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Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
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aber ſchwer vorwärts, denn die Flut iſt noch zu hoch. Inzwiſchen iſt Dresden alarmiert und in Autos kommen nun Pioniere,

Reichswehr, Feuerwehren, Sanitäter und freiwillige Hilfstrupps. Das Waſſer fällt allmählich und man dringt vor. Was ſich nun dem Auge bietet, überſteigt an Grauenhaftigkeit alle Möglich⸗ keiten der Vorſtellung. Faſt alle Brücken ſind weggeriſſen, die ſtärk⸗ ſten Eiſenträger wie Draht verbogen, die Straße aufgeriſſen, die Schienen der Kleinbahn mitſamt den Schwellen wie Korkzieher verdreht. Häuſer umgeſtürzt und fortgeſchwemmt, Eiſenbahnwagen umgeworfen und über alles ausgebreitet, wie ein braunes Leichentuch, hoher Schlamm. In den Häuſern liegen Tote oder hängen eingeklemmt zwiſchen Balken und Geröll im Geſtrüpp. Die Vorgärten der Häuſer ſind verſchüttet. aber an den Spitzen der Stöcke blühen rote und weiße Roſen, während der Stamm ver⸗ dreht und entwurzelt iſt. Die Betroffenen laufen zwiſchen all dem umher und haben wohl für immer das Lachen verlernt. Iſt ein

Haus nicht umgefallen, ſo ſind Löcher darin und das Fundament

iſt unterſpült.In den öden Fenſterhöhlen wohnt das Grauen.

Liebesgaben

Wer mit dem Leben davongekommen iſt, hat meiſt ſein bißchen Hab und Gut verloren. Jeder Menſch fühlt, daß hier geholfen werden muß, und zwar ſchnell. überall wird deshalb zu Samm⸗ lungen aufgerufen und es gehen auch Gelder ein. Aber all das ſind nur Tropfen auf einen heißen Stein. Die meiſten der Be⸗ troffenen haben nur das nackte Leben gerettet. Alſo müſſen erſt Kleider geſammelt werden. Aus den Orten an der Elbe, die über⸗ wiegend von Proletariern bewohnt ſind, kommen bald die erſten Wagen mit Kleidern und Wäſche. Es ſind nicht immer nur neu⸗ und gute Stücke, dafür kommen ſie eben aus Häuſern, wo kein überfluß herrſcht. Beim Verteilen dieſer Sachen finden ſich aber auch Gehröcke, Badehoſen, Cylinderhüte. Wer kann die geſtiftet haben? Iſt denkbar, daß es Menſchen gibt, die bei ſolch grauen⸗ haftem Erleben noch faule Witze machen? Nicht alle, die in den folgenden Stunden und Tagen verſuchen, in das Gebiet zu kommen. wollten helfend eingreifen. Aber zum Gaffen iſt noch keine Zeit und für müßige Neugier kein Platz. Deshalb wird ab⸗

geſperrt. Aber an Häuſern und Bäumen der unteren Orte ſind

Sammelbüchſen angebracht, die dem Müßigen die Möglichkeit zu materieller Hilfe geben. Ein Arbeiterſamariter hat einmal eine ſolche Sammelbüchſe eine Zeitlang beobachtet und erzählt, daß Arbeiter und einfach gekleidete Leute Silbermünzen einwarfen, während er ein Luxusauto beobachtete, deſſen Inſaſſen einige Kupfermünzen einwarfen. Er ſelbſt wollte das ja nicht verallge⸗ meinern, aber charakteriſtiſch war es.

Wiederaufbau

Wann alles wieder fertig und in Ordnung ſein wird? Wer vermag das zu ſagen. Das ganze Tal gleicht heute einem Pionier⸗ park. In den Häuſern werden die oberen Zimmer hergerichtet. In Bretterbuden ſind Baubureaus, Arbeitsnachweis, Sanitäts⸗ wachen und Verkaufsſtellen eingerichtet. Zunächſt jedoch mußte die Straße wieder fahrbar gemacht werden. Etwa 10 000 Arbeiter wimmeln durcheinander und ſtehen in Waſſer und Schlamm. Schon ſieht man das Chaos ſich ordnen. Wo niemand arbeitet, iſt der Schlamm mit Chlor beſtreut. Schilder verbieten das Trinken von ungekochtem Waſſer. Laſtautos mit freiwilligen Helfern kommen und fahren ab. Vom Hakenkreuz bis zum Sowjetſtern helfen die Trupps, verſäumen jedoch nicht, ſich durch Fahnen und Abzeichen

nach außen hin kenntlich zu machen. Wir Deutſchen können nun mal ohne Uniform nicht auskommen, ſelbſt wenn Wir Giitee tun. * 3. Schubert.

Aus der romantiſchen Dichterſtube

DasRad der Zeit dreht ſich in unſeren Tagen mit Windes⸗ eile. Tag um Tag ſind die Zeitungen voller Senſationen, und ſelbſt aus den Zeitſchriften flieht mehr und mehr alles Beſchauliche. Für lyriſche Dichter wird die Konjunktur immer ungünſtiger, und wer ſich nicht körperlich wie geiſtig aufs amerikaniſche Tempo ein⸗ ſtellt, für den ſcheint überhaupt bald kein Platz mehr auf dieſer angeblich beſten aller Welten zu ſein. Iſt es bei ſolchem Zeiten⸗ rhythmus nicht ein wenig verwegen, ſich mit literariſchen Dingen zu beſchäftigen, die die Gemüter unſerer Großväter und Groß⸗ mütter bewegten?

Dennoch ſcheint es nicht unangebracht, ab und zu auf ein Stündlein unſere haſtende Gegenwart zu verlaſſen und den Blick nach rückwärts zu richten; in jene entſchwindenden Fernen, die der Jugend bis in die Vorkriegstage hinein lieb und teuer waren, und umſo berechtigter iſt vielleicht dieſer Blick, wenn er auf einſtmalige Lieblinge des deutſchen Volkes, wenn er auf altes deutſches Kulturgut fällt.

Ein Jahrhundert iſt jetzt vergangen, ſeitdem Heinrich Heines am bekannteſten gewordenes Werk, dasBuch der Lieder, er⸗ ſchien: jene goldenen Verſe, die Generationen hindurch das Ent⸗ zücken der Jugend wie die Anerkennung und die Liebe des Alters fanden, und die ins Volk drangen, wie kaum eine zweite deutſche Liederſammlung. Die von den Tagen ihres Entſtehens bis auf unſere Zeit immer wieder die Muſiker zur Vertonung reizten. Wer denkt nicht an die im Volksmund wie im Konzertſaal belieb⸗

ten LiederIm wunderſchönen Monat Mai, als alle Knoſpen

ſprangen...;Leiſe zieht durch mein Gemüt...;Du biſt wie eine Blume...,Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten.... Einzelne von dieſen Liedern ſind hunderte Male in Muſik geſetzt worden. Der ganze Liederſchatz gegen fünftauſendmal! Selbſt das alte deutſche Schulleſebuch mußte dieſen lyriſchen Perlen des vor⸗ märzlich verfemten Dichters wohl oder übel ſeine Pforten öffnen. Und nun hundert Jahre! Wird dasBuch der Lieder vorläufig weiterunſterblich bleiben, oder wird es durch die rollenden Schwungräder unſeres Maſchinenzeitalters zerwalzt werden? Als der Dichter ſein intereſſantes Vorwort zur zweiten Auf⸗ lage des Buches ſchrieb vor genau 90 Jahren an einem Früh⸗ lingstage in Paris iſt es geweſen, da meinte er, daß ihm immer dabei das Raimundſche BühnenwerkDer Bauer als Millionär im Kopfe herumgegangen ſei, ob ſeines ſentimentalen Lieder⸗ textes. Der Name Ferdinand Raimund führt hinüber ins Wien der gleichen Zeit, wo dieſer romantiſche Zauberpoſſendichter der Liebling des Publikums war. Für die Wiener war dieſer Dichter einfach ſüß. Vielleicht hing das damit zuſammen, daß er aus einer Zuckerbäckerlehre herkam, der er entlaufen war, um auf den Bühnenbrettern ſein Talent zu erproben. Und er hat es erprobr, mit einem Erfolg, wie wohl kein zweiter Sänger und Schauſpieler ſeiner Zeit. Sein liebſtes Kind war ſeinVerſchwender. In ſechs Wochen hatte ihn der Dichter hingeſchrieben; ſechsundzwanzig⸗ tauſend Gulden brachte ihm dieſe Frucht ſeines Schaffens. Eine damals unerhört hohe Summe. Aber derVerſchwender wurde zum Schwanenliede des Dichters und Schauſpielers Raimund. Als er einige Monate vor ſeinem Tode in Hamburg die Rolle des

Princeps Gloriae! Trahe me post te Trahe me post te, und die Gemeinde ſang: Trag mir die Paſtet.

Ehrmanns Launen waren unberechenbar. So kaufte er nach der Angabe von Maria Belli, die viel von ihrem verehrten Hausarzt zu erzählen weiß einmal einen imIntelligenz⸗ Blatt ausgebotenen Frauenſitz in der Synagoge und ſetzte ſich den nächſten Sabbath darauf. Auf ſein Kaufrecht pochend, wollte er ſich nicht entfernen, und nur nach Zahlung einer bedeutenden Fumune. die er für chriſtliche Arme beſtimmte, entſagte er ſeinem . eſiß.

Ehrmann, der als eifriger Freimaurer in derLoge zur Einigkeit fleißig mitarbeitete, ſammelte die verſchiedenſten Gegenſtände. über die Gründung der Senckenbergiſchen Natur⸗ forſchenden Geſellſchaft freute er ſich und verſchaffte ihr manches ſchöne Stück. Am 27. Mai 1818 wurde er unter dieſtiftenden Mit⸗ glieder aufgenommen.

Am bekannteſten iſt Ehrmann alsGroßmeiſter des Ordens der verrückten Hofräte geworden. Auch Goethe erhielt 1815 ein Diplom mit der Begründungob Orientalismum Occidentalem. In elf Jahren wurden, von 1809 an, etwa hundert derartige Würdigungen. u. a. an Arndt, Iffland, Richter(Jean Paul), Marianne v. Willemer, verſandt.

Als gern geſehenerSamstagsgaſt 8* der Gerbermühle traf Ehrmann 1815 dort auch wieder mit Goethe zuſammen. Mari⸗ anne war es immerhin ein wenig bange, als am 19. Auguſt der Unberechenbare zum erſtenmal zugleich mit dem Dichter auf der Mühle ſvpeiſen ſollte: indeſſen. der hedenkliche Gaſt nahm ſich reſpektvoll und möglichſt liebenswürdig zuſammen, ſo daß alles vortrefflich ging. Die Verſe Goethes:

Pfeifen hör' ich fern im Buſche uſw.

beziehen ſich auf die Gewohnheit Ehrmanns, der ſein Kommen mit einem Pfeiſchen anzukündigen pflegte. Am 28. Auguſt erhielt Goethe zwei ſcherzhafte Zuſchriften, als deren Verfaſſer Ehrmann bald erkannt wurde. Im Briefwechſel Goethes mit Willemer wird derunchriſtliche Chriſtian E., wie ihn die Weimaraner einmal nannten, öfters erwähnt. Auch fand im Anſchluß an Nachrichten über die Steinmetzen⸗Brüderſchaft, die Ehrmann geben konnte, unmittelbarer Briefverkehr ſtatt..

Ehrmann, der ein großer Wohltäter der Armen war, hatte nach dem Tode ſeines Sohnes einen jungen Straßburger Arzt namens Theophil Stellwag an Kindesſtatt angenommen, zu dem der alte Sonderling, als er der Pflege bedurfte, 1820 nach Speyer zog, wo Ehrmann⸗Stellwag als Kreismedizinalrat lebte. Noch ein⸗ mal kam er dann auf dringende Bitte Maria Bellis zu einem Gegenbeſuch nach Frankfurt.Ich erzählt die treue Freundin ging mit ihm.. an den Main; es glich einem Triumphzug, von den arbeitenden Klaſſen ward er umringt und begleitet..*

Anfang Auguſt 1827 rührte ihn in Speyer der Schlag. Am 13. ſder 31.) wiederholte ſich der Anfall, dem er vor hundert Jahren erlag.

Der Enkel von Ehrmanns Adoptivſohn, Ehrmann⸗Stell⸗ wag, Hermann Frey, der unter dem Namen Martin Greif(1839 bis 1911) als Dichter bekannt geworden iſt, hat die anfangs angedeutete Duellgeſchichte in einer NovelleGoethe und Thereſe auf Grund von Anagaben ſeiner Großmutter. Joſephine Ehr⸗ mann, geborene Giſelin, und unter Benutzung einiger Briefe von Franz Chriſtian Lerſé(1749 bis 1800), ſowie von Tagebüchern behandelt. Es wird Sache der Forſchung ſein, im Anſchluß an die von Profeſſor Voelcker im Frankfurter Stadtarchiv gefundenen Akten nach Möglichkeit ſeſtzuſtellen, was in Greifs Schilderung Dichtung und was Wahrheit iſt.