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Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
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In katboliſchen Gegenden iſt es noch heute Sitte, daß die Lunoe Mutter nicht vor vier bis ſechs Wochen nach der Geburt bres Kindes den erſten Ausgang macht. Sie begibt ſich dann zu⸗ erſt zur Kirche, zurAusſegnung. Der Katholizismus erklärt dieſe Sitte als ein Zeichen der Dankbarkeit gegen Gott, der für die glückliche Geburt des Kindes geprieſen werde. In Wirklichkeit handelt es ſich allerdings um ganz andere Vorſtellungen. Es ſind Gedanken⸗ und Gefühlskreiſe beidniſcher, vorchriſtlicher Zeit, deren äußeres Gewand die Kirche übernommen und in ihrem Sinne erklärt hat...

Die Erfahrung, daß manche Wöchnerin beſonders hinfällig war, daß auch ihr Seelenleben zeitweiſe verändert ſchien, mag den erſten Anſtoß zu der Vorſtellung gegeben haben, ſie ſei, wie jeder Kranke nach der Anſchauung des primitiven Volksglaubens, von Dämonen beſeſſen, von Geiſtern bewohnt. Dazu kam der ur⸗ alte Gedanke, das Kind ſei ſeinem Weſen nach ein Vorfahr, der wieder lebendig geworden ſei. Die Mutter mußte deshalb den Totendämonen beſonders nahe ſtehen, von ihnen beſonders be⸗ droht ſein. Noch Roſegger erzählt, wie ein Vater ſeinen kleinen Knaben auf das Grab des verſtorbenen Großvaters feli und ihn ſeiner Frau ſodann mit der Bemerkung zurückgibt, ſie erhalte in dem Kinde den Großvater wieder jung und neu zurück. Noch vor wenigen Jahrzehnten war in Litauen die Sitte bekannt, daß die werdende Mutter in der Stunde der Geburt dreimal auf die Hausſchwelle klopfte, unter der nach altem Volksglauben die ver⸗ torbenen Vorfahren wohnten. Sie wollte auf dieſe Weiſe die

erſtorbenen auf die Geburt des Kindes aufmerkſam machen und einem ihrer Vorfahren die Gelegenheit geben, in das Kind ein⸗ zugehen. Sicherlich hat die Erfahrung, daß große Ähnlichkeit, oft auch Vererbung weſentlicher und hervorſtechender Charaktereigen⸗ ſchaften, wiſchen Vorfahren und Enkeln beſtand, viel zur Bil⸗ dung dieſer Anſchauung von der Wiedergeburt des Verſtorbenen beigetragen. Eine Anzahl anderer Totendämonen aber verſuchte, die werdende Mutter zu einer der Ibrigen zu machen, die Ge⸗ burt nach Möglichkeit zu erſchweren und zu verhindern. Auch bei dieſer Vorſtellung ſpielten ſelbſtverſtändlich die Erfahrungen und Erlebniſſe mit, daß Wöchnerinnen zu einer Zeit, wo noch ſo gut wie überhaupt keine Geburtshilfe beſtand, todkrank lagen oder geſtorben waren. Die Urſache ihres Sterbens aber war für den Primitiven ſtets ein lebendiges Weſen, ein Totendämon. Die werdende Mutter wurde wegen der beſtändigen Gefahr, in der ſie ſchwebte, ſowohl in der Stunde der Geburt als auch nachher mit Schutzvorrichtungen aller Art umgeben. In der Wochenſtube wurden Lichter angezündet, deren Feuer und Helligkeit die Dä⸗ monen vertreiben ſollten, oder aber man legte eine große Axt ins Zimmer, manchmal auch Waffen, Schwerter und Meſſer, um die Geiſter zum Rückzug zu veranlaſſen. Man dachte ſich dieſe Un⸗ heilbringer alſo urſprünglich keineswegs als Geiſter und Seelen, wie ſie der chriſtliche Glaube kennt, ſondern durchaus als körper⸗ liche Weſenheiten, etwa im Sinne des Kinderaberglaubens vom Vevan oder vom Schwarzen Mann. Erſt ſpäter wurden aus den

ämonen Hexen oder böſe, verwunſchene Seelen und Geiſter, vor allem im Mittelalter, das ja eine wahre Fundgrube für Aber⸗ glauben aller Art iſt.

Aber auch nach der glücklichen Geburt des Kindes war die Mutter noch keineswegs den drohenden Gefahren enthoben. Vor allem mußte man ſich hüten, ſie allein zu laſſen. Denn nur zu oft war das Kind von Zwergen, die wohl urſprünglich ebenfalls als Totendämonen aufzufaſſen ſind, geraubt und an ſeine Stelle ein häßlicheres, verrunzeltes Kind mit großem Kopf und ſtarren Augen hingelegt worden. An dieſe Vorſtellung knüpfen ſich unge⸗

zählte ſogenannte Wechſelbalglagen, die den Vorgang, wie der

ERRREREREREE

Unterirdiſche das Menſchenkind ſtahl und ſein eigenes dafür hinlegte, auf die verſchiedenſten Arten erzählen. Auch dieſe Vor⸗ ſtellung fußt auf einer Tatſache, nämlich auf dem furchtbaren Er⸗ lebnis der jungen Mutter, die einen Kretin geboren hatte, und der es unfaßlich war, daß dies ihr eigenes Kind ſein könne.

Die junge Frau ſuchte ſich ſobald ſie allein war, ſobald ſie irgend einen Gang außerhalb des Hauſes zu machen hatte, nach Möglichkeit zu verkleiden eine Vorſichtsmaßregel, wie ſie ia auch letzten Endes der Maskerade der Faſtnacht zugrunde liegt, Durch dieſe Verkleidung glaubte man, die Dämonen täuſchen zu können. In Böhmen legte die Frau ein Kleidungsſtück ihres Mannes an, in Thüringen ihren Brautmantel, der nach dem Volksglauben Wunderkraft beſitzen ſollte. In Brandenburg ſchritt die Frau vor ihrem erſten Ausgang über eine Axt, von der man annahm, ſie vermöchte die böſen Geiſter abzuſtreifen. Der gleiche Grundgedanke, ſich von etwa vorhandenen dämoniſchen Kräften zu reinigen, lag dem Gang in die Kirche, derAusſegnung zu⸗ grunde. Als das Chriſtentum Einzug gehalten hatte, war damit der alte Dämonenglaube keineswegs beſeitigt. Chriſtliche und heidniſche Vorſtellungen gingen vielmehr ineinander über und bildeten manchmal die ſeltſamſten Komplexe. Auch die Taufe wurzelt letzten Endes in uralten Vorſtellungen. Waſſer wie Feuer dienten dazu, die Dämonen zu bannen. Und wenn in Hildesheim das Kind über ein Lindenholsfeuer gehalten oder an anderen Orten in Waſſer getaucht wurde, wenn es heute mit Waſſer be⸗ ſprengt wird, und der fromme Katholik glaubt, der Teufel habe nun keine Gewalt mehr über das kleine Weſen, ſo iſt dieſe An⸗ ſchauung auch ein Reſt des uralten, varchriſefichen Volksglaubens, der Wöchnerin und Kind nicht nur als ſchutzbedürftig, ſondern geradezu alsunrein, d. h. als von unheimlichen Mächten be⸗ wohnt, bezeichnete.

So ragt das uralte Geiſtesgut der Jahrtauſende hinüber bis in die Gegenwart. Unſere Aufgabe aber iſt es, dafür zu ſorgen, daß dieſe primitiven Anſchauungen auch in den weiteſten Schich⸗ ten unſeres Volkes abgelöſt werden durch die wiſſenſchaftlich be⸗ gründeten rhehnfſſe der modernen Wiſſenſchaft. Es liegt kein Grund dafür vor, daß das Werden des Lebens dem Volke noch geheimnisvoller erſcheint, als es ohnehin, trotz eifrigſter Forſchungsarbeit, iſt.

Hungerkünſteer und Vieleſſer im Tierreich Von M. A. von Lütgendol ff

Vor kurzem konnte man in einem Fachbericht leſen, daß ein im Tierpark zu Stellingen gehaltener See⸗Elefant jeden Tag 385 Pfund Fiſche verzehrt; ein anderes Tier derſelben Gattung, der durch ſeine Dreſſurkünſte bekannte See⸗ElefantNauke, braucht täglich 150 Pfund Fiſche, um ſatt zu werden. Das ſind

recht anſehnliche Mengen; 150 Pfund Fiſche bilden aufeinander⸗

gehäuft einen ganz ordentlichen Berg. Aber man muß auch be⸗ denken, daß die beiden See⸗Elefanten wahre Rieſentiere ihrer Art jind:Nauke wiegt 1800 Pfund, und der Körper des zweiten

ieleſſers hat eine Länge von 5 ½ Meter. Solche Körper können natürlich nur durch gewaltige Nahrungsmengen erhalten werden, und die beiden See⸗Elefanten bilden daher auch keine Ausnahme unter den Rieſen des Tierreiches. Als der Forſcher Mitchell⸗Hedges vor einigen Jahren ſeine aufſehenerregenden Beobachtungen an den im Karibiſchen Meere lebenden Rieſenfiſchen veröffentlichte, erzählte er auch von ſeinen Unterſuchungen über den Magen⸗ inhalt der von ihm gefangenen Fiſche. Er konnte ebenfalls Rieſen⸗

Ludovika Simanowisez

* Zu ihrem 100. Todestag

Im September ſind es 100 Jahre, daß Ludovika Simano⸗ wicz ſtarb. Ihr Name iſt den Beſuchern des Schillermuſeums wohl vertraut als Malerin Schillers und ſeiner Familie. Sie war eine Zeitgenoſſin von Frau Vigée⸗Lebrun und hat mit dieſer und Angelika Kauffmann weibliche Kunſtfähigkeit zu Ehren gebracht in Deutſchland wohl als erſte

Ludovica iſt die Tochter des Regimentschirurgen Reichen⸗

bach, wuchs in Ludwigsberg auf und ſchon in früheſter Jugend verband ſie enge Freundſchaft mit Friedrich Schiller und ſeinen Schweſtern. Mit 25 Jahren verlobte ſich Ludovika mit dem Leut⸗ nant Karl Simanowicz. In Stuttgart war ſie Schülerin des Malers Guibal geweſen, der ihr riet, nach Paris zu gehen zur weiteren Ausbildung Der Herzog Karl Eugen hatte ihr dazu ein großes Stipendium bewilligt. Simanowicz hatte ſo viel Ver⸗ ſtändnis für die Begabung ſeiner Braut, daß er ſich einverſtanden erklärte, die Hochzeit bis nach ihrer Rückkehr aus Frankreich zu verſchieben. Vor ihre Reiſe beſuchte Ludovika noch mit Vater und Bräutigam den unglücklichen Dichter Schubert, der auf dem Aſperg ſaß. Er hat dieſen Beſuch in einem Gedicht gefeiert, das mit den Worten beginnt:Sie kommt, ſie kommt! ich ſehe Ludoviken! und in dem er ſie und ihr Genie als einen Stern erſter Größe eiert.

Die Reiſe des alleinſtehenden Mädchens über Straßburg nach aris erregte großes Staunen. In Paris wurde Ludovika Schülerin des berühmten Malers Veſtier Aber auch die poli⸗

tiſchen Ideen ihrer Zeit, die die rantzcfäche Revolution vorbe⸗ reiteten, intereſſierten ſie ſehr, namentlich Rouſſeaus Erziebungs⸗

robleme. Zu ihren Bekannten gehörten die Miniſter Hecker und

peine Tochter Germaine von Staél, ferner Bonaparte und ſeine ſpätere Gattin Joſephine Beauharnais, der Hiſtorienmaler Wächter u. a. mehr. Wie ſo viele berufstätige Frauen von heute, empfand auch Ludovika die Schwierigkeit, ihre Liebe mit ihrer Kunſt in Einklang zu bringen. Es iſt noch ein Brief eines be⸗ freundeten Abbé vorhanden, in dem dieſer ihr rät, eine ihrer Neigungen der anderen zu opfern und ihr zu bedenken gibt, daß auf Erden kein vollkommenes Glück zu finden iſt.

Als 1789 die franzöſiſche Revolution ausbrach, folgte Ludo⸗ vika dem Ruf des Herzogs Friedrich Auguſt nach Mömpelgard, wo ſie deſſen Familie portraitieren ſollte. Dann ging es heim nach Ludwigsburg und die Hochzeit mit Simanowicz wurde ge⸗ feiert. Die Künſtlerin ſcheint es verſtanden zu haben, ihre Malerei mit den Pflichten einer guten Hausfrau zu vereinigen. Ihr Haus wurde zum Mittelpunkt vieler Gäſte. Mit den Männern ſprach die weitgereiſte Frau von Politik, mit den Frauen vom Haushalt, mit den Müttern von den Kindern, ſo daß ſie ſich großer Beliebt⸗ heit erfreute. Aber von ihren Pariſer Freunden kamen immer wieder Einladungen, dorthin zu kommen zu ihrer weiteren Aus⸗ bildung. Da Simanowicz ſich zum Feldzug rüſten mußte, ging Ludovika zum zweiten Male nach Paris. Dort traf ſie den Bruder von Juſtimes Herner, der ſich gleich ihr für die franzöſiſche Revo⸗ lution begeiſterte. Mit Stolz nannte ſich die Schwäbin eine Demo⸗ kratin. Als ſie aber die Greuel der Schreckensherrſchaft erleben mußte, wurde ihre Begeiſterung abgekühlt. Nur mit Mühe ge⸗ lang es ihr, aus Paris in die Normandie zu fliehen und endlich heimzukehren. Simanowicz empfing ſie voller Glück. Die Bio⸗

graphie Ludovikas berichtet, daß er ihren wahren Wert fühlte

und fügt die Bemerkung hinzu:Nicht jeder Mann von Bildung erkennt alle inneren Vorzüge ſeiner Frau.

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