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Das Hanogepäck Von Otto Bielen(Wan)
Es iſt wirklich ein ekelhafter Morgen, faſt noch Nacht. Rieſel⸗ feuchter Nebel hängt in der Froſtluft und die Straßenlampen Heben deine Helle mehr. Verkotet iſt die Straße und der Gehſteig euchtig.
Der Herr hat es nicht gerade eilig, aber er möchte den 5 la fünf⸗Uhr⸗Zug nicht verſäumen. Und der Bahnhof liegt noch ein
Die Zeit iſt ſchnell, noch ſchneller iſt das Schicſal. We er holt's nicht ein, und wenn ihn Blitze tr
gutes Stück weg. Der Herr iſt mittelgroß, etwas fettleibig. In
der linken Hand trägt er eine kleine Handtaſche, in der rechten Hand einen kleinen Handkoffer, deſſen Gewicht ihm die rechte Achſel ein wenig herunterdrückt.
In einem Haustor ſteht ein Menſch. Die Hände in den Taſchen des dünnen, ſchäbigen Rockes zu Fäuſten geballt, die Achſeln hochgezogen und das Kinn gegen die Bruſt gepreßt. Denn ihn friert. Ungewaſchen, mit verſchlafenen Augen und miß⸗ mutigem Geſicht, die Mütze im Nacken, lehnt er in einer Haustor⸗ ecke und döſt.
Der Herr haſtet an ihm vorüber, wirft im Vorbeikommen einen raſchen, zugleich ſcheuen und neugierigen Blick auf den hohl⸗ wangigen Menſchen. Der Bahnhoj liegt immer noch ein gutes Stück weit.
Der Mann in der Haustorecke ſieht ihm blinzelnd nach, ſieht, daß der kurzleibige Herr an etwas ſchleppt und will ſich ſchon wieder in ſeine Ecke drücken. Aber er hält inne, zieht den Rock ſtrammer, ſchaut noch einmal nach dem Herrn— geht ihm nach. Er geht zuerſt raſcher als der Herr vor ihm, als ob er ihn ein⸗ holen möchte, hält aber, wie der Abſtand zwiſchen ihm und dem Herrn kleiner geworden iſt, zurück, und als ſich jener feindſelig um⸗ dreht, bleibt er ſogar ſtehen und überlegt. Aber dann geht er ihm doch wieder nach.
Die Straßen ſind öde und menſchenleer. Dem Herrn iſt es wenig bequem, zu wiſſen, daß hinter ihm ein„Vagabund“ geht. Er geht raſcher und raſtet nicht mehr, ſondern wechſelt das Gepäck im Gehen. Aber der Menſch geht auch raſcher. überquert nach dem Herrn die Straße, gewinnt wie dieſer den Gehſteig, biegt kurz nach ihm in die Nebenſtraße ein.
Der Herr wird ängſtlich. Kein Zweifel, der Menſch folgt ihm. Er will ſicher etwas. Man ſollte doch immer eine Waffe bei ſich tragen!— Wenn ihn der angreift— die Hände hat er voll— er kann ſich gar nicht wehren.— Der Herr tut einen ſcheuen Blick nach rückwärts, ſieht den Hunger in des andern Augen und be⸗ merkt, daß der gar nicht ſehr kräftige Menſch etwas von ihm will, ſich aber ſcheinbar nicht recht getraut. Und er geht raſcher.
Aber der Mann hinter ihm geht auch raſcher, der Herr hört ſeine harten Schuhe haſten und näherkommen. Es überläuft ihn kalt. Soll er noch raſcher laufen?— Das verdammte Gepäck!— Aber darauf hat es der Menſch hinter ihm wahrſcheinlich ab⸗ geſehen.
Die immer ſtärker werdende Furcht vor dem entſcheidenden Augenblick macht den Herrn entſchloſſen. Er hört des Fremden Schritt hinter ſich, bleibt kurz ſtehen. dreht ſich um und ſagt: „Was wollen Sie?“
„Ihr Gepäck, Herr,“ ſagt der Menſch betroffen und ſtottert: „Ich bin ein armer Menſch, Herr— die ganze Nacht auf der Straße— kein Geld.— Ich habe Hunger.— Sie ſollen mir nichts ſchenken, aber laſſen Sie mich Ihr Gepäck tragen, Herr“ „Der Herr fühlt alle Furcht weichen. Er atmet auf. Dann ärgert er ſich, daß er Furcht gehabt hat und ſchreit den andern an: „Schauen Sie, daß Sie weiter kommen, laſſen Sie mich in Ruhe— Sie!“— Und geht davon.
Der Menſch duckt ſich, die Worte tun ihm weh. Er ſieht dem Herrn nach, der mit aufgerecktem Kopf und herabhängender Schulter weiterläuft— ſchüttelt den Kopf, zieht die Schultern hoch und preßt das Kinn gegen die Bruſt. Dreht ſich langſam und ſugernd um und ſchleicht müde den Weg zurück, findet ein Haus⸗ or, kauert in eine Ecke und— döſt...
Wer feig des einen Tages Glück verſäumt.
— ügen.
Th. Körner
Feue Wohnungen— neue Menſchen
Das Gemeinſchaftsleben in den Wohnbauten der Gemeinde Wien
Wenn die Stadt Wien in den letzten Jahren immermehr zum Gegenſtand des Intereſſes in der ganzen Welt geworden iſt, ſo verdankt ſie dies ihrer alten Kultur, welche in ihrem einzig⸗ artigen Stadtbild Ausdruck findet.
Es war der kaiſerliche Hof und eine große Anzahl Adels⸗ und Patrizierfamilien, welche im Laufe von Jahrhunderten durch die Errichtung prachtvoller Barockpaläſte, durch die An⸗ legung herrlicher Kunſtſammlungen Wien durch lange Zeit die Prägung ſeiner Eigenart gegeben haben. Dagegen waren die Häuſer und Wohnungen der breiten Maſſen von jeher unzu⸗ reichend, ſowohl was die Zahl, als auch den Raum und die ſanitären Verhältniſſe anbelangt. Es war daher dahingekommen, daß nicht nur die Geſundheit, ſondern auch die Kultur der
breiten Maſſen durch Unzulänglichkeit der Wohnung leiden
mußte.
In den letzten Jahren iſt dies anders geworden. Bei der großzügigen Aufbauarbeit, welche die Gemeindeverwaltung er⸗ richtete, hat ſie den Grundſatz der Hebung der Wohnungskultur ſtreng befolgt. Iſt es doch unbeſtreitbar, daß Kultur, Ethik, Ge⸗ ſundheit und Schönheit des Menſchen innig mit dem Heim zu⸗ ſammenhängen, in welchem er lebt.
Die rieſigen Wohnbauten, welche die Gemeinde errichtet hat, können nur von oberflächlichen Beobachtern als„Kaſernen“ be⸗ zeichnet werden, denn das Charakteriſtiſche der Kaſerne liegt nicht in der Unterbringung vieler Menſchen in einem Gebäude⸗ komplex, ſondern in der Art dieſer Unterbringung; in der Enge des dem einzelnen zukommenden Raumes, der Lichtloſigkeit der Höfe, dem Mangel an Luft und Sonne. Mit dieſen Erſcheinungen einer vergangenen Bauperiode hat nun der neue Wiener Wohn⸗ hausſtil gründlich aufgeräumt. Menſchen, welche dazu verurteilt waren, entweder in großer Zahl in kleinen ungeſunden Räumen
zuſammengepfercht zu werden, die ſich in alten, oft baufälligen
Häuſern befanden, welche allen Geſetzen moderner Hygiene Hohn ſprachen, oder den größten Teil ihres meiſt recht beſcheidenen Einkommens für die enormen Zinſen von Untermieträumen her⸗ geben mußten, ſehen ſich nun in Wohnungen verſetzt, die für den größten Teil ihrer Inſaſſen den Höhepunkt von Schönheit und Be⸗ quemlichkeit bedeuten.
Beim Bau dieſer rieſenhaften Anlagen, die ſich in allen Be⸗ zirken Wiens erheben, und deren jede eine kleine Stadt für ſich darſtellt, mit Handwerkern, Geſchäften und AÄrzten, wurde ſpeziell auf jenen Teil der Bevölkerung Rückſicht genommen, der unter einer ſchlechten Wohnung am meiſten zu leiden hat, auf die Frauen und Kinder. In den alten Häuſern gab es für je ein Stockwerk nur eine Waſſerleitung, die ſich auf dem Gange befand. Sie war der Treffpunkt aller Frauen und gab ſtändig Gelegenheit zu Klatſch und Streit. Da auf einem Gange ſehr viele Wohnungen maren, gab es immer großen Lärm. Ein ewiger Zankapfel und Grund peinlichſter Szenen war das Kloſett. Alles Übelſtände, welche in den Gemeindehäuſern beſeitigt ſind. Die hübſch und praktiſch eingeteilten Wohnungen enthalten alles Nötige und münden direkt in das Stiegenhaus, ſo daß von jedem Treppen⸗ podeſt höchſtens vier Wohnungen zugänglich ſind. Üüberraſchend wirkt daher in allen Neubauten der Gemeinde die große Zahl der Treppenhäuſer, oft 20 bis 30, die durchweg in die Höfe münden. Die Begeiſterung der Frauen aber gilt den Küchen. Sie ſind tag⸗ hell und mit modernen Gasherden, Waſſerleitung und elektriſchem Licht verſehen. Der Aufenthalt in ihnen iſt, zum Unterſchied von der Qual in den dunklen, winkeligen und luftloſen Küchen von geſtern, geſund und angenehm. Die freundlichen Zimmer mit den großen breiten Fenſtern üben einen wohltätigen Anreiz aus und erziehen geradezu zurx Sauberkeit. Sie können, was beſonders im Winter einen großen Vorzug bedeutet, in kürzeſter Zeit durchlüftet werden, da die Fenſter aller Wohnungen auf zwei Seiten ſec öff⸗ nen. Als wahrer Segen aber erweiſen ſich die Zentralwaſchküchen,
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