Druckschrift 
Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
Einzelbild herunterladen

werde die Unglücksſtelle kaum wiederfinden, ſuchte ich doch ſelbſt faſt vergebens den Heimweg. Doch hatte er ſich die Sprengſtelle genau gemerkt. 4.

Aufſchub war gewonnen. Dach wie nun weiter? Sollte er ſich je eines Tages entſchließen, vom Funde zu reden, ſo mußte er entweder den Mord eingeſtehen und ſeine Gründe offen nennen oder zum Schein mit einem neuen Begleiter hinausreiten, ihn bei einer vorgetäuſchten Sprengung umkommen laſſen und dann vom Golde reden, damit der Gefährte nicht von der bereits vorhan⸗ denen Sprengſtelle ſprach..

Was iſt die höllzſchere Siſyphusqual: Sinnlos unverwertbare Straßen zu bauen oder ſinnlos unverwertbares Golderz aufzu⸗ häufen? Plötzlich erſchien ihm ſein Pamirgeſchick wie ein furcht⸗ bares Symbol des ganzen ungeheuren Kommunismus. Ein Mord fordert den andern. Glück und Eifer landet vor unüberſteigbaren Bergen, die man ſchon aus der Ferne erkennt. Doch will welten⸗ kühner Rieſentrotz, daß bis an ihren Fuß heran geſtrebt wird. Nach uns die Sintflut! Mammute in Eisblöcken, das kennzeichnet das ruſſiſche Aſien. Gold im Pamir! Was nützt es?

Wenn in den nächſten Tagen ſeine Leute bei der Schinderei von Felsſtücken faſt erſchlagen wurden, damit eine erträumte Artillerieſtraße ein paar Meter vorgetrieben wurde, quälte ihn der Goldgedanke und er fragte ſich, ob er nicht jedermann Schweiß und Mühe für ſein eigenes, individuelles Glück einſetzen laſſen ſollte am Abbau dieſer Erzader? Nur ein wenig polizei⸗ ſtaatlich gezügelt, nur ſoweit, daß kein allgemeiner Kampf aller gegen alle hochflackerte?Was., verfluchte ſich Sperrvogel,bin ich plötzlich Mancheſterbourgeois?

Und er duckte ſich und alle unter den überſtuat Moskaus, auf die felſige Straße gen Süden, auf der kein Raum war für Einzelſchickſale. Ewig aber in eiſigem Hohn, ſchneeblind, lächelnd, ſtarrte der Hindukuſch zu Tal, Tag für Tag wie ſejt Jahrtauſen⸗

en. Wo überſtieg Tamerlan die Grensberge Indiens?

Gab es einen Mittelweg? Ließ ſich ein Goldgraben für die Allgemeinheit organiſieren mit einem vollen Anteil für den einzelnen?.

Er glaubte, die Laſt der Verantwortung nicht länger allein tragen zu können.Soll ich weiter Straßen bauen für die Welt⸗ revolution der Zukunft oder Gold graben für das Glück der Gegenwart? So lautete die Anfrage, die er an die zuſtändigen Sowjets zu Samarkand durch Eilboten ſandte.

Der Militärkommiſſar wagte nicht, dieſe ungeheuerliche Frage zu entſcheiden. Er gab die Meldung weiter an den turk⸗ meniſchen Zentralrat. Aber auch der lehnte die weltenſchwere Verantwortung ab und wandte ſich direkt nach Moskau.

Hier ſchlug der Brief wie ein Funken in ein Pulverfaß. Die ganze Frage der Parteieinheit ſpitzte ſich zu auf die Formulie⸗ rung der dämoniſchen Pamirbotſchaft. Oppoſition und Regie⸗ rung erörterten in wild gärenden Sitzungen die Probleme, Straßenaufläufe riſſen das Volk mit, hier und da knatterten Re⸗ volver geifernde Antwort für oder gegen. Die Armee ward un⸗ rubig, die fremden Botſchafter horchten auf und forſchten nach den ſagenhaften Straßen gegen ihre Staaten, die über Oſten gen Weſten ſtießen. Ihr Befremden, ihr Warnen gab den Aus⸗ ſchlag und eine raſch inſzenierte Demonſtration, ein Kinder⸗ treuzzug der Waiſen, Wandernden, Verkommenen, denen die Geſpenſter Kokain, Syphilis und Hunger vorangeiſterten, gab der Regierung den Vorwand, die Parole:Gold auszugeben. Ein Spez, ein Fachmann, wurde in Marſch geſetzt.

amit war der Straßenbau überhaupt aufgegeben. Eng⸗ lands Spione würden wachſamer denn je über den Sarykol und Hindukuſch lugen.

Gold, meldete der Telegraph nach Samarkand.

Gold, ritt ein Dſchigit nach Chorog.An den Lagerkom⸗ mandanten perſönlich. Geheim, lautete die Meldung.

öffnen tat ihn ein anderer als Sperrvogel. Sein Stell⸗ vertreter las erſtaunt, runzelte die Stirn und ſchrieb zurück:

Der Genoſſe Lagerkommandant Sperrvogel wurde geſtern

bei einer Felsſprengung von einem Steinblock erſchlagen. Der Goldfund iſt niemandem außer ihm bekannt geworden. Die Nachricht von ſeinem Verſchweigen hat die Diſziplin des Lagers zerſtört. Einzelgruppen verlaſſen befehlswidrig die Baracken und wandern nach allen Himmelsrichtungen aus. Bergſchutt⸗ ütse laſſen befürchten, daß auch bei eifrigem Suchen die Spreng⸗ zeu⸗ nicht gefunden wird. Erbitte weitere Verhaltungsmaß⸗ regeln.

... Der glückhafte Moment war verpaßt.

Auf der Löwenjagd

Von Hugo Adoll Bernatzik*

Sobald die. Karawane angelangt iſt, läßt mich der Gedanke an die Löwen nicht mehr ruhen; ich mache mich auf, um mein Glück mit den Fallen zu verſuchen, und lege zwei Schlageiſen. Urſprünglich hatte ich vor, mehrere Ziegen als Köder mitzu⸗ führen. In Chartum war mir aber unrichtig mitgeteilt worden, Ziegen ſeien leicht in jedem Eingeborenendorf zu baufen. Indeſſen mußte ich froh ſein, wenigſtens eine in einem Dorf aufgetrieben zu

haben, und dieſe wurde mir nur deshalb überlaſſen, weil ſie gar

keine Milch gab und derartig mager ausſah, daß man ſie für krank halten mußte. Dieſe Ziege freundete ſich in kurzer Zeit mit meinen Leuten an und begleitete die Karawane wie ein treuer Hund. Sie wurde weder angebunden noch überwacht, und genau wie ein Hund ſuchte auch ſie während der ſchweren Gewitter Schutz unter dem Zelt, leckte mir die Hände ab und äußerte auf die ver⸗ ſchiedenſte Weiſe ihre Anhänglichkeit. Ich hatte bis jetzt für die Schlageiſen immer Kadaver als Köder benutzt, doch die Löwen dieſer Gegend berühren niemals Aas. Auch zu großem geriſſenen Wild, wie Rhoenantilopen, kehren ſie nicht ein zweites Mal zurück. Bei dem außerordentlichen Wildreichtum haben ſie dies wohl nicht nötig. Auch ſind die Löwen daran gewöhnt, daß tags⸗ über die letzten Reſte ihres Mahles von den zahlloſen Geiern ver⸗ zehrt werden. So kommt es, daß ich niemals eine Löwenfährte in der Nähe einer Falle beobachten konnte. Mit meiner einzigen Ziege hatte ich es bis jetzt nicht gewagt, ſie als Köder zu benutzen, weil ich befürchten mußte, eine Hyäne würde ihrem Leben vor⸗ zeitig ein Ende bereiten, ohne daß ich einen Löwen damit fangen konnte. Ich hatte mich auch ſchon ſo an das Tier gewöhnt, daß es mir bis jetzt immer leid getan hatte.

Heute aber unterdrücke ich alle derartigen Regungen. Die Ziege wird angehängt, und vorwärts geht es, dem Löwenplatz entgegen. Das Tier ſcheint nichts Gutes zu ahnen und ſetzt ſich zur Wehr. Doch ſein Widerſtand erlahmt bald, und wir kommen ohne Unfall zwei Stunden vor Sonnenaufgang an dem gut ge⸗ kennzeichneten Ort an.

.) Bernatzik iſt ein Bahnbrecher auf dem Gebiete der vergleichenden Tier⸗ forſchung, er iſt gleichzeitig Gelehrter und Künſtler, Jäger und Photograph. Mit beiſpielloſer Kühnheit wußte er ſich dieUnterlagen zu ſeinem BucheTypen und Tiere im Sudan zu verſchaffen(179 Seiten Text, 160 Bilder auf 95 Kunſtdruck⸗ tafeln und eine Karte. Rm. 11., Ganzleinen Rm. 13.), aus dem wir mit Ga⸗ nehmigung des Verlags von F. A. Brockhaus(Leipzig) obigen Ausſchnitt ab⸗ drucken. Die dem Werke beigegebenen Bilder können ohne Übertreibung als

photographiſche Meiſterwerke bezeichnet werden.

In den Schwefelgeuben Stzilions

Von Paul Pischowski

Zwei junge Burſchen ſteckten die Ollampen an und geleiteten uns in das Bergwerk von Ciavolotta. Es ging wie in einen Keller hinab. Unzählige Stufen ſtiegen wir in die Tiefe. Einen Fahrſtuhl gab es nicht, obwohl die betreffende Mine zu den relativ größten des Landes gehört und eine Belegſchaft von zirka 500 Mann aufweiſt. Das losgehauene Schwefelgeſtein allerdings wird, immer zwei vollgeladene Loren auf einmal, mittels Aufzuges in die Höhe befördert. Nur die Menſchen müſſen zu Fuß die 200 Meter hinab⸗ und hinaufſteigen.

überaus eng iſt die in den weichen Stein gehauene Treppe. Es kann immer nur einer gehen. Auch dann muß der Ungeübte ſich an den Seilen zur Linken und zur Rechten feſthalten. Für eine Reihe von Stufen iſt dies dringend geboten, da eine Waſſer⸗ ader die Treppe ſtreift und man ſonſt auf den ſchlüpfrigen Stufen

unfehlbar ausgleiten würde. An einer Stelle verſagt anſcheinend die Bewetterung. Dann preßt die jähe Hitze den Schweiß aus den Poren. Man iſt wie aus dem Waſſer gezogen. Der beißende Dunſt würgt im Halſe, und man hat für Augenblicke das Gefühl, als müßte man erſticken.

Unten übernahm ein Steiger die Führung, ein kleiner und ewandter, überaus liebenswürdiger und mit dem faſchiſtiſchen

bzeichen verſehener Mann. Die Luftzufuhr im Schacht war zu⸗ friedenſtellend. Immerhin drückte die mit Schwefel geladene At⸗

moſphäre ſchwer auf die Lunge. AUnter mächtigem Gekrach

donnerte ein voller Lorenzug an uns vorüber. Wir bogen links ab und gingen in gebückter Stellung durch ein Labyrinth von Gängen. üÜberall vernahmen wir das Sauſen der Arbeit. War es wie Stöhnen des gequälten Berges, oder war es wie ein ſchau⸗ riges Klagelied aus Menſchenſeelen, die ein grauſames Schickſal in die giftigen Kammern der Schwefelerde geworfen?

Von den Sohlen, die in Etagen übereinander liegen, ſind einzelne Stollen in das Berginnere hineingetrieben. Baumhölzer halten nur mit Mühe dem gewaltigen Druck der Wände ſtand. Bangen überkam uns, da wir die vielen zerdrückten Stempel ſahen. Allmählich gewöhnt ſich das Auge an das Halbdunkel, und wir ſchauen die Menſchen bei ihrer Arbeit. Oft ſtehen ſie zu mehreren zuſammen. Oft haben ſich die einzelnen wie die Würmer in den Leib des Berges hineingebohrt und müſſen in liegender Stellung ihre ſchwere Arbeit verrichten. Mit wuchtigen Schlägen hämmern die Männer das braunſchwarze Geſtein mit dem un⸗ ausgeſchmolzenen Schwefel los. Oſt muß Dynamit zu Hilfe ge⸗ nommen werden. Jugendliche Arbeiter, darunter viele Kinder, tragen die losgehauenen Maſſen auf der Schulter in kleinen, nach unten zugeſpitzten Baſtkörben in den Hauptſtollen und ſchütten ſie in die bereit ſtehenden Hunde(Loren). Alle ſind faſt unbe⸗ kleidet. Im trüben Scheine der Berglampe glänzt ihre ſchweißige Haut rotbraun wie die eines Indianers.

Wenn man die jugendlichen Arbeiter nach dem Alter ſragt, erhält man die(eingetrichterte?) Antwort: quindici anni: fünf⸗ zehn Jahre. Ich mußte an das Geſpräch mit einem ergrauten Grubenarbeiter denken, der mich am Tage zuvor durch den Ober⸗