Druckschrift 
Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
Einzelbild herunterladen

Im deutſchen Arwald

Eine Fahrt durch den Märkiſchen Dſchungel Von Armin T. Wegner

Der Kanal

Mit hinreißendem Schwung, wie von der Hand eines über⸗ mächtigen Meiſters gezogen, ſchließt der Waldrand die Bucht ab; der See iſt zu Ende. Aber verborgen unter dem Laubdach, nur den heimiſchen Fiſchern bekannt, zweigt ein ſchmaler Kanal ab, wie ein dünner Schlauch. Im Waſſer watend, ſchleppen wir das Boot durch die Sandmaſſen der Furt, dann nimmt die kühle Gruft des Waldes uns auf. Das Waſſer iſt ſchwarz wie Erde, und niemals dringt ein Sonnenſtrahl bis in ſeine Tiefe, in der alles Leben erſtirbt. Man ſagt, daß dies ein toter Arm des alten Polzow⸗ kanals iſt, den Friedrich der Große graben ließ, um das Holz der Wälder am Stechlin nutzbar zu machen.

Mit Stangen ſtoßen wir das Boot durch die ſeichte Flut, die zu ſchmal iſt zum Rudern. Alle Augenblicke müſſen wir ausſteigen, bis über die Knöchel im Schlamm verſinkend. Aber hoch über uns falten die Buchen ihre vollen Laubhände, durchſichtig wie grüner Kriſtall; dort Olitgert die Sonne. Iſt nicht ein Zauber über uns gekommen? Schon haben wir unſere Namen gewechſelt: Ginevra und Lanzelot. Oder gleicht die braungebrannte Gefährtin, den breiten Strohhut auf dem Kopf, während ſie mit der Ruderſtange das Boot vorwärts ſtößt, nicht einem malaiſchen Fiſcherknaben? Wir fühlen, wie durch das Netz der Blätter die Schwüle herab⸗ ſickert bis auf unſere Schultern.

Schweigend trinkt der dunkle Spiegel des Waſſers den ſeidenen Baldachin der Bäume und die traumhafte Maske unſerer Geſichter.

Im Dſchungel

Im Waſſer faulende Baumſtämme verſperren uns den Weg.

Hier iſt die Axt des Holzfällers ſeit Jahrzehnten nicht hinge⸗ ommen, hier ſät ſich der Same der Bäume von ſelber aus, die Keime ſprießen und die Greiſe geben mit ihren ſterbenden Leibern ihre Kraft dem kommenden Geſchlecht. Wer weiß, daß es im Herzen Deutſchlands noch Urwald gibt?

Jetzt öffnet ſich über dem Waſſer eine Lichtung. Ein gelbes

Feld blühender Mummeln umſchließt die Mündung. Man nennt

ieſe Stelle denkleinen See; aber in Wahrheit iſt es kein See, ſondern nur eine Zahl ſchwimmender Wieſen. Hier wuchert tau⸗ ſendfältig ein üppiges fettes Gras, rauſchende Wälder von manns⸗ hohem Schilf kränzen die Wieſen und laſſen nur in der Mitte eine ſchmale Waſſerſtraße frei. Jeder Stoß unſerer Ruderſtange ſcheucht einen Sprudel von Sumpfgaſen auf, die perlend an der Oberfläche zerplatzen. Die heiße Sonne brütet über dem Waſſer, über dem eine Wolke von Inſekten tanzt.

Hier iſt das Paradies der Tiere und Pflanzen. Waſſerkäfer huſchen über die Flut wie zierliche ſchmale Kanus der Wilden, deren Ausleger die breiten Schaufeln der Füße bilden. Bienen, Käfer, Falter, Mücken, Fliegen umſchwirren uns. Sumpfpriemeln, Kalmus und Schlangenkraut ſchlingen ſich durcheinander und die breiten Kolben der Binſen ſchwanken leiſe. Hier wächſt wild die Kalla, die man ouſt nur in Töpfen oder in Wintergärten züchtet, eine kleine Abart ihrer üppigen Schweſtern in den Tropen auf den Inſeln der Südſee. In zarter Keuſchheit hebt ſich ihr großer und blendend weißer Trompetenkelch mit dem gelben Stempel über die Flut. Und herrſcht nicht auch hier die Wildnis der Südſee? Iſt nicht auch dies ein indiſcher Dſchungel? 3

Das Traumboot im Märchenſee

Wir hatten uns in dem unter Waſſer verborgenen Geſtrüpp des nächſten Kanals ſo feſtgefahren, daß wir eine Stunde brauch⸗ ten, um wieder flott zu werden. Erſchöpft von dem Kampf mit Schlamm und Pflanzen laſſen wir einen Augenblick die Arme ſinken; dann treibt unſer Boot lautlos auf die ſtille Fläche des Gerlinſees.

Dieſer See, von Bäumen umſchloſſen, iſt ein vollkommener Kreis. Eine Schale von Wald, gefüllt mit Himmel. Gerlin,

Was glänzt, iſt für den Augenblick geboren, das Echte bleibt der N

achwelt unverloren

ᷓᷓn

Merlin: iſt es ein Zufall, daß der Name des Sees ſo ſehr an die alte Geſtalt des deutſchen Märchens erinnert? Ketten blühender Waſſerroſen umgürten den See, eine grüne Algenmatte breitet ſich über den Spiegel. Wir ſenken den Blick unter die Fläche des Waſſers, ein Wald von Schachtelhalmen ſteigt unter uns aus der ſchwarzen Tiefe heraus. Zierlich wie bei einem Armleuchter ſind die ſtielartigen Blätter um den Stengel geſtellt. Unterſeeiſche Wieſen breiten ſich auf dem Grunde aus, ſie würden jeden, der hier zu ſchwimmen wagte, unrettbar mit ihren geſchmeidigen Armen in die Tiefe ziehen. Faſt durchſichtig gleiten die kleinen Fiſche zwiſchen ihren Halmen. Immer tiefer ſenkt unſer Blick ſich in das eheimnisvolle Dunkel. Die Worte auf unſeren Lippen ſind ver⸗ ſtummt vor dem weiten Schweigen um uns; es iſt, als ſänge die Stille in einem tiefen dunklen Ton. Am Ufer heben Farnkräuter ihre breiten Blätter aus dem Moos wie große grünbefiederte Flügel; ja es ſcheint, als wären auch die Eichen und Buchen am Rande nur rieſenhafte Vögel, die mit ihren Zweigen wie zu⸗ ſammengefalteten Flügeln und eingezogenem Kopf ſchlafend rings um den See kauern; als könnte jeden Augenblick der geflügelte Wald aus ſeinem verzauberten Schlafe erwachen, um ſich über uns von der Erde in den Himmel zu heben.

Schillernd begleitet uns ein Schwarm von Libellen. Hellblau und grün Slinſen ihre ſchlanken Leiber, die ſie zuweilen zu einer zierlichen Schlinge biegen. Dazwiſchen ſurren die finſteren Kriegs⸗ äroplane der ſchwarzen Totenkopflibellen. Eine große rüngoldene ſetzt ſich auf den Rand des Bootes, ihr Vorderleib gleicht einem winzigen Froſch und ihr Kopf trägt eine glänzende Krone. Hat der Froſchkönig Flügel bekommen? Ein ganzes Geſchwader von Libellen, einzeln oder paarweiſe aneinandergereiht, ſetzt Iich auf unſeren Bootsrand, auf die Ruderſtangen, das Steuer, die Kleider, ihre kriſtallklaren Schwingen ſittern. und von ihren hundertfachen Flügeln gezogen treibt unſer Traumboot geiſterhaft über den ver⸗ wunſchenen See.

Ein Baum neigt ſich im Winde

Plötzlich reißt eine Flut von Sonnenlicht uns auf die helle Fläche des Nemitzſees. Rings von Wäldern umgeben, iſt er lang⸗ geſtreckt bei geringer Breite und hat wie Italien die Form eines Stiefels. Wir kreuzen den See und landen auf der Spitze der Halb⸗ inſel, dem Ziel unſerer Fahrt. Drei, vier gewaltige Kiefern heben wie uralte Opferbäume ihre rotbraunen beſonnten Stämme hoch in das Licht, mit knorrig gewundenen Kronen gleich dem Haupt der Meduſa. Eine neigt ſich wie eine Rieſenſchlange dicht auf das Waſſer und ſtützt ihren verſtümmelten Aſt in den See, eine andere am Ufer ſteht ſchmal und ſchlank wie ein Reiher.

Wir bringen Zelt, Tiſch und Decken ans Ufer. Ich gehe über das weiche federnde Moos und lege mich unter einer jungen Buche nieder. Aus dem Graſe ſchauen Erdbeeren Pberraſcht zu mir auf. An dem Stamm des Baumes entlang ſehe ich hinauf in die Blätter, zwiſchen den Blättern in den Himmel und ſehe, wie die Blätter ein leiſer Windhauch bewegt.

Ginevra!

Lanzelot!

Wo biſt du? 1

Im Waſſer.

Ich höre ſie plätſchern, pruſten und Wellen ſchlagen; ſiie kan nicht genug haben. Endlich wird es ſtille und ich höre, wie ſie ſ am Ufer ein Lager zurechtmacht.

Ginevra, was tuſt du?

Ich trinke Sonne!.

Die Sonne ſtreichelt unſere Glieder und küßt das nackte Fleiſch

Adams. Ich bin zu läſſig, um aufzuſtehen und ſehe wieder an dem

Stamm des Baumes empor in den Himmel. Der Baum iſt in einer vollendeten Regelmäßigkeit gewachſen, nur daß ſeine Zweige durch den Schatten der Nachbarbäume gezwungen, ſich etwas zur Fläche Wordnet haben; ſo gleichen ſie den fünf Fingern einer Hand. Nun

eginnt ihn ein ſangter Windſtoß zu beugen, und er neigt ſich in einem einzigen leichten Bogen von der Spitze bis zu den Füßen. Dieſe Bewegung iſt abgeſchloſſen, rund und vollkommen. Es iſt, als neigte ſich in erhabener Einfalt die Hand Buddhas, die aus der Erde gewachſen iſt. Alles Sehnen, aller Ehrgeiz und aller Eifer ſind aufgehoben, und ich wünſche nichts mehr, als in dieſen ſich