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Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
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leiſe im Winde bewegenden Baum zu ſchauen. Dieſe Bewegung iſt die Vollendung, ſie iſt der vollkommene Friede und das voll⸗ kommene Glück.

Das Zelt

Es iſt Nacht. Ginevra liegt im Zelt auf ihtem Feldbett und lieſt im Doſtojewfki unter der kleinen Lampe, die von der Decke ängt. Zdeſthän den Bäumen leuchtet die erhellte Leinwand des Perg wie eine japaniſche Papierlaterne. Ich ſitze am ſeneno aus dem die Flamme hochſchlägt um den kupfernen Keſſel. Einſt in Polen, an einem Wintermorgen, nahm ich ihn vom Gürtel eines efallenen Ruſſen. Wo ruhſt du, armer Toter, an den Ufern Viſchura. während wir noch den köſtlichen Himmel der Erde atmen. Die Flamme ſchlägt mit goldenem Finger empor und beleuchtet eſpenſtiſch meine am Feuer hockende Geſtalt und das Geſicht Bevkah die noch einmal herausgekommen iſt. Sind wir nicht alle einſt Nomaden geweſen? Vielleicht, daß aus jener Zeit eine Erinnerung uns im Blute blieb.

Ich trete noch einmal an das Uſer. Schwer und ſtill liegt das Waſſer, in dem der Widerſchein der Sterne ſchwimmt wie kleine weiße Blüten.

Wir löſchen das Licht aus und legen uns hinter der ofſenen Zelttür ſchlafen. Uber uns fühlen wir, wie der Wind leiſe die Zelt⸗ wand bewegt und die dunkle Brandung der Bäume. Klagend und

unheimlich tönt der Schrei des Rüuschene durch den nächtlichen

Wald, daß wir uns feſter im Schlaf aneinanderdrängen. Weit, weit, wie aus einer anderen Welt tönt einmal das Rauſchen der Eiſenbahn zwei Stunden weit über das totenſtille Land.

Gegen Morgen wache ich fröſtelnd auf und höre das leiſe Singen von Reßentrouſen über mir an der Leinwand. Wie gut kenne ich dieſe M 1 trübe erwachenden Tages. Einen Augenblick denke ich nach im Halbſchlaf mißgelaunt an unſeren kühlen nordiſchen Sommer, ſeine Dielen Regentage, an die triefende Heimkehr im Boot mit naſſen Kleidern. Aber noch liegen wir geborgen unter der ſchützenden Leinwand. Ich hülle mich wärmer in die Decke und fühle beglückt, ich bin nicht allein in der weiten Stille dieſes grauen Morgens. Reben mir höre ich den Schlag eines anderen Herzens, und ich weiß, dieſes Herz gehört mir.

Der große Beuder der Erde

Jupiter am Abendhimmel Von Moritz Loeb Bald, nachdem die Sonne untergegangen iſt, ſteigt an dieſen wunderbar klaren Spätſommerabenden genau im Oſten mit blendendem Glanz ein leuchtendes Geſtirn empor. Es iſt der lanet Jupiter, ua der Sonne der größte Körper unſeres ſſermaßen der große Bruder der Erde. Der

andel⸗

uſik. Durch die Zelttür fällt der erſte Schein eines

ſtern kurz vor der Erreichung ſeiner größten Helligkeit ſteht, käßzt Jupiter noch auffälliger als in anderen Jahren hervortreten, ſo daß er gegenwärtig auch die Aufmerkſamkeit derjenigen auf ſich zieht, die den Blick nur bei beſonderen himmliſchen Schauſpielen auf das Firmament richten. Aber auch noch aus einem anderen Grunde verdient der große Planet gegenwärtig beſondere Beach⸗ tung. Überſchreitet er doch nach einer Dauer von ſechs Jgahren zum erſtenmal wieder den Himmels⸗ ä quator, um auf die nördliche Hemiſphäre überzutreten, auf der er nun gleichfulls ſechs Jahre verbleiben wird. Seit dem Beginn dieſes Jahrzehnts war Jupiter mehr und mehr nach Süden gewandert, um im Jahre 1924 ſeinen tieſſten Stand am Firmament zu erreichen. Damals, vor drei Jahren, befand er ſich im ſüdlichſten Teil des Tierkreiſes, im Sternbild des Schützen, und damit hing es zuſammen, daß der große Planet ſeine Bahn am Rachthimmel während der Sommermonate zog, wenn die Dauer der Dunkelheit nur kurz iſt, wenn erſt zu ſboter Abend⸗ ſtunde die Geſtirne hervortreten, um ein paar Stunden nach Mitternacht in der beginnenden Morgendämmerung ſchon wieder zu verſchwinden.

Nun hat aber Jupiter in ſeinem faſt zwölf Jahre dauernden Umlauf um die Sonne den Himmelsäquator wieder erreicht, und er ſteht in dieſen Wochen in unmittelbarer Nähe des ſogenannten rühlingspunktes, des Schnittpunktes des Aquators mit der Fkliptik. An dieſem Punkt befindet ſich die Sonne am 21. März; es iſt gewiſſermaßen der Zentralpunkt am Firmament, von dem

will, ſo könnte man ſagen, daß zurzeit dieſer aſtronomiſche Kardinalpunkt durch den Jupiter hell erleuchtet iſt. Da, wie ſchon erwähnt, ein Jupiterumlauf um das Zentralgeſtirn ſaß zwölf (Erdenjahre, genau 11 Jahre, 10*% Monate dauert, ſo folgt dar⸗ aus, daß der Planet in jedem Tierkreisbild rund ein volles Jahr verweilt. Während der nächſten drei Jahre wird er immer weiter nordwärts im Tierkreis wandern, und um die Wende des Jahres 1930/31 wird er in den Zwillingen den nördlichſten Punkt ſeiner Bahn erreichen, alſo ganz hoch am Himmel ſtehen.

Nicht jelten kommt es vor, daß Laien Jupiter wegen jeiner auffallenden Helligkeit mit Venus, dem Morgen⸗ und Abendſtern, verwechſeln. Äber bei der Betrachtung auch im kleinſten Fernrohr zeigt er ein von der Geſtalt der Venus völlig verſchiedenes Aus⸗

ſehen. Während der Abendſtern ſich ſchon bei geringer 8 Sichel zu erkennen gibt, die in ihrer Ge

Von Jalius Jacob Strauss Der Orden der verrückten Hofräte, deſſenArchiv in der Stadtbibliothek aufbewahrt wird, iſt am 13. Juni 1809 von J. C. Ehrmann, zuſammen mit dem Rektor F. C. Mathiae(1763 1822), der den Wortlaut derErnennungsurkunde verfaßt hat und der auch mit Nr. 1 dieſerAuszeichnung beglückt worden iſt,ge⸗ gründet worden..

Die Zeit war derartigen Anternehmungen längſt günſtis. Die geheimen Geſellſchaften ſchoſſen wie Pilze aus der Erde. Aus dem Jahre 1778 liegen nach denBlättern für literariſche Unter⸗ haltung von 1852 einige Briefe vor, nach denen auch Ehrmann ſich der Sentimentalität des Tages ergeben hatte. Er hatte mit Knigge(17511796), der damals in Hanau lebte, perlönliche Be⸗ kanntſchaft angeknüpft und war Mitglied in deſſenOrden für vollkommene Freunde geworden. Ehrmann trug ſich daneben mit der Idee, ſelbſt einen Orden zu ſtiften, den er dasThal nannte. Eine Art Imitation des Kniggeſchen Ordens, ſollte dieſer auf das engſte Freundſchaftsbündnis baſiert ſein, deſſen Hilfs⸗ mittel in einer Art philanthropiſcher Philoſophie zu ſuchen waren. Zu dieſer Verbindung lud er nah und fern Freunde und Bekannte ein. Sei es nun, daß er den Eingeladenen ſeinen Plan nicht in klares Licht zu ſetzen wußte, oder daß ſeine Intentation überhaupt keinen Anklang fand, genug, derOrden des Thales blieb eine Idee. Indeſſen das Ordensweſen war ſein liebes Steckenpferd. Gelang die Ausführung des Planes nicht auf

ernſtere Weiſe, ſo ſollte er doch wenigſtens auf ſcherzhafte Art

verwirklicht werden. Ehrmann warb 1809 in ſeinem neuen Unter⸗ nehmen nicht mehr um Mitglieder. Dieſe wurden von ihm nun⸗ mehr nach eigenem Ermeſſen und Gutdünkenernannt. In elf

Jahren wurden etwa hundert Diplome verfandt. Sie beginnen be⸗ zeichnenderweiſe mit Nummer 913, ſind gewöhnlich vom 1. April datiert, Timander griechiſch für Ehrmarm unterzeichnet

und enthalten eine kurze, mehr oder minder ſchalkhafte, heute oft nicht mehr ausdeutbare Begründung. Unter den der Aus⸗ deichnung für würdig Erachteten befinden ſich: Arndt, Boiſſerée,

uttmann, v. Drais, Grotefend, Iffland, Jung⸗Stilling, Richter

tober 1814 erzählt von Leonhard 1854es wäre keineswegs Vorgefühl allein, er habe ziemlich ſichere Anzeichen, in Weimar ein Diplom desOrdens der verrückten Hofräthe vorzufinden; ſw hoch hätten ſich ſeine beſcheidenen Wünſche nicht verſtiegen, indeſſen müſſe man es über ſich ergehen laſſen. Mein Gönner war voller Erwartung, ſehr geſpannt, welcher Grund zu der ehrenhaften Auszeichnung gedient habe. Goethe mußte ſich noch eine Weile gedulden, denn Boiſſerée berichtet am 3. Auguſt 1815 aus Wiesbaden:Gſoethe] will als verrückter Hofrath lin deren Geſellſchaft! aufgenommen werden. Er meint, der Spaß wäre allerliebſt... Aber man müßte ihm ein gutes ob ins Diplom geben, ob varietatem e scientiarum? Diesmal ließ die Er⸗ füllung des Wunſches nicht mehr lange auf ſich warten. Mit ſeinemWiſſen und Willen wie Ehrmann im Begleitſchreiben vom 14. Auguft 1815 bemerkt mwurde ihm das Diplom zuge⸗ ktelt und zwar ob Orientalismum Oceidentalem. Marianne von Gillemer wardob Crepidam orientalem der Ehre für würdig erachtet. Anton Kirchners Diplom war das dreißigſte und enthölt die heute nicht mehr verſtändliche Begründungoh octo vigen- tiratum& ob Etymologiam voculae R. Korunka. Die Er⸗ nennung des G. H. Hofrat Dr. Dambmann in Darmſtadt erfolgte ob Magistrum drum. Der alſo Beglückte wußte die Begrün⸗ dung nicht zu deuten. Auf Anfrage vom 25. Februar 1817 erhielt er die Erklärung, daß ein von ihm verfaßtes GedichtZur Ge⸗ burtstagsfeier des ſehr ehrwürdigen Meiſters vom Stuhl folgende Verſe enthalte:

.. Rufet, Bruder: Heil und Segen unſerm theuren Meiſter drum.

In den Sitzungen dieſes drolligen Vereins gab Ehrmann die wunderlichſten Späſſe zum beſten und unterhielt ſeine Vertrauten durch ſeinen derbkomiſchen Humor. Bis zum Jahre 1820 waren etwa hundert Diplome ausgegeben und es ſollte hald zum zweiten Hundert geſchritten werden. Allein die beiden alten Leute, Ehr⸗

aus Breiten⸗ und Längengrade berechnet werden. Und wenn man

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