5 *
——
—
Die Tiarag des Saitaphernes
Von Rudolk Leonhard
Ganz ſchwaches Licht ſchwebte in den Sälen des Louvre, als Danilo Gegerescu durch das aufgebrochene Pförtchen leiſe ein⸗
drang und ſich vorſichtig von Raum zu Raum taſtete.„Laß uns
umtehren“, bat ſein Begleiter,„es wird ſchlecht ablaufen!“„Willſt du nicht einmal das für die Revolution wagen?“ zürnte, ohne die Stimme zu heben, Danilo;„wir brauchen Geld, Geld, Geld zur Agitation, wenn wir den reichen Herzog von Luſignan ſtürzen wollen. Wo können wir es beſſer finden als hier? Daß es ge⸗ ſtohlen iſt? Pah! Die Vorfahren des Herzogs häben ſeines auch geſtohlen. Womit könnten wir die Revolution beſſer und ſinnvoller finanzieren als mit dem Erlös für die geſtohlene Krone eines alten Königs oder Satrapen!“
Als ſie aber ſchleichend bis an den Saal gekommen waren, in dem in großer feſter Vitrine die Tiara des Saitaphernes ausge⸗ ſtellt war, hörten ſie verblüfft halblaute Stimmen.„Was“, mur⸗ melte Danilo und hielt hinter dem Tüxvorhang den anderen zurück,„haben andere auch die gute Idee gehabt, und ſind uns zuvorgekommen?“
„Alles was Sie ſagen iſt Unſinn!“ ſagte der Kuſtos uner⸗ ſchüttert mit tiefer Stimme.
„Wenn ich Ihnen ſage—“ ereiferte Cownsburn ſich noch wilder.„Und dieſes Werk in ſolchen Händen! Ein halbes Leben lang habe ich die Krone Timurs geſucht; und hier finde ich ſie, öffentlich ausgeſtellt, falſch regiſtriert, in der Obhut eines Narren!“
„Sie reden Unſinn!“ wiederholte der Kuſtos. CTownsburn ſchüttelte in ohnmächtigem Zorn die Hände gegen ihn:„Laſſen Sie doch Saitaphernes fahren. Wer war denn Saitaphernes? Ein kleiner Satrap. Ein Barbar, lächerlich, unbe⸗ deutend. Aber Tamerlan, der Enkel des großen Timur! Der letzte Schößling aus dem Stamme des Rieſen! Der, wie Quellen er⸗ zählen, die ererbte Krone zu ſchwer fand und ſie umarbeiten ließ, nnd dennoch zu Boden fiel, als die Feldherrn ihn zwangen, ſie zu ragen!
„Auch Ihr Timur war ein Barbar, ſchlimmer, ein degene⸗ rierter Barbar!“
„Aber Aſien glaubte an ihn! Hören Sie: A-ſi— en, wie das klingt, wie das in die Ewigkeit geſunken iſt! Schließen Sie auf, ich werde Ihnen jede Schramme auf Timurs Krone erklären. Er war ein Barbar, aber er litt. Die Krone ſchmerzte ihn. Er ließ ſie fallen— ſie muß noch die Schrammen tragen, von denen die Quellenſchriften erzählen!“
Der Kuſtos ſchwieg erbittert.
Cownsburn rang die Hände:„Timurs Krone, das Werk aus Tamerlans Geſchlecht— laſſen Sie es doch, ich bitte Sie, laſſen Sie es doch Tamerlans Krone ſein!“
Die Zeit iſt ſchnell, noch ſchneller iſt das Schickſal. er holt's nicht ein, und wenn ihn Blitze trügen.
Wer feig des einen Tages Glück verſäumt, Th Körner
Da nahm der Kuſtos die Arme auseinander, die er bis jetzt gekreuzt gehalten hatte. Er ſchloß die Vitrine auf, das Schloß kreiſchte; aber er lachte höhniſch drüber hin.„Ich will Ihnen etwas geſtehen, Verehrteſter, was wir alle hier im Muſeum wiſſen. Ihnen kann ich es ſagen, Sie haben ſich ſelbſt mit Ihrer Tamerlan⸗ Theorie, wie ſie gleich einſehen werden, ſo blamiert, daß Sie ſchon ſchweigen werden. Alſo hören Sie: die berühmte Tiara des Saitaphernes hat weder Saitaphernes noch Ihrem Timur je ge⸗ hört. Sie iſt eine Fälſchung. Sie iſt keine zehn Jahre alt. Sie iſt das Werk des ſüdruſſiſchen Goldſchmieds Raſumofski.“—
Cownsburn zitterte ſtumm. Hinter der Tür entſtand ein ſchwaches Geräuſch, das aber die beiden Männer vor der Vitrine nicht bemerkten.„Schöne Geſchichte, nicht wahr, Daß Sie auch reingefallen ſind, Verehrteſter, iſt doch nur ein ſchwacher Troſt. Da haben Sie ihren Timurſchatz. Sehen Sie, wie glänzend das
Ding gemacht iſt—“
Er wollte die Krone von der ſamtnen Unterlage heben. In dieſem Augenblick knackte es laut. Das hölzerne Dach der Vitrine hatte eine Maus durchnagt, die fiel jetzt von oben, ihr war es nicht weniger unerwartet als den beiden Männern, zwiſchen die goldenen Zacken. Betäubt hockte ſie auf dem Samt, dann lief ſie ängſtlich zwiſchen den metallnen Sparren hin und her, verſuchte innen daran hochzuklettern, ſprang vergebens.
Der Kuſtos hatte ſeinen Schreck ſchon überwunden und Lachi⸗ ſchallend:„Da haben Sie den letzten Sproß des großen Timur. Da habe ich den letzten Inhaber der gefälſchten Tiara: ein Mäuschen.“
Cownsburn war im Schreck zur Tür gewichen. Da ſtanden in Halbdunkel zwei Männer, die ebenfalls laut lachten.
Verblüfft betrachteten die beiden Parteien einander, Dann ſagte Danilo Gegerescu ſehr laut zu ſeinem Begleiter:„Komm— wir ſcheinen die Sache überſchätzt zu haben. Das bißchen Goldwert — dafür gibt kein Amerikaner was Ordentliches. Am Ende täten wir den Herren mit einem ſenſationellen Diebſtahl noch insgeheim einen Gefallen. Komm, es waren eben fünf Nagetiere hier, und wenn zwei gehen, bleiben noch genug!“
Die beiden verſchwanden. Der Kuſtos hatte ſich, im Banne eines neuen Gedankens, aufgerichtet, als Danilo über den mög⸗ lichen Nutzen des Diebſtahls ſprach. Er wollte den beiden Ein⸗ brechern nach, da hatte aber die Maus eine Lücke im geſchmiedeten Gefüge der Krone gefunden und brach aus. Sie ſprang an ſeine Bruſt und auf den Boden, und huſchte durch die Tür. Der Kuſtos ſpürte ein unüberwindliches Grauen davor, ſie etwa beim Nach⸗ ſtürzen zu zertreten. Er wandte ſich plötzlich ermüdet zurück, und ſagte, nach dem Loche in der Decke der Vitrine blinzelnd zu Cownsburn:„Eh ſo ein Maulwurf einem einen Gefallen damit tut, verzichtet er lieber auf die ganze Dieberei.“
„Hm. hm,“ ſagte er, da Cownsburn nicht antwortete,„hm,
7
Aber Cownsburn ſaß mit überdeckten Augen und weinte.
Mutterſchaft und Volksglaube
Von Dr. Else Möbus
Die Vorgänge der Schwangerſchaft und der Geburt ſind für den heutigen Wiſſenſchaftler, den Mediziner, Spezialgebiete ſeines Faches, die er mit den gleichen Mitteln wiſſenſchaftlicher Unter⸗ ſuchung behandelt, wie alle anderen medisiniſchen und kliniſcheu Fälle, die er zu bearbeiten hat. Eine ganz andere Rolle ſpielte die werdende Mutter dagegen in der Vorſtellungswelt des Laien, im Volksglauben. Von jeher galt ſie bei faſt allen Völkern der Erde als mit beſonderen Kräften erfüllt, auf der anderen Seite allerdings auch als beſonders zugänglich für ſchädliche, böswillige Geiſter. Eine Fülle der verſchiedenartigſten Vorſtellungen grup⸗ vierten ſich um die Wöchnerin und um das werdende Leben. Sie alle dienten dazu, eine Erklärungsmöglichkeit für die Geheimniſſe zu bieten, von denen der dunkle Vorgang des Werdens und der Geburt umgeben zu ſein ſchien.


