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Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
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apier auf der Straße im Wirbel umhertrudelt. Dabei fuhr ſie ch manchmal mit den Händen in das durchaus nicht mehr ſäuber⸗ lich geordnete Haar und Lah allektieſſte Seufzer von ſich und Ogottogotts und perlende Tränchen. Er dagegen, der Herr des Pauſes, laß mit zuſammengeſunkener Maſſigkeit in dem Lehn⸗ ſtuhl, drückte ſeine Augäpfel ſtier zu der gegenüberliegenden Zimmerwand hinüber, tranſpirierte wie ein Boxer und hielt in ſeiner rechten Hand das Dokument, auf dem das Furchtbare zu leſen ſtand.

Dann klopfte es glücklicherweiſe an die Tür, worauf ſich durch den inzwiſchen entſtandenen Spalt eine hohe Geſtalt ſchob, die ſo ſchlank war, daß man ſie mager genannt hätte, wenn es nicht eben die von Frau Paſtor Bitterlich geweſen wäre.

Deren Ankunft wirkte befreiend. Des Herrn Moſchus Augen ſchnellten um ein Merkliches zurück in die heimatlichen Höhlen, und der maniſchen Zimmerwanderung ſeiner Gattin eröffnete ſich ein anderes Betätigungsfeld. Trauliche Zwieſprache iſt dem Be⸗ drängten ja manchmal ſo heilſam!

„Ogott, liebſte, beſte Freundin, wie gut, daß Sie kommen! Sehen Sie mal da(hierbei entriß ſie ihrem Mann das Papier und hielt es der Frau Paſtor vor die hochgelagerten Augen), ſehen Sie mal da, was das Kind uns angetan hat! Mein Gott,

unſere AUlrike! Haben wir das um ſie verdient? Sie hatte doch

alles bei uns! Erſt vorgeſtern hat ſie noch einen Manikurekaſten bekommen! Und jetzt das! Was machen wir bloß, was machen wir bloß!?“.

Die alſo Angeredete und Befragte las mit naturgemäß gierigen Augen den Brief. Als ſie am Ende war, machte ſie ein Geſicht, von dem nicht mit notwendiger Präziſion geſagt werden kann, ob es berechtigtes Mitgefühl oder Schadenfreude ausdrückte.

Dann ſchnob ſie los in heimgewohnter Terminologie:„Ja, das habe ich mir ja gleich gedacht! Da haben Sie ja eine ſchöne Schlange an Ihrem Buſen genährt! Dieſes Otterngezücht! Erſt geſtern habe ich noch zu meinem Paſtor geſagt:———“

Was ſie zu ihrem Paſtor geſagt hatte, wird ewig im Dunkel bleiben. Denn während Herr Moſchus in fruchtloſem Bemühen bei ſeiner Frau die von der Paſtorin erwähnten Körperteile zu er⸗ Hähen trachtete, ſprang ihr die unglückliche Mutter wie eine

öwin ins Wort und faſt an den Leib:

„Waaas?! Otterngezücht? Schlange? Das ſagen Sie, wo Ihre Gören immer, ſo 1 1 8 geſtern noch vom Amtsrichter Ott im Kirchgarten ha keſtern. Wiſſen Sie, jetzt iſt es bald aus mit der Freundſchaft, Und mein abgelegtes Seidengeblümtes, das Sie Ihrem Dienſt⸗ mädchen zu Weihnachten ſchenken wollten, ſ meiße ich doch lieber in den Aichentaſton. ehe Sie es kriegen. Und den großen Alu⸗ miniumtopf wollen Sie uns gefälligſt auch zurückbringen!—— Sag du doch mal ein Wort, Ottokar! Du biſt doch der Vater!“

Der Frau Paſtorin Augen ſanken in Troſtloſigkeit, als ſie die auferlegten Strafen vernahm. Und bei neun Kindern hat man es doch ſo nötig, zu ſparen! Aber da ſchien ſich nichts mehr repa⸗ rieren zu laſſen. Aus war's!

Oder doch nicht?? Oh, Hoffnung! Denn Herr Ottokar Moſchus gab die begütigenſten Worte von ſich:

„Meine liebe, gute Frau Paſtor! Sie haben ſchon recht! Alles

Unglück kommt von den Weibern!— Pipa de Papi nennt

ſich das Aas? Und filmen will ſe? Die wer' ick filmen! Mit Knüppeln auf den Steiß!— So, und jetzt gehe ich zur Polizei!“ †

ein Papier, auf

erumlaufen und Ihre Elsbeth lich feſt Film

(Menſchengewühl durch die Sperre kommen!“

Zwei Frauen ſielen ſich weinend und wehklagend in die freundſchaftlichen Arme, während ein Mann das Haus verlieh zur Betätigung leiner väterlichen Anhänglichkeit.

Auf dem Fußboden, in einer Ecke, lag einſam und zerknittert zpſer, ai em di MWorte 9 leſes waren g 1 „Liebe Eltern! efreie mich! ehe ein in Glanz un

Herrlichkeit! Ich gehe zum Film!— rbſter Euch! Senn⸗ bald wird geworden ſein aus Eurer Tochter Ulrike die berühmte Film⸗ diva Pipa de Papi.“

In derſelben Zeit, da 1 dies begab, fuhr der Grund dieſer dreiſamen Erregung im D⸗Zug Dritter, Richtung Berlin.

Dieſer Grund war die holde Inkarnation aller Gründe, die jemals Jünglings⸗ und Elternherzen zu Freud und Leid er⸗ regten: Matt— chemiſchblond, modernlinig und kaliklorazähnig. Es ſtanden ihr Augen im Geſicht wie Vermißmeinnicht in Milch. Zudem war er Höchſiens erſt 2 Jahre über das Alter hinaus, in dem Frauen noch Fingernägel kauen.

Mit anderen Worten: Ulrike Moſchus alias Pipa de Papi war, ohne jede Schmeichelei, ſiebenzehn Jahre alt, zeitgemäß ſchon und guietſchfidel.

Ihr gegenüber ſaß ein Herr, auf den ſich dieſe ſchmückenden Beiworte keineswegs in allem anwenden ließen. Er war zwar jung, aber ſchön und quietſchfidel war er mit nichten. Auch nicht blond, ſondern dunkel; und ſein neumodiſch niedriger Kragen war kongruent der Höhe ſeiner Stirn.

„Otto, warum guckſt du eigentlich an jeder Station ſo auf⸗ geregt aus dem Fenſter?“ fragte Pipa ihr Gegenüber, von dem, da er Otto heißt, der mit labilem Einfühlungsvermögen begahte Leſer ahnen wird, daß er der Sohn des oben in den Mund ge⸗ nommenen Amtsrichters iſt.

„Ich? Fenſter? Aufgeregt? Pah— ich und aufgeregt!! Was du nur immer willſt! Wo ich dich doch zum Film bringe! Pyra⸗ midal dumme 1 e!““

„Aber Ottchen! Ich meine ja nur bloß! Du biſt ja ſo fabel⸗ haft mutig, du Frauenentführer! Weißt du, gerade ſo wie der Junge Graf Egon im Roman, der jetzt in der Zeitung ſteht, Schade eigentlich, daß ich jetzt gar nicht erfahre, wie er ausgeht!“

„Fahr doch zurück, wenn die der Roman wichtiger iſt als der ilm! „Aber Ottchen, ich meine ja nur bloß! Ach, du biſt fabelhaft!“

Der fabelhafte Otto lehnte ſich geſchmeichelt in die Abteilecke und ſtellte die Naſe hoch. Dennoch aber niſtete ſich auf ſeine Stirn. auf der ſich trotz des Platzmangels Falten bildeten, etwas ganz Unbeſtimmbares. 1

Dem fließenden Dialog und Ottos Paſchaſeligkeit wurde plötzlich Einhalt geboten, da andererſeits dem Zuge das Ziel „Lehrter Bahnhof“ Einhalt bot.

„O, Otto, wie danke ich Dir! Wir ſind am Ziel! Nun be⸗ ginnt das Leben! Ah——“

„Mach lieber, daß wir ſchnell aus dem Zug und mit dem

„Aber Ottchen, ich mei——“

„Ach, quatſch nich! Los!?“

Zwei Menſchlein, mit kleinen Koffern, gehen im Gewühl durch die große Halle der Sperre zu. Sie ſtapft aufrecht und froh, während er, wie es ſcheint, ein klein wenig nervös iſt.

Der Arbeiterdichter Kurt Kläber

Von Rudi Eims(Frankfurt a. M.)

Aus den Hochperratsprozeſſen gegen Verleger und Buchhänd⸗ ler revolutionärer Literatur klingt uns der Name Kurt Kläber in die Ohren. Dieſer junge Arbeiterdichter iſt noch we ten Teilen der Arbeiterſchaft unbekannt geblieben, obwohl ſein Schaffen ver⸗ dient, daß man ihm größere Beachtung ſchenkt. Es war Thomas Mann, der ſchon im Vorjahr in einem„Der Nachwuchs“ betitel⸗ ten Artikel des„Berliner Tageblatt“ auf„dieſen jungen Sans⸗ cloten“ aufmerkſam machte, weil ſeine Arbeiten Zeitgedicht ſind, weil er den Rhythmus unſerer Tage meiſterhaft auf gutgeſtimm⸗ ten Sprachinſtrumenten ſchlägt.

Kurt Kläber iſt im Proletarierhaus geboren. Als ich ihn vor fünfzehn Jahren kennen lernte, ſtand er im Zeißwerk in Jena an Drehbank und Schraubſtock, um Mechaniker zu werden. Ein kleiner, ſchwächlicher Jüngling aber ein kluger heller Kopf. Be⸗

eiſterter Naturfreund...Imſmer ruhelos... Trotz des ſchwäch⸗ ichen Körpers, heißblütige Empörernatur ſchon damals. Doch er wuchs körperlich und durch intenſive autodidaktiſche Schulung auch geiſtig. Der Krieg kam. Man ſteckte ihn, wie die meiſten von uns, in die Uniform. Draußen an der Front weigerte er ſich zu

ſchießen, denn der Krieg brachte ein noch tieferes Denken in ſein

Leben. Das rote Blut, das aus den Wunden ſeiner Kameraden in Frankreichs Erde ſickerte, machte ihn zum Sozialiſten. In den Unterſtänden reiften die erſten Verſe. Da er nicht ſchoß, wurde er zu einer Telegraphentruppe verſetzt. Er kam auf alle Kriegs⸗ ſchauplätze, bis hinunter nach Aſien und ſah ein Stück Welt. Dann

dem Titel„Die

neue Saat“(Jena Volksbuchhandlung) ſeine erſten Gedichte im Druck, die eine ſtarke Begabung verrieten. Kläber war ein„ſchlechter“ Soldat geweſen. Jetzt ſtand er, gleich Ernſt Toller in der vorderſten Front kämpfenden Proletariats. überall. wo Arbeiterblut das Pflaſter rötete, in Berlin, in Halle, im Ruhrgebiet, ſchlug auch er ſein Leben in die Schanzen. Die Kämpfe verebbten. Müde und zerſchlagen tauchte er nach dem Mißerfolg in der Maſſe unter. Er wurde ein Stiller, der ſich ſammelte und am Born des Wiſſens ſchöpfte. Drei Jahre arbeitete er als Bergmann. Dann tritt er wieder in die öffentlichkeit und leitet eine Freie Volkshochſchule in Oberhollabrunn. Später finden wir ihn in derſelben Poſition in Bochum. Eine lange

Amerikareiſe brachte ihm neue Erkenntniſſe. Nun kamen endlich

die Jahre, wo er das, was er geſehen und erlebte in Poeſie und

Proſa geſtalten konnte. Immer blieb er jedoch im engſten Konnex

mit den werktätigen Arbeitern. Immer wieder ging er für Monate zurück in die Fabriken und ſo wurde das Lied, das er in ſeinen Dichtungen ſang, das Lied der Arbeit und der Arbeiter. Blutdurchtränkt, lebensnah,— fern von jedem Caféhausliteraten⸗ tum ſind ſeine Schöpfungen. Kläber iſt Arbeiterdichter in des Wortes wahrſter Bedeutung.

Drei Bücher legt er uns vor„Revolutionäre“(Roter Türmer⸗ Verlag, Leipzig),„Empörer empor“(Verlag der Spyndikaliſt, Berlin) und„Barrikaden an der Ruhr“, Gedichte, Skizzen und Erzählungen. Man ſpürt ſofort beim Leſen dieſer Arbeiten, daß kein Epigone zu uns ſpricht. Eine urſprüngliche Begabung meiſtert die Sprache. Seine Gedichte ſind frei von falſchen Lyrismen, vollendet in der Form, ſtark in der Melodik. äußerſt bildhaft und laſſen das innere Erleben des Dichters fühlen. Auch die Skizzen und Erzählungen zeugen von großer künſtleriſcher Geſtaltungs⸗

loderten die Flammen der Revolution auf. Jetzt erſchienen unter 1 kraft. Sie ſind Pulsſchläge und Atemzüge der Zeit, die ſie gebar.