Allerhand vom Schac.
Von S. Meisels
Schachlegenden
Das Schachſpiel kann man ſowohl als eine Kunſt wie als eine Wiſſenſchaft auffaſſen, je nachdem man ſein Spiel auf eine ſchöngeiſtige, phantaſiereiche Kombination oder auf mathematiſche Berechnung einrichtet. Kein zweites Spiel hat denn auch Künſtler und Gelehrte dermaßen beſchäftigt, wie das Schach. Das Alter dieſes Brettſpiels läßt ſich nicht genau feſtſtellen, die Gelehrten und Schachforſcher ſind ſich darüber nicht einig Der franzöſiſche Kulturhiſtoriker A. Alexandre geht in ſeiner„Encyclopédie des échecs“ ſo weit, das Schach in die Bibel hineinzudeuten, was ihm freilich nur durch exegetiſche Spielerei gelingt. In einem deut⸗ ſchen Sagenbuch aus dem 16. Jahrhundert wird König Salomo als Erfinder des Schachſpiels bezeichnet. In dieſem Buche(ge⸗ druckt zu Gießen 1612) wird eine„Hiſtorie“ von Salomos Schach⸗ ſpiel mit ſeinem Feldherrn Benejahu erzählt, die die bezeichnende Überſchrift trägt:„Wie König Salomo im Schachſpiel betrogen ward und wie er dahinter kam“. Auch in dem umfaſſenden deut⸗ ſchen Werk über Geſchichte und Literatur des Schachſpiels von Dr. Antonius van der Linde finden ſich zahlreiche Schachlegenden und Schachanekdoten, die das hohe Alter dieſes Brettſpiels be⸗ eugen. 4 Eine der bekannteſten Schachlegenden iſt die vom„jüdiſchen“ Papſt Anaklet II., deſſen bürgerlicher Name angeblich Elchanan geweſen war, und den ſein Vater, Rabbi Simon aus Mainz, als er als Abgeſandter der deutſchen Juden mit irgend einer Bitt⸗ ſchrift zum Papſt nach Rom kam, an einem Schachzug als Sohn wiedererkannt haben ſoll
Der ſchachſpielende Derwiſch
Die Literatur über das Schachſpiel iſt alt, aber Leſſing dürfte der erſte geweſen ſein, der das Schachſpiel auch in die Literatur eingeführt hat. Und zwar tat es Leſſing, der ſelbſt ein leiden⸗ ſchaftlicher Schachſpieler war, auf eine recht ſcharf⸗ und kunſtſinnige Weiſe: er brachte das bedeutſame Brettſpiel auf die Bretter, die die Welt bedeuten;,— da es ſich um ein Spiel handelt, ſo mag auch dieſes Wortſpiel hingehen. Der zweite Akt des„Nathan“ beginnt mit der berühmten Schachſpielſzene zwiſchen Sultan Saladin und ſeiner Schweſter Sittah. Der Sultan ſpielt zerſtreut, macht mit einem Springerzug einen groben Fehler, wodurch er, wie man heutzutage ſagen würde, in ein Mattnetz gerät, und gibt die Partie, da er anſcheinend ein„Abſchach“ nicht verhindern kann, vorzeitig verloren. In dieſem Augenblick erſcheint der Derwiſch Al⸗Hafi, ein gewiegter Schachmeiſter, prüft mit Kenner⸗ blicken die Stellung und findet ſogleich, daß weder die Dame noch das Spiel für Saladin verloren ſei. Den Al⸗Hafi hat Leſſing in vielen Einzelheiten einem eigenartigen Berliner Juden nachge⸗ bildet, dem Mathematiker und Schachſpieler Abram Wulff, der im Hauſe Moſes Mendelsſohn lebte. Über dieſes Urbild Al⸗Hafis ſchreibt Zelter an Goethe am 22. Januar 1826:„Aus jüngern Jahren fällt mir ein Jude ein namens Michel, der in allen Dingen, bis auf zwei Elemente, verrückt erſchien. Wenn er fran⸗ zöſiſch ſprach, kam kein unebnes Wort auf ſeine Zunge, und ſpielte er vollkommen Schach. So kommt dieſer verrückte Michel, wie man ihn nannte, zum alten Mendelsſohn, der ſitzt und ſpielt Schach mit dem alten Rechenmeiſter Abram. Spiel an. Abram macht endlich eine Bewegung mit der Rechten, um das Spiel als verloren umzuwerfen, und erhält einen derartigen Schlag am Kopfe, daß ihm die loſe Perücke abfällt. Abram hebt ruhig ſeine Perücke auf und ſpricht:„Aber, lieber Michel, wie hätte ich denn ziehen ſollen?“— Leſſing hat den Vorfall im„Nathan“ nachgebildet, und, da ich auch im Zuge bin, noch folgendes. Der eben genannte Rechenmeiſter Abram iſt eben der, welchen Leſſing als Al⸗Hafi zum Modell gehabt hat. Er galt für den größten Rechenmeiſter und Sonder⸗ ling, unterrichtete für wenige Groſchen oder umſonſt und bewohnte in Mendelsſohns Haus ein Zimmer, auch umſonſt. Leſſing hielt viel auf ihn, ſeiner Pietät und ſeines angebornen Zynismus wegen.
Das Verlobungsſchach
Jean Paul hat ſeit ſeiner früheſten Jugend im Reiche Caiſſas Zerſtreuung und Erholung geſucht. Schon in der Schule zu Schwarzenbach— Jean Paul zählte damals 13 Jahre— ſpielte er mit dem jungen Kaplan Völkel, bei dem er Philoſophie und Geographie trieb, nach der Unterrichtsſtunde Schach. Wie es ſcheint, machte ihm die Schachpartie mit Kaplan Völkel ſo viel Vergnügen, daß er nur derentwegen die Geographieſtunde mit in Kauf nahm, denn als einmal das verſprochene Schachſpiel aus⸗ gefallen war, ärgerte er ſich darüber ſo ſehr, daß er nie mehr zu
Völkel ging. In„Wahrheit aus meinem Leben“ gibt Jean Paul über dieſen recht ſeltſamen Vorgang folgenden kurzen Bericht: „Dieſe Stunden des Kaplans ſetz' ich endlich auf ein Schachſpiel, und ſie wurden verſpielt, weil— nicht geſpielt wurde. Zuweilen nämlich beſchloß der Kaplan den geographiſchen Unterricht mit einem im Schach. mein liebſtes Spiel noch bis jetzt, ob ich gleich darin wie in jedem andern der Anfänger geblieben, als der ich gleich Anfangs aufgetreten. Da ich nun einmal die Stunde un⸗ geachtet der Kopfſchmerzen beſuchte, weil mir ein Schach ver⸗
Michel ſieht das
ſprochen war, und da dasſelbe aus Vergeſſen nicht kam, ſo kam ich auch niemals mehr wieder.“ Literariſch hat Jean Paul das Schachſpiel in der„Unſichtbaren Loge“ verwertet. Im erſten Sektor erjählt der Dichter die Geſchichte vom„Verlobungsſchach“. Der Obriſtforſtemeiſter von Knör iſt unerhört aufs Schach erpicht und beſchließt, ſeine Tochter Erneſtine nur demjenigen zur Frau zu eben, der bei ihr eine Partie gewinnt. Die Tochter des Obriſt⸗ derene enrs erweiſt ſich als Schachmeiſterin erſten Ranges, denn eine ganze Brigade eheluſtiger Junker ſpielt ſich an ihr halbtot, aber kein einziger bringt es fertig, ihr eine Partie abzugewinnen. Da erſcheint der Rittmeiſter von Falkenberg. Auch dieſer kann keine Partie gewinnen, um ſo leichter aber gewinnt er Erneſtinens Herz. Vater Knör hat eine ganze Serie von Partien feſtaeſetzt, aber Falkenberg verliert eine nach der andern. Da Erneſtine be⸗ fürchten muß, auch die letzte Partie zu gewinnen und dadurch den Rittmeiſter zu verlieren, richtet ſie es ſo ein, daß beim Entſchei⸗ dungskampf eine Kopulierkatze über das Schachbrett läuft und alle Figuren umwirft. Das Spiel bleibt unentſchieden und die Ver⸗ lobung wird gefeiert. Dieſer etwas gewaltſame Schluß läßt den Schluß zu, daß Jean Paul wohl ein guter Schachſpieler, aber kein Schachmeiſter war. Ein Schachmeiſter hätte, ſtatt die Kopulierkatze zu bemühen, die Erneſtine auf Selbſtmatt ſpielen laſſen. Freilich iit die Frage, ob in den Zeiten Jean Pauls ſchon das Selbſtmatt ekannt war.
schach-Ecke
Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuser, Fraakfurt a. M., Waldsehmidtstraße 29, wohin auch alle Zuschriften und Lösungen zu senden sind.
Endspielstudie Nr. 51
(Aus Em. Lasker„Lehrbuch des Schachspiels“) Von Comte de Villeneuf
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——m—— Weiß zieht und gewinnt. Kontrollstellung: Weiß: Ke4, Lh4, Sa6, B. cõ, h6(5). Schwarz: Kb3, Lh, ges, B. a3(4). Die Sprache der Schachfigur ist nicht so arm, wie man glauben möchte.
Der Ehrgeiz, etwas zu leisten— Wut, daran gehindert zu sein— Verzweiflung über ein unverschuldetes böses Geschick— Jubel über den glücklichen Zufall—
Hohn dem Gegner, dem sie den Weg versperrt— Haß dem, der ihren König
bodroht, insbesondere dem, der sie fesselt— ein Scheltwort der feindlichen Figur, die sie ein wenig geniert— ein Lachen, indem sie sich einer Falle ent- windet— ja sogar ein bon mot, wie das folgende Beispiel zeigt. Und da viele Akteuro auf dem Brette stehen, hat die Bühne des Schachbrettes ein reiches Ropertoire.
Diagramm: 4
Die Haupthandelnden sind offenbar die Bauern h6 und a. 1. Mit h6— h7 gewinnt Weiß nichts; dieser plumpe Zug verliert wegen Lh— eb(der Läufor lächelt verschmitzt); 2. Ke4 e5, a3— a2. Die rechte Lösung ist: 5
1. Sa6— b4 Kb3 α b4 2. h6— h7 Lha— e5
(der Läufer lächelt) 3. Ke4 α e⁵ aà3— a2 4. Lh4— el †. Kb4— b3 5. Lel— c3(der Läufer lacht.) 5..... Kb3 ³
6. h7— hs Dame a2— al Dame 7. Ke5—f4+† und gewinnt.
Daß nun in Richtung auf das Asthetische die Schachfiguren als handelnde und fühlende Wesen angesehen werden, ist berechtigt. In Äästhetischen Fragen gilt der Fetisch, die älteste Religion der Menschheit; die Illusion ist mächtig gerade beim ästhetischen Eindruck. Der Musikliebhaber wird zum Dichter von erträumten Gestalten und Erlebnissen, sobald er gute Musik hört, der begeisterte Schachfreund füngt an, Erlebnisse von Schachfiguren visionär zu schauen, sobald er durch gutes Schach angeregt wird. Sie beide träumen Märchen, in denen alle Dinge lebendig sind und daher reden und fühlen. Es ist ein holdes, nicht mehr zu analysierendes Gaukelspiel, in das sie sich verfangen. Das Märchen schreitet fort am Rande dessen, was die Schachfiguren bei ihrem Ruhen und bei ihrer Bewegung auf dem Brette erleben und erzählen..
Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint.


