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Was glänzt, iſt für den Augenblick gebor
Gold im Pamir
Von Edmund Hoehne Der Kommuniſtenführer Sperrvogel, der einſt in Duisburg ins Polizeipräſidium eindrang und 120 Gewehre raubte, wobei drei Sipos erſchoſſen wurden, hatte ſich der Verhaftung und dem Kerker nur durch eine raſche Flucht nach Moskau entziehen kön⸗
nen. Obgleich er auf direkten Anlaß der Ruſſen gehandelt hatte,
erntete er wenig Dank; bei dem ihm zugewieſenen ſubalternen Dienſt fühlte er ſich höchſt unglücklich, leer, enttäuſcht, und ein heißer Wunſch nach Taten, Befehlen, Organiſieren gärte in dieſem lähmenden Wartenmüſſen. 1
Eines Abends fiel in dem Debattierklub, dem er angehörte, das Wort„Pamir“, als man Ausbruchstore für den immer noch erträumten Vormarſch der Weltrevolution ſuchte. Im Geiſte ſah
man endloſe Truppenzüge mit rotflatterndem Fünfſtern durch Bergtäler in Indien einfallen, die Weltbourgeoiſie in Englands
Macht und dieſe in Indien, ihrer zentralen, aber gefährdetſten
Stelle treffend. Dieſe Kriegsviſionen erregten Sperrvogel in tief⸗ ſter Seele. Er rannte nach Haus, riß einen Atlas aus ſeiner Bücherei und ſtarrte ſtundenlang auf das kleine grüne Quadrat, das hohle Glacis des Pamir zwiſchen Inneraſien und Indien. das „Dach der Welt“.
Er fand, daß nur ein ganz ſchmaler Streifen afghaniſchen
Gebietes zwiſchen dieſem ſüdlichſten Teil ruſſiſchen Bodens und der engliſchen Grenze lag, und die Nacht des einſam in der Ver⸗
bannung lebenden Deutſchen verging unter magiſch kniſternden und leuchtenden Funken, mit denen ſein chaotiſch gärender Geiſt dieſen Riegel überſprang, durchſtieß und das Fünfſtromland über⸗ flammte. 1 Es gelang ihm, in beharrlichem, verbiſſenen Trotz vorzu⸗ dringen zum Genoſſen Armee⸗Oberkommandant, der ihn lächelnd anhörte und ſagte: „Nichts Neues, kleiner Deutſcher. Aber haſt du einmal die Zahlen des Maßſtabs deiner Karte angeſehen? Du meinſt wohl,
den Plan von Holland vor dir zu haben? Der Pamir iſt ſo groß
wie ganz Polen. Dort-willſt du Armeeſtraßen bauen? Verſtehſt du denn etwas vom Wegebau?“
„Ich war preußiſcher Pionierfeldwebel.“
Der Kommandant ſah nachdenklich zum Fenſter hinaus, gab Sperrvogel eine neue, unfehlbare Einlaßkarte und ſagte:
„Komm morgen wieder, Towaritſch Pionier.“
Unterdeſſen überlegte er mit dem Unterſtaatsſekretär:
„Sperrvogel ſteht der Oppoſition nahe. Sperrvogel iſt der
geiſtige Führer jener Truppe Deutſcher, flüchtiger Deſperados, die zwar für Berlin gern als„Deutſche Legion“ geprieſen wird, die aber in Moskau als Zelle künftiger Unruhen gilt. Wenn man ſie los wird, wenn ſie iſoliert über die eiſige Hochwüſte des Pa⸗
mirs preußiſch ſolide Armeeſtraßen bauen, ſich dabei obendrein
hochgeehrt fühlen und vom Dach der Welt herab alle Genoſſen des Erdballs zu grüßen wähnen, um ſo beſſer. Die Kirgiſen können dann viel raſcher auf Jagd reiten, Briefe nach Chorog kommen ſchneller ans Ziel, und wenn wirklich einmal Truppen zum Barogilpaß wollen, iſt alles vorbereitet. Hauptſache iſt, daß Eng⸗
land und Amerika nichts erfahren, weniger um militäriſche Ge⸗
heimniſſe zu hüten, als um die heutige weltwirtſchaftliche Kon⸗ ſtellation nicht durch falſche Aſpekte zu gefährden. Denn wer weiß. ob wir jemals des Pamirs bedürfen.“
Stolz, mit dem Sowjetpatent in der Taſche, gewillt, deutſche
Aufopferungsbereitſchaft für eine weltumfaſſende Idee in die
fernſte, fürchterlichſte Ode zu tragen, ſammelte Sperrvogel ſeine Technikerkompanien, füllte einen Güterzug mit Spitzhacken, Sprengkapſeln, Hebezeugen, Proviant uſw. und ließ wochenlang die wichtigſten Handgriffe üben. Ihm fiel auf, daß die ruſſiſchen Teile ſeines Pamirdetachements aus ganz verſchiedenwertigen Elementen beſtanden und begriff ſchließlich, daß man ihnen teils aus diſziplinariſchen, teils aus politiſchen Gründen eine Straf⸗ verſetzung zugedacht hatte, daß der ihm zugeteilte Stabsoffizier nur kontrollierender Aufſeher war, der gleichzeitig die zentral⸗ aſiatiſchen Garniſonen inſpizieren ſollte. Das alles war ent⸗ täuſchend. Aber eine hinreißend ſchöne Abſchiedsparade, der man
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s Echte bleibt der Nachwelt unverloren
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freilich den gewaltigen Schauwagen mit dem Pappgebirge, den Leimfarbgletſchern, der indiſchen Palme, der Sprengkolonne mit Spitzhacke und Fahne raſch verboten hatte, verſöhnte ihn wieder.
Wochenlang dauerte die Fahrt. Nach mühſeligen Märſchen fand er ſich endlich mit einem Teil ſeiner Truppe in den eis⸗ kalten, verkommenen Baracken von Chorog wieder, während der andere in Pamirſky poſt ſtationiert war. Der Genoſſe Stabs⸗ offizier war im freundlicheren Samarkand geblieben und ſchickte von Zeit zu Zeit je drei Dſchigiten mit Briefen oder Meldungen. Im Angeſicht der Schneefelder und Pamirfirne, der wild zer⸗ talten Dachreiter dieſes Weltgiebels ſprach er ſeinen Kameraden von der übermenſchlich harten Arbeit, dem himmelsſtürmeriſchen
Titanentrotz wahrer Revolutionäre der Tat und ſprengte perſön⸗
lich zum dröhnenden Beginn einen überhängenden Felsbalkon
durch elektriſche Zündung in die Tiefe, daß ein dämoniſches Echo
von vorbereiteter Straße zu den Eisgipfeln hinaufſchrie und ſchwarzer Qualm eine drohende Rieſenfauſt gen Süden reckte.
Die nächſten Tage vergingen damit, die verfallenen Baracken wohnlich herzurichten, währenddes Sperrvogel geologiſche Karten und alte Militärpläne ſtudierte. Er ritt, nur vom öſchigiten be⸗ gleitet, im Tal des Gunt einige Kilometer oſtwärts, um einen überblick über die Verbindung mit Pamirſky poſt zu Meibinnen und eine mutmaßliche Verwerfungslinie zu ſtudieren. An einer Bachgabelung machte er Halt und bereitete eine kleine Probe⸗ ſprengung an einem verwitterten Hang vor, um Einblick in die Profilierung zu gewinnen. Der Oſchigit zündete die Brennſchnur an ſeiner Pfeife an, beide begaben ſich in Deckung und warteten den Knall ab. 1.
Als Sperrvogel näher trat, glänzte ein Felsſtreif merkwürdig hell. Er fand ein Erz———.
„Gold“, ſagte der Dſchigit blitzenden Auges. 1
„Setz dich,“ befahl Sperrvogel ſchwer atmend. Er hockte ſelbſt auf einem Felsblock und ſtarrte über eine Stunde auf den dämo⸗ niſch ſchimmernden Fund. Und was in fiebernder Haſt durch ein Hirn raſte, war dieſer Gedankenſturm:
„Gold! In wenigen Stunden weiß es das ganze Lager. Wird man noch ruhig ſüdwärts Straßen bauen, wenn man wenige Kilometer oſtwärts Gold weiß? Wird nicht das ganze Detache⸗ ment zerfallen in zuchtloſe Wildweſthorden einzeln ſchürfender Abenteurer? Erträgt die Parteidiſziplin des Kommunismus dieſe Probe? Anderſeits: Iſt dieſe Goldader wirklich ertragreich, er⸗ fordert es dann nicht die Weltrevolution, das mühſam herbei⸗ geſchleppte Lager von Sprenggerät, Spitzhacken, Brechſtangen in den Dienſt des Erzabbaus zu ſtellen, um Moskau mit reichen Goldbarren zu helfen? Muß nicht ein Fachmann gerufen werden? Wie aber ſollte ein noch ſo primitiver Schmelzofen geheizt wer⸗ den? Ringsum kein Holz, keine Kohle. Mit dem Miſt der kleinen Yaks heizen die Kirgiſen ihre Jurten. Gibt es Waſſerfälle, Dyna⸗ mos zu treiben, elektriſch zu ſchmelzen? Unmöglich kann Roherz über verſchneite Saumpfade oder Karrenwege geſchleppt werden. Wohin auch? In die holzarme Steppe? O Pamir, du Indiennaher, aber Wegloſer! O Goldtragender, aber unnütz Prunkender, alles Verhöhnender! Fata Morgana auf eiſiger Hochwüſte! Was ſoll
ich tun? Tagelang müßte ich überlegen, alles durchdenken können, aber ſchon heute abend wird der redſelige Oſchigit das Lager in
Aufruhr verſetzen. Verbiete ich ihm die Botſchaft, ſpricht er heim⸗ lich und ich gerate in falſches Licht! O Aufſchub, wenige Tage Aufſchub, wie erhalte ich ihn? Sah ich kalt deutſche Sipos in ihrem Blut liegen, ſollte da ein armſeliger Nomade nicht getroſt ein Opfer der reinen Idee ſein können? Die Sprengſtelle liegt weit ab vom Wege, niemand ſieht ſie im Vorbeireiten, wenn ich
ſelbſt ſie nicht nenne.“
Seine Augen wurden hart, ſtahlgrau, fanatiſch. Er ſtand auf, trat an den Felsrand über dem tiefen Bach und winkte dem Be⸗ gleiter.„Schau einmal hinunter“, ſagte er.„Im Sande liegt pures Gold ausgewaſchen.“
Neugierig ſprang der Oſchigit hoch. Ein Stoß, ein Schrei, ein paar rote Wellen wirbelten durch die Felsbarre im Bach, dann war alles vorüber.
Sperrvogel knüpfte das herrenloſe Roß an den Sattel des ſeinen und ritt heim. Ernſt und ſchweigend ſagte er im Lager: „Der Dſchigit iſt durch eigene Unvorſichtigkeit abgeſtürzt. Ich


