kinder zu werden.

In der Darſtellung des Verhaltens dieſes Lindſey zur Jugend liegt ſchon die eine ſeiner bedeutſamſten Forderungen: daß Eltern und Lehrer in ſeinem Geiſte mit der Jugend ver⸗ kehren. Eigentlich iſt's ja toll, daß uns unſere Kinder und Schüler in der wichtigſten Periode ihres Lebens fremd Hegenüiberſtehen

Soll das jemals anders werden, ſo müſſen wir freilich noch ein zweites von Lindſey lernen, und das iſt ſeine unvoreingenom⸗

mene Stellung zur Sinnlichkeit, insbeſondere zum Geſchlechtlichen.

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Früher erzählte man ſich, in ganz ſtreng puritaniſchen Häuſern Englands und Amerikas würden ſogar den Stuol⸗ und Tiſch⸗ beinen Hoſen angezogen, damit ſie den Beſchauer nicht auf erotiſche Gedanken brächten. Na, es war wohl ein gut erjundener Witz, zu⸗ dem hat die moderne Damenmode mit mancher Zimperlichkeit auf⸗ geräumt. Aber in unſerem tiefſten Innern ſchleppen wir faſt alle, in Deutſchland wie in Amerika, die Laſt der alten puritaniſchen (und katholiſchen) Anſchauung mit uns herum, ſie itzt uns auf dem Nacken unabſchüttelbar, wie jener böſe Geiſt auf Sindbads Nacken ritt in dem grauſigen Märchen in Tauſend⸗und⸗einer Nacht. Wie ſeit Jahrtauſenden, ſo raunt ſie auch heute uns zu, daß alles geſchlechtliche Denken und Tun eigentlich unrein, tieriſch, ſündig ſei, etwas, dem man ja immer irgendwie dienſtbar bleibt, das man aber mit allen Mitteln verheimlicht. Und doch iſt hier die Quelle des Lebens, auch eine der Hauptquellen aller Kunſt auf jedem Gebiete und eine der Hauptquellen unſerer Lebens⸗ betätigung im Geiſtigen und Körperlichen.

Und davon wagen die wenigſten Eltern und Lehrer mit ihren Kindern zu reden! Natürlich gehen die dann ihre eigenen Wege, die die Unerfahrenen oft genug in übelſten Moraſt führen. Und hernach donnern wir törichten Alten auf die verkommeneJugend von heute und ſtoßen ſie damit nur noch tiefer in den Dreck.

Item, das wäre das zweite, was Lindſeys tapferes Buch uns vorlebt: die freie, natürliche, rein menſchliche Einſtellung zum Ge⸗ ſchlechtlichen. Erſt wer die hat, kann ſeinen Kindern wirklicher Kamerad werden und bleiben.

Aber jene Einſtellung ermöglich unſerem Verfaſſer auch Folge⸗ rungen von höchſter Bedeutung für das Leben der Erwachſenen, der Eltern unter ſich. Ich betone: Folgerungen von höchſter Be⸗

eutung.

Er fordert eine Regelung der Geburten und unterſtützt alſo unſeren Kauyf gegen den verhängnisvollen§ 218, nicht allein aus hygieniſchen Gründen(kranke Eltern egen kranke Kinder), auch nicht allein aus wirtſchaftlichen Gründen(Armut, Woh⸗

nungsnot, Arbeitsüberlaſtung machen es vielen Eltern unmöglich, eine große Kinderzahl zu verſorgen und zu betreuen), ſondern

auch aus rein geſchlechtlicher Erw sgun die Frau ſoll nicht durch eine zu häufige Wiederkehr von Entbindungen frühzeitig ſaftlos und alt werden. Sie ſoll möglichſt lange ihre ſinnliche Friſche ſich erhalten, und das iſt eben nur möglich bei vernünftiger Regelung der Geburten.

Ich ſagte ſchon: dieſer Richter Lindſey guckte durch die Wände vieler Häuſer, wahrhaftig nicht neugierig und lüſtern, ſonden als ernſter, tatbereiter Mann, der den Leuten helfen will, die dahinter wohnen. Und zu welchem Ergebnis kommt er? Man könne nicht raſch genug aufräumen mit der theologiſchen Anſicht, die Ehen würden im Himmel geſ lcjſen:wo man, nebenbei F-ſagt. dieſe Inſtitution ſelbſt gar nicht hat! fügt der Bibelkundige hinzu.(Er denkt an Jeſu Wort, daß man im Himmel weder freie, noch ſich freien laſſe.)

Ferner müſſe man ehrlich zugeben, baß Che und Liebe durch⸗ aus nicht immer gleichbedeutend ſeien. ieviele Ehen werden um des Geldes willen geſchloſſen oder um die Folgen eines Sinnenrauſches zu verdecken! Weiter: wieviele Brautleute lernen ſich denn wirklich kennen? Schon deshalb nicht, weil in jener Zeit

ſich der Zweite am Bürgermeiſter, ſo packte der Dritte derb den Zweiten an den Füßen, bis ſie alle im Brunnenſchacht baumelten. Jetzt mußt du ihn aber haben rief der Bürgermeiſter zum Letzten, doch der echote:Nur noch eine Elle!Warte nur einen Augenblick, ſchrie darauf der Bürgermeiſter,ich rutſch nach! Und er tat es, ließ den Brunnenrand los und Merligens Männer lagen in bunter Reihe im Brunnen. Den ſchönen runden Käſe haben ſie aber trotzdem nicht gefunden, war es doch der goldene Mond, deſſen volle Scheibe ſich trefflich im Waſſer abſpiegelte.

Schließlich revolutionierte einſt Merligens Weibervolk. Lieber wollten ſie im Thunerſee erſaufen, als je zu ihren Männern zurück⸗ kehren. Draußen weit vor der Stadt am Beatenberg hatten ſie ihr Lager. Aber kaum fing es an zu nachten, da verſchwand ſchon die erſte Schöne auf geheimen Hirtenpfädlein, um ins Städtchen zum Gemahl zurückzukehren, ihr folgte bald die Zweite und ehe der Nachtwächter auf ſeinem alten Horn die Mitternacht anſagte, war das Weiberlager leer und verlaſſen. Merligens Männer lachten, daß ihnen das Herz am Halſe klopfte und immer, wenn heute einer in der Schweiz reumütig zurückkehrt, ſo ſagt man wohl:Er machts wie Merligens Wyber!.

Die künſtliche Umwandlung der Elemente

Trotz des Mißerfolges der Gewinnung von künſtlichem Gold gus Queckſilber, haben doch die Verſuche des berühmten engliſchen Foricher⸗ Rutherford über Elementumwandlungen nicht nur ihr Intereſſe behalten, ſondern ſie werden wieder mehr beachtet als früher. Die Unterſuchungen Rutherfords, die ſchon vor Jahr⸗ zehnten begonnen wurden, gehen von folgendem Verſuch aus:

Man läßt ein Bündel ſehr ſchneller Alphaſtrahlen aus

Radium O unter gewöhnlichem Druck durch Waſſerſtoff gehen. Die

verwendeten Alphateilchen haben die doppelte Maſſe der Waſſer⸗ ſtoff⸗Moleküle, ihre Geſchwindigkeit iſt aber 10 000mal ſo groß, o daß ihre kinetiſche Energie das zweihundertmillionenfache von er der Waſſerſtoffmoleküle beträgt. Wenn die Alphateilchen un⸗

gefähr eine Strecke von 28 Zentimetern durchlaufen haben, ver⸗ ſchwinden ſie, d. h. man kann ſie weder durch Szintillation auf einem Zinkſulfidſchirm noch durch Filterung der Gaſe mehr nach⸗ weiſen. Man kann bei dem Verſuch aber noch jenſeits der Grenze von 28 Zentimeter auf dem phosphoreszierenden Zinkſulfidſchirm

Szintillation beobachten. Dieſe müſſen anderen ſtrahlenden Teil⸗

en zugehören, die man als H⸗Teilchen bezeichnet hat. Dieſe be⸗ ſtehen aus Waſſerſtoff⸗Atomen, die das einzige Elektron ver⸗ loren haben, das jedes normale Waſſerſtoffatom beſitzt. Es liegen hier alſo Waſſerſtoffkerne vor, die mit einem anderen Ausdruck auch als Protonen in der wiſſenſchaftlichen Literatur bekannt ſind. Infolge des Verluſtes eines Elektrons ſind die Waſſerſtoff⸗ kerne elektriſch poſitiv geladen, was ſich durch die Ablenkung der H⸗Strahlen durch ein elektriſches oder magnetiſches Feld zeigen läßt. Der Durchgang von Alphaſtrahlen durch Stickſtoff läßt eben⸗ falls H⸗Strahlen entſtehen, die mit den im Waſſerſtoff erhaltenen identiſch ſind. Nur ſind die aus Stickſtoff erhaltenen Protonen im⸗ ſtande, einen etwa anderthalbmal größeren Weg zurückzulegen als die aus dem Waſſerſtoff gebildeten.

Rutherford hat etwa 20 Elemente dem Alphaſtrahlenbom⸗ bardement ausgeſetzt. Außer dem Stickſtoff ſpalten ſich fünf Ele⸗ mente unter dem Aufprall der Alphaſtrahlen, indem ſie Protonen ausſenden, die eine größere Geſchwindigkeit haben als die H⸗ Teilchen, die man im Waſſerſtoff erhält. Dieſe 5 Elemente ſind das Bor, das Fluor, das Natrium, das Aluminium und der Phosphor. Mit Hilfe einer anderen Verſuchsanordnung iſt es aber Rutherford und Chadwick neuerdings gelungen mit Sicher⸗ heit nachzuweiſen, daß alle leichten Elemente bis zum Kalium einſchließlich durch den Stoß der Alphateilchen aufgeſplittert werden. Ausgenommen ſind Helium, Lithium, Beryllium, Kohlenſtoff und Sauerſtoff, da dieſer Nachweis nicht mit Sicher⸗ heit geführt werden konnte.

Vor einiger Zeit haben die öſterreichiſchen Forſcher Kirſch und

ettersſon angegeben, nach einer ähnlichen Methode wie Ruther⸗ ord faſt alle Elemente aufgeſpalten zu haben, aber ihre Ergeb⸗ niſſe ſind von anderer Seite noch nicht beſtätigt.