entſcheidet über ihr Tun ſelbſt und nimmt damit ihr Schickſal in Müſcheidet Hand. So kann alſo ſchon in der Schule eine plan⸗
mäßige Erziehung zur Selbſtbeſtimmung und Selbſtverwaltung, d. h. alſo zur Demokratie ſtattfinden. Eine ſchablonenhafte Nach⸗ ahmung der herkömmlichen ſtaatlichen Verwaltung und Re⸗ gierung durch die Schule iſt dazu nicht vonnöten. Die An⸗ bahnung einer Selbſterziehung, die Erwerbung der Fähigkeit unter eigener Verantwortung ſich das Leben zu geſtalten, iſt das Wichtigſte, der Kerngedanke der Schulgemeinde. Welche ſpezielle Form ſie in jedem einzelnen Falle annimmt, das wird von allerlei äußeren Umſtänden abhängen. Die Hauptſache iſt nur, daß ſie auch wirklich etwas organiſch Gewachſenes, ein ſo⸗ zialer Organismus, nicht etwas von außen Aufgepfropftes iſt.
Wir wollen die Jugend aber nicht nur zum richtigen Ge⸗ brauch der Freiheit, ſondern auch zu werktätigem Gemeinſinn, zur Arbeit im Dienſte der Gemeinſchaft erziehen, und auch dazu iſt
die Schulgemeinde die geeigneteſte Inſtitution. Sie iſt ja nichts
anderes, als eine konſequente Fortbildung des ſchon im Begriff der„Schul⸗Klaſſe“ liegenden Charakters einer Gemeinſchaft. Durch die Schulgemeinde ſoll dieſe Gemeinſchaft ſyſtematiſch für die Erziehung zu ſozialem Denken und Handeln nutzbar gemacht werden. Damit nämlich ſoziale Geſinnung entſtehen, ein ſitt⸗ licher Charakter ſich bilden kann, muß Gelegenheit zu praktiſch⸗ jozialer Betätigung da ſein. Die iſt aber nicht gegeben in der Vereinzelung eines intellektualiſtiſchen Unterrichts, wie ihn die heutige Schule betreibt, ſondern nur in einem vielgeſtaltigen
lebendigen Gemeinſchaftsleben. Deshalb iſt die Erweiterung der
Arbeitsgemeinſchaft der Klaſſe zur Schulgemeinde auch eine not⸗ wendige Forderung ſozialethiſcher Erziehung. Die Schulgemeinde allein gibt Gelegenheit, alle ſozialen Triebe in Tätigkeit zu ſetzen. Sie allein fördert beim Zögling auch die Erkenntnis, daß die Menſchen in mannigfachſter Beziehung und Abhängigkeit zu⸗ einander ſtehen, eine große Einheit bilden und daß der einzelne deshalb nicht nach ſeinem Belieben handeln darf, weil ſein Tun und Laſſen für das Wohl und Wehe ſeiner Mitmenſchen von Be⸗ deutung iſt. Das egoiſtiſche und vielfach ein ekles Strebertum züchtende Syſtem der alten Schule wird in der Schulgemeinde durch das altruiſtiſche erſetzt.
Während früher die Schule den Eigennutz und die Selbſtſucht durch das Verbot gegenſeitiger Hilfe, die ja geradezu als ein Verbrechen galt, beinahe ſyſtematiſch züchtete, wird in den Ar⸗ beitsgemeinſchaften und ſonſtigen Einrichtungen der Schul⸗ gemeinde der ſoziale Urinſtinkt gegenſeitiger Hilfe zu vertieftem
Solidaritätsgefühl, zu freudiger Einordnung in die ſoziale Orga⸗
niſation, zu gegenſeitigem Verſtehen und ſich Geltenlaſſen, kurz
zu bewußtem ſozialen Denken und Handeln ſich organiſch ent⸗
wickeln.
Das Leben in der Schulgemeinde iſt ſo zugleich die frucht⸗ barſte und lebendigſte Form volksbürgerlicher Erziehung; denn nur was den ganzen Menſchen packt, wirkt nachhaltig auf ſein Verhalten, nicht aber eine ganz einſeitig intellektuelle Belehrung, wie ſie im ſogenannten ſtaatsbürgerlichen Schulunterricht ver⸗ ſucht worden iſt. Es iſt ferner auch in der Hinſicht ein außerordent⸗ lich wichtiges Erziehungsmittel, daß es die Entſtehung jenes von der alten Schule geradezu ſyſtematiſch gezüchteten. völlig unpoli⸗ tiſchen Typs des Intellektuellen verhindern wird der ſich vom öffentlichen Leben glaubte zurückhalten und lediglich ſeinen per⸗ ſönlichen Anlagen und Neigungen widmen zu dürſen, und der dadurch zweiſellos die Entgeiſtigung der Politik und unſeres ganzen öffentlichen Lebens ſtark mitverſchuldet hat.
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Vom Anwelttergebiet im Erzgebirge Was ich jetzt ſelbſt jah und was mir die Leute dort erzählten Stilles Tal
Wenn man von Dresden ſtromaufwärts bis Heidenau fähr:, ſieht man dort ein kleines Flüßchen in die Elbe münden, die Müg⸗
litz. Sie kommt aus dem oberen Erzgebirge und durcheilt in
ſchnellem Lauf ein enges Tal von zirka 30 Kilometer Länge. Wer jemals dieſes Tal auf⸗ oder abwärtsging freute ſich immer über dies herrliche Fleckchen Erde. Zu beiden Seiten von hohen Felſen eingeſchloſſen, bildet ſich ein enges Talbecken von manchmal nur 50 Meter Breite. Jede Biegung— und deren gibts gar viele— zeigt ein anderes Bild. Längs der Talſtraße zieht die Landſtraße dem Flüßchen entlang und daneben fährt noch eine Kleinbahn und ſchlängelt ſich über 28 Brücken einmal rechts, einmal links der Müglitz, das Tal entlang. Kleine Orte mit alten, niedrigen Häuschen aus Lehmfachwerk wechſeln ab mit Mühlen und Papier⸗ fabriken, neben denen feſte Wohnhäuſer für die Beamten ſtehen. An den ſteilen Hängen werden die wenigen waldloſen Stellen in mühſeliger Arbeit von den Leuten beſtellt, die ſonſt in den Mühlen und Fabriken beſchäftigt ſind. In Glashütte iſt Uhren⸗ induſtrie, die ſich nur ſchwer gegen die Schweizer Konkurrenz halten kann und viel Arbeit als billige Hausarbeit vergibt. Arme Leute wohnen in dem Tal, aber ſie ſind zufrieden, wie denn die erzgebirgige Zufriedenheit geradezu ſprichwörtlich geworden iſt.
Fine furchtbare Nacht Ein drückend ſchwüler Tag geht zu Ende. Aus der Ferne ſieht man Wetterleuchten. Müde geſchafft gehen die Leute ins Betr. Ein ſchweres Gewitter geht über die felſigen Höher und zieht bald wieder ab. Die Leute im Tal ſchlafen nun ruhig. Nach einer Stunde durckzucken wieder Blitze den ſchwarzen Nachthimmel, Donner krachen und ſtrömender Regen praſſelt hernieder. Noch weiß niemand im Tal, was ſich zu gleicher Stunde oben im Ge⸗ birge, an der Waſſerſcheide, ereignet hat. Hier iſt ein Wolkenbruch niedergegangen und gewaltige Waſſermaſſen brauſen zu Tal. Ein kleiner Teil fließt die ſteilen Hänge nach der Tſchechoſtomakei hinab, während der Hauptteil ſich in die Müglitz und die Gott⸗ leuba ergießt. In raſendem Tempo eilt die ſtrömende Flut und reißt alles mit ſich, was ihr im Wege ſteht. Am ſchlimmſten iſt die Wirkung an den Stellen, wo das Tal eine Biegung macht. Bis über vier Meter ſteigt das Waſſer an und nichts vermag es auf⸗ zuhalten.— Erſchreckt von dem Getöſe ſpringen Menſchen aus dem Bett und drehen am Lichtſchalter— es bleibt dunkel— in wahnſinniger Angſt wollen ſie auf die Straße und werden hier vom Strudel erfaßt und weggeriſſen. Wer dennoch herauskommt, ſucht im Dunkeln nach einem Halt, der bald keiner mehr iſt, weil er auch mit weggeriſſen wird. Schreien und Stöhnen von Menſchen und Tieren, Wimmern von Kindern und Verletzten— und alles übertönt vom Gebrüll der Waſſermaſſen und vom Getöſe krachen⸗
der Balken und Bäume.— Eine neue Sintflut.
Tod und Verwüſtung
Der Tag fängt kaum an zu grauen, da wälzen ſich ſchlammige Fluten in die Elbe und bringen Holz, Möbel, totes Vieh und Menſchenleichen. Noch weiß niemand, was eigentlich paſſiert iſt, denn Telephon und Telegranh ſind kaputt Aber man ahnt das Schlimmſte und alarmiert. Hilfstruppen ſtellen ſich zuſammen und noch halb im Dunkeln verſuchen die erſten vorzudringen, kommen
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Goethes unchriſtzicher Cyriſtzan“ J. C. Ehrmann zum Gedächtnis(† 13. Auguſt 1827) Von Juliuns Jacob Straub
Zu den eigenartigſten unter den Leuten, die ſich rühmen durf⸗ ten, mit Goethe bekannt geweſen zu ſein, und zu den merkwürdig⸗ ſten Menſchen, die je das Frankfurter Bürgerrecht beſeſſen haben, gehört der in Strab urg am 29. April 1749 geborene Jo⸗ hann Chriſtian Ehrmann. Sein gleichnamiger Vater(1710 bis 1797) lebte in der Münſterſtadt als praktiſcher Arzt und Profeſſor der Medizin, deſſen Vorleſungen 1770 und 1771 auch Goethe hörte. Bei dieſer Gelegenheit wurde der junge Frankfurter mit dem vier Monate älteren Profeſſorſprößling bekannt, der zur gleichen Zeit Heilkunde ſtudierte.
Der junge Ehrmann ſcheint ſchon früh Lebensführung verſpürt zu haben, wenn auch vieles von dem, was über ihn berichtet wird, mehr oder weniger übertrieben ſein dürfte. Wenigſtens läßt ſich weder nach Zeit, Ort uſw. die Schil⸗ derung ſeines Zweikampfes, noch die ſeiner Flucht nach Baſel, wo er am 8. Dezember 1772 den Doktorhut erlangte mit dem— wie Profeſſor Voelcker neuerdings feſtgeſtellt hat— auf dem Stadt⸗ archiv in den„Ratsſupplicationen“ aufbewahrten Bürgerrechts⸗ geſuch und den dieſem beigehefteten Urkunden in Einklang bringen.
Ehrmann kam zu Ende der Siebziger Jahre des vorigen Jahr⸗ hunderts vermutlich über Mainz nach Frankfurt, wo er 1779 in die Reihe der ausübenden Ärzte aufgenommen wurde. Im gleichen Jahre heiratete er hier eine Schweſter des Philologen Philipp Buttmann(1764 bis 1829), die 1870 ſtarb Sie muß ihren Gatten, ebenſo wie dieſer ſie, ſehr geliebt HeTen, denn es war nicht leicht
Luſt zu ſeltſamer
EE mit ihm auszukommen. Hat er ſie doch, als ſie eines Tages zur verabredeten Stunde nicht pünktlich zu Hauſe war, öffentlich aus⸗ ſchellen laſſen, ſo daß ſich die Armſte eine ganze Weile nicht auf die Straße getraute. Von den beiden Kindern aus dieſer Ehe ſtarb der jüngere Sohn ſchon früh, der ältere fiel im achtzehnten Lebensjahre im Zweikampf. Den Verluſt betrachtete Ehrmann im Hinblick auf ſein obenerwähntes Duell, in dem er einen fran⸗ zöſiſchen Offizier getötet haben ſoll, als eine— wie Prene berich⸗ tet— Art Vergeltung des Schickſals. Ehrmann war hier, trotz oder vielleicht auch wegen ſeiner Schrullen und Eigenheiten, einer der geſuchteſten Ärzte, der bei den einfacheren Klaſſen in dem Rufe ſtand, ein Wunderdoktor und Wundermann zu ſein. 1793 wurde er Garniſonarzt, 1804 Arzt am Rochusſpital. 1808 trat er unter der großherzoglichen Regierung als Medizinalrat in den Ruhe⸗ ſtand und widmete ſich fortan wieder ganz der Privatpraxis, den Studien und ſeinen Liebhabereien. Um die Geſundheitspflege in Frankfurt ga M. hat er ſich die größten Verdienſte ermorben. Er war neben Dr. Melber kletzter Arzt der Frau Rat. Mit ſeinen Kollegen vertrug er ſich— einzelne ausgenommen— ſchlecht. Als rückſichtsloſer Draufgänger überſchritt er in ſeinen Streitſchriften wider die„Brutalimpfmeiſter“ Sömmering— den er als Ana⸗
tom hochachtete— und Lehr jedes Maaß.
Ehrmann iſt der Verfaſſer einer ganzen Reihe meiſt ſatiriſcher Schriften, von denen er die Mehrzahl unter Decknamen veröffent⸗ licht hat. In einer derſelhen.„Ex Museo Moguntino“, in der er die Altertumsforſcher verſpottet, die eine neue Paſtetenform für ein altrömiſches Fundſtück gehalten hatten lieſt man u. a. fol⸗ gende ortskundliche Anekdote:„In Sachſenhauſen bei Frankfurt
ſang man noch im 16. Jahrhundert das Lied der Kirche:„In. duléi Jubilo“; im zweiten Vers kommen die Worte vor— 0


