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Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
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An einer ſteilen Böſchung iſt tief ein Wechſel eingeſchnitten. Hier gibt es Löwenfährten in Menge! Ein kleiner Strauch bietet Gelegenheit, das Tier anzubinden, was ſo geſchieht, daß es ſich bequem niederlegen kann. Außerdem breite ich Heu im Überfluß vor ihm aus. Drei Meter davor wird im Halbkreis erſt das eine, dann das andere Eiſen aufgeſtellt. Ein Raubtier von der Größe eines Löwen muß nun ziemlich ſicher in eines dieſer Eiſen ge⸗ raten, da der Zugang von hinten durch die Böſchung verſperrt iſt und auf der einen Seite ein kleiner Baum ein offenes An⸗ ſpringen verwehrt. Meine Leute ziehen ſich zurück; ich aber bleibe an dem Tümpel, den die Löwen als Tränke benutzt haben, bis nach Sonnenuntergang auf der Lauer liegen. Kaum ſieht uns die Ziege nicht mehr, als ſie ſchon ein lautes, klägliches Meckern hören läßt; es hält ſo lange an, als ich mich in Hörweite befinde. Kein Wild zeigt ſich; beim Weggehen ſehe ich noch lange das weiße Fell des Opfers in dem ſchwachen Mondlicht ſchimmern. Der Wind weht von der Ziege weg über das Gras, in dem die Löwen verſchwunden ſind, doch ſo ſchwach, daß man ihr ängſtliches Meckern kilometerweit hören kann.

Nach einer ſehr ſchlechten Nacht immerzu mußte ich von Löwen träumen mache ich mich frühmorgens auf den Weg, um nach den Fallen zu ſehen. Der Wind hat ſich nicht gedreht, ſo daß ich gezwungen bin, einen großen Bogen zu beſchreiben und mir am linken Ufer einen Weg durch das Grasmeer zu bahnen, um die Fallen unter dem Wind zu erreichen. Etwa einen halben Kilo⸗ meter von dem Platz entfernt überragen Akazien das hohe Gras, und rings um dieſe breiten ſich kleine, grasfreie Stellen aus. Zahlloſe Wildwechſel erleichtern hier das Vorwärtskommen.

In dem Augenblick, wo ich von einem Termitenhügel Aus⸗ ſchau halte, verſchwindet zweihundert Schritt vor mir ein dunkler Schatten raſch und geräuſchlos im Gras, zu raſch, als daß ich hätte feſtſtellen können, was er bedeutet. Da der Gedanke aber naheliegt, daß es ein Löwe geweſen iſt, bewege ich mich mit äußerſter Vorſicht vorwärts. Plötzlich ertönt hinter mir ein leiſer Pfiff des Shikari. Mit allen Zeichen der größten Aufregung deutet er auf die an dieſer Stelle kaum wahrnehmbaren Schleif⸗ ſpuren des Eiſens. Iſt es der Schatten eines gefangenen Löwen geweſen, ſo fühlt ſich dieſer durch das Schlageiſen verteufelt wenig behindert. In dem hohen Gras, in dem er verſchwunden iſt, kann ich nicht zwei Schritt weit ſehen, während umgekehrt der Löwe mich überall wittert. Außerdem iſt mit Sicherheit zu er⸗ warten, daß das ſchwer gereizte Tier mich annimmt. Die Nach⸗ ſuche verſpricht alſo intereſſant zu werden!

nungslaut! Die Lanze ſinkt zu Boden, ich reiße das Gewehr vom Hals, wobei mir der Tropenhelm vom Kopf fliegt. Bei dem Ge⸗ räuſch, das ich verurſache, ſpringt fünf bis ſechs Schritt rechts von mir etwas auf ich habe alſo die Richtung nicht genau ein⸗ gehalten und flieht auf eine größere Akazie zu, die ich des Graſes wegen nur undeutlich ſehen kann. Das Klirren der Kette zeigt an, daß ich tatſächlich eine Großkatze vor mir habe, die ſich im Eiſen gefangen hat. Die Schnelligkeit mit der ſich der Löwe vorwärts bewegt, beweiſt, daß das Eiſen ihn nur wenig be⸗ hindert. Langſam rücke ich vor. Den Baum kann ich nicht mehr ſehen, doch habe ich mir die Richtung nach der Sonne genau ein⸗ geprägt. Ich habe kein Waſſer mehr, die Lippen ſind bereits geſchwollen, und die Zunge ſpüre ich als unangenehmen Form⸗ klumpen im Mund. Auch die Reaktion nach der ſtarken Nerven⸗ npannung will ſich geltend machen. Jetzt nachlaſſen unmög⸗ lich! Wieder ſchiebe ich mit der Lanze einige Grasbüſchel zur Seite, und vor mir ſteht die Akazie. Ich verdopple, wenn dies überhaupt möglich iſt, meine Aufmerkſamkeit, die Hand am Ab⸗ zug. Noch ein paar Sekunden, und auf ſieben Schritt ſtehe ich. einem mächtigen Mähnenlöwen gegenüber. Die Ereigniſſe ſpielen ſich jetzt blitzſchnell ab. Das Tier iſt zum Sprung geduckt. Das Eiſen hat es bei einer Zehe gefaßt. Die Lefzen hinaufgezogen, den gefährlichen Rachen halb geöffnet, bietet es ein Bild, das mir unvergeßlich bleiben wird. Der Schwanz peitſcht den Boden, do daß dürre Grasſtückchen und Sand in die Luft fliegen. In⸗ tinktiv, ohne daß ich mir bewußt werde, gezielt zu haben, fällt mein Schuß. Durch den Kopf getroffen, ſinkt der mächtige König der Tiere bewegungslos in ſich zuſammen.

Nach kurzer Raſt beeile ich mich, die Ziege von ihren Leiden zu erlöſen. Ich muß in das tief eingeſchnittene Flußbett klettern, ann verdeckt mir noch eine kleine Inſel die Fangſtelle. Ich um⸗ gehe dieſe raſch und pralle zurück. Im Flußbett, hinter einer vor⸗ ſpringenden Kante der Inſel, kommt mir ſchnürend auf zwanzig Schritt eilig ein zweiter Löwe entgegen! Im Nu habe ich das Ufer der Inſel erklettert und beobachte von oben, wie ſich die Dinge entwickeln. Der Löwe ſcheint mich nicht bemerkt zu haben und durchquert etwas hinkend das Flußbett. Bei näherem Zu⸗ ſehen kann ich feſtſtellen, daß ſeine linke Pranke von einem Eiſen gefangen iſt. Er verſucht, die 4 Meter hohe, überhängende Bö⸗ ſchung zu erklimmen, fällt aber, von der Falle behindert, zurück. Wütend beißt er auf das Eiſen ein und legt ſich mit dumpfem Grollen im Schatten der Böſchung nieder. Eine herrliche Ge⸗ legenheit zu einer Aufnahme! Ich eile in einem großen Bogen auf das andere AUfer, um den Apparat von dem Rücken des Ka⸗ mels zu holen. Nach einigem Suchen gelingt mir dies auch. Gorilla hat den Schuß zwar gehört, iſt aber nicht ſicher geweſen, ob er ſchon folgen dürfe.

Vorſichtig ſchleiche ich mich nun, Mohammed mit dem Gewehr hinter mir, auf der Böſchung heran, die der Löwe nicht erreichen konnte. Ich habe die Abſicht, den Apparat vorſichtig über den Rand vorzuſchieben und auf 4 Meter Entfernung eine Aufnahme von dem Raubtier zu machen. Der Baum zeigt mir die Richtung, und ſo hoffe ich, daß es keine beſonderen Schwierigkeiten macht, die Stelle wiederzufinden. Um ja nicht vorzeitig die Aufmerk⸗ jamkeit des Tieres zu erregen, krieche ich langſam auf dem Bauch dem Rand der Böſchung zu, Mohammed immer unmittelbar hin⸗ ter mir her. Den Apparat halte ich in der rechten Hand und ſchiebe ihn langſam vor. Da ertönt neben mir ein Gepolter, und mit einem kühnen Satz erſcheint, zehn Schritt von mir, der Löwe auf der Böſchung, die an dieſer Stelle etwas weniger überhängt. Schon hat er mich wahrgenommen und ſtößt ein heißeres

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Fünftel dieſes Lohnes. Sozialzulagen gibt es nicht. Ebenſo konnte mir an hygieniſchen Einrichtungen, Kantinen und Badeſtuben

nichts gezeigt werden. Der Eindruck des Primitiv⸗Rohen legte!

ſich erdrückend auf die Seele und ſteigerte ſich bis zum fürchter⸗ lichen Erſchrecken.

Als die Mittagspauſe eintrat, befanden wir uns in einer großen Bergſohle. Im Nu waren wir von einem Haufen von Grubenarbeitern umringt. Mit drohenden Gebärden verlangten ſie von uns Trinkgeld. Da gedachte ich der Mahnung meines Her⸗ bergswirtes, ja nicht die Brieftaſche vorzuziehen und überhaupt ſo hatte er geraten keinerlei Wertſachen, auch nicht Ringe mit in den Schacht zu nehmen, weil die Gefahr der Ausplünde⸗ rung ohne weiteres gegeben iſt. Nur mit Zigarren und Zigaretten hatten wir uns die Taſchen vollgeſtopft und warfen ſie reichlich unter die Menge Es iſt etwas Furchtbares für das ſozialiſtiſche Empfinden, Männer, die in der Arbeit ſtehen, als Bettler zu ſchauen, noch furchtbarer, dieſe Männner knechtiſch ſich nach einer Zigarette bücken zu ſehen, die der wirtſchaftlich Stärkere ihnen hinwirft. Knechtſinn und Nationalismus gehören in gewiſſer Weiſe immer eng zuſammen, weil beide ſich vor der Knute des Starken, des Mächtigen, des Diktators beugen. Vielleicht hat ge⸗ rade darum in dieſer rückſtändigen ſizilianiſchen Arbeiterſchaft der Faſchismus ſo feſten Fuß faſſen können.

Aber einige Proletarier ſtanden abſeits und beteiligten ſich nicht an dieſer Szene. In ihren Augen funkelte es dunkel auf, wie Scham über das Gegenwärtige und wie gewaltige Sehnſucht auf das Kommende. Zu ihnen ging ich hin und bekannte mich als deuſcher Sozialiſt. Sie begriffen, und wir ſchüttelten uns die Hände.