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Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
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des großen Denkers des ſiebzehnten Jahrhuaderts viel lernen, und grah für den ſozialiſtiſchen Proletarier mögen die echt winoziſtiſchen Verſe Goethes gelten:

Am Sein erhalte dich beglückt! Das Sein iſt ewig, denn Geſetze Bewahren die lebend'gen Schätze, Aus denen ſich das All geſchmückt.

Wandlung des Frauentypus

Wir Sozialdemokraten wiſſen, daß die Menſchen ſich mit den Dingen ändern, und daß auch die Tradition ſich wandelt. Wir wiſſen auch, daß dieſe Wandlung im engſten Zuſammenhang mit der Wandlung der wirtſchaftlichen Verhältniſſe ſteht. Gerade in Deutſchland aber gibt es, und zwar bis weit in linksgerichtete Kreiſe hinein, ſehr viele Menſchen, die in gewiſſen Dingen nichts von der Wandlung der Tradition wiſſen wollen. Sie ſtellen be⸗ ſonders für die Frauen mit Vorliebe denblauäugigen, blond⸗ bezopften, ſittſamen und keuſchen Mädchentupus auf. Man braucht nur an die Tendenz der völkiſchen Kreiſe zu erinnern, die den Bubikopf verwerfen und mit aller Gewalt die Frau wieder aus⸗ ſchließlich auf das Haus beſchränken möchten. Auch hier muß man ſich mit der Tatſache abfinden, daß das Nad der Weltgeſchichte ſich nicht rückwärts drehen läßt. Modetorheiten hat es immer ge⸗ geben, und nicht nur bei dem weiblichen Geſchlecht. Der tiefere Sinn der abgeſchnittenen Haare und der kurzen Röcke liegt eben darin, daß die Frauen von heute weniger Zeit haben und ſich ſchneller bewegen müſſen. Sie können ſich auch heute im allge⸗ meinen nicht mehr auf die Tätigkeit im Haufe konzentrieren. Auch das Heim früherer Zeiten hat ſich gewandelt, wie ſich die Anſichten über Hygiene gewandelt haben. Die Korſettloſigkeit, der freie Hals und der kurze Rock ſind, rein äußerlich genommen, das Gegenſtück zur Eingeſchnürtheit der früheren Zeit. Es iſt falſch, zu ſagen, die Frau von heute ſei beſſer oder ſchlechter als die vergangener Zei⸗ ten. Sie iſt nur anders, weil auch die Zeiten anders geworden

nd.

Mit dieſer Wandlung des Frauentypus, die übrigens nicht typiſch deutſch iſt, Lndern ſich ähnlich in allen Ländern, ſelbſt im Orient, in China, Japan uſw., vollzieht, haben die Frauen zweifel⸗ los eine Reihe von Werten vergangener Zeiten verloren, aber ſie

haben dafür weitaus größere Gewinne zu verzeichnen, denn ſie find frei geworden, nicht nur frei von Korſett, Stehkragen und langen Röcken. ſondern vor allem in ihrer Bewegungs⸗ und

viel aufzugeben und hat ſich noch ni

Denkfreiheit. Das iſt auch der Grund, warum ſich die Frau ſo außerordentlich ſchnell der neuen Zeit angepaßt hat. Das weib⸗ liche Geſchlecht wird ſo oft als das konſervative Element bezeich⸗ net. Das war einmal. Die heutige junge weibliche Generation iſt nichts weniger als konſervativ, ſelbſt da, wo ſie politiſch bei den Rechtsparteien ſteht. DieHaustochter von einſt iſt bis auf wenige Ausnahmen, die bekanntlich immer die Regel beſtätigen, verſchwunden. Das junge Mädchen von heute will einen Beruf haben und wendet ſich, auch wenn es aus ſogenannterguter Familie ſtammt, häufig Berufen zu, die früher verpönt waren. Erinnert ſei nur beiſpielsweiſe an die Tanzkunſt der Schülerinnen von Laban, Mary Wigmann u. a. Der Beruf der Frau von heute iſt nicht mehr ausſchließlich einMuß. Mädchen aus guter Familie ſahen es früber faſt als Schande an, wenn ſie berufstätig ſein mußten, und ein anderer Beruf als der einer Lehrerin kam für ſie kaum in Frage. Die Kameradſchaft tritt heute an die Stelle der Scheu und Unwiſſenheit der Geſchlechter von einander. Dieſe Kameradſchaft beſtand ſöhon früher ſehr häufig, wo Mann und Frau aus Proletarierkreiſen mit⸗ und nebeneinander im Be⸗ triebe ſtanden.

Dennoch liegt in dieſer Wandlung auch eine Tragik. Das hat zwei Gründe. Der Mann war früher Beſitzer, auch der Frau, und zwar nicht nur ihres Körpers und ihres Vermögens, ſondern auch ihres Geiſtes, ja, ihrer Seele. Er war Autorität. Seine Meinung war allein ausſchlaggebend. Die Frau hatte für ſeine Bequemlichkeit zu ſorgen, hatte da zu ſein, wenn der Mann nach Hauſe kam, kurz, der Mann war Subiekt, die Frau Obiekt. Auf Beſitz verzichten müſſen, iſt aber immer unbequem. Die Frau von heute wird nicht nur mehr und mehr wirtſchaftlich vom Mann unabhängig; ſie wird es weit mehr noch geiſtig. Sie, die heuze das Entſcheidungsrecht mit hat in allen öffentlichen Angelegen⸗ heiten, beanſprucht dieſes Recht ſelbſtverſtändlich auch im häus⸗ lichen Kreiſe. Der Mann wandelt ſich, ſelbſt wenn er modern zu ſein glaubt, viel Car Sſaner Er hat unendlich

m davon überzeugt, daß die gewandelte Frau ihm viel zu geben hat, wenn auch anderes als nur häusliche Bequemlichkeit. Viele bildungs⸗ und wiſſensdurſtige Frauen, die tagsüber im Hauſe beſchäftigt ſind, müſſen abends auf Vorträge und Kurſe verzichten, weil der Mann ſein Eſſen haben will und dabei die Anweſenheit der Frau wünſcht. Dadurch kommt die Frau, die ihren Mann lieb hat, in eine Reihe von Konflikten. Sie wird nervös und unzufrieden, weil ſie, die Ge⸗ wandelte, den Mann als Hemmſchuh empfindet und die Frage nicht löſen kann, ob ihre Pflichten gegen ſich ſelbſt, gegen die neue

Der Mann, der Hunger hatte

Humoreske von Alphonse Groziere Berechtigte Uebertragung von Dr. Ernſt Levy. Quartro dei Mille(Genova). Jialien.

Eines Morgens wachte Tuellerich mit einem Mords⸗ hunger auf.

Unglücklicherweiſe war an den Tagen, wo er mit einem Mordshunger aufwachte, der Betrag, über den er zum Mittageſſen verfügen konnte, winzig klein.

Das war auch an jenem Morgen der Fall.

Welcher Ausweg blieb Tuellerich übrig? Sich von einem Freunde zum Eſſen einladen zu laſſen? Ja, aber bei dieſen ſchlech⸗ ten Zeiten ſind auch die Freunde, die einen zum Eſſen einladen, ſeltener geworden. Und daan hatte Tuellerich keine Bekanntſcheften unter den reich gewordenen Schiebern; ſeine alten Bekannten waren arm wie er ſelber.

Ihm fiel jedoch der Name eines entfernten Vetters ein (Vogeklaus hieß er), der eine Weinſtube in der Gegend von Sainte⸗Euſtache beſaß, der hatte einmal zu ihm geſagt:

Wenn Sie eines Tages ſo gegen Mittag in unſerer Nähe In. dann machen Sie uns einen Beſuch; wir werden uns ſehr reuen. 3

Ich habe doch, beglückwünſchte ſich Tuellerich,ein ganz hervorragendes Gedächtnis. Die Yogeklaus' können ſchließlich nicht lagen, daß ich aufdringlich bin Seit mehr als einem Jahre bin ich bei ihnen eingeladen und habe die gute Gelegenheit noch nie ausgenutzt. Auf nach Sainte⸗Euſtache!

Tuellerich bewohnte einen der höchſten Punkte des Mont⸗ martre, wo die friſche Luft den Magen ganz beſonders zuſammen⸗ zieht; er war weder Kaufmann noch Rentier und gehörte über⸗ haupt nicht zu den Bürgern, welche Einkommenſteuern zahlen, brauchte ſich alſo in keiner Weiſe zu beunruhigen, daß ihm eine Zuſtellung des Fiskus den Appetit verderben könnte.

Als er ſeine Wohnſtätte verließ, ſchlug es elf Uhr. Er dachte: Zu rennen brauche ich nicht. Die Hauptſoche iſt, daß ich dort in dem Augenblick ankomme, wo man ſich zu Tiſch ſetzt. Wenn ich zu ſpät komme, wären ſie imſtande, ihre Einladung zu vergeſſen Potzblitz, ſo ausgehungert wie heute, war ich noch nie!

Langſam ſtieg er die Montmartreſtraße hinab und bog dann in die Märtyrerſtraße ein, wo er mit ſeinem ausgepumpten Magen ſo recht hineinpaßte. Dann ging er weiter durch die Vor⸗ ſtadt. Hier ſah man ſchon eine Menge von Angeſtellten, die haſtig M⸗ Putenhs verließen und ſich in die gewohnten Reſtaurants egaben.

zichtet, weiter zu gehen. E

Wäre Tuellerich bei Kaſſe geweſen, dann hätte er darauf ver⸗

5 r wäre in das erſte beſte Reſtaurant getreten und hätte ſeinen Beſuch beim Vetter Vogellaus auf ſpäter verſchoben.

Am Anfang der Hörnchenſtraße ſagte er: Jetzt hab' ich's faſt geſchafft Aber es iſt auch höchſte Zeit. Mein Magen hat ſchon ſo ein daß er den ttbewerb mit meinen Schuhen getroſt aufnehmen kann.

Er trippelte etwas raſcher, wie ein Pferd, das den Stall

riecht. AUm ſo ſchlimmer für mich, wenn ich zu fpät komme..Welch ein Hunger! Jetzt erblickt er ſchon das Schild der Weinſtube, das unter den Strahlen der Mittagsſonne funkelt. Endlich! Aber was ſehen ſeine

Augen? Leute in Sonntagskleidern, die auf dem Bürgerſteig

warten. Nanu, ſollte man vielleicht vor dem Reſtaurant des ange⸗ heirateten Vetters anſtehen? Er nähert ſich noch mehr und erbleicht. Schwarze Vorhänge, röchelt er.Alſo ein Trauerfall..

Und ich fall' vor Hunger um. Glück muß der Menſch haben!

Er tritt ein. Der Vetter Vogellaus mit einem uralten Zylin⸗

der auf dem Kopf kommt ihm entgegen und reicht ihm die Hand.

Ich komme nicht gleich auf Ihren Namen. 3 Tuellerich, Sie wiſſen doch, der Vetter Tuellerich oh, ein entfernter angeheirateter Vetter... Ach ſo, Tuellerich.. Sie erinnern ſich... Sie hatten zu mir geſagt: Wenn Sie

eines Tages gegen Mittag in unſerer Nähe ſind, dann eſſen Sie

einen Happen mit uns; wir machen nicht viel Umſtände.

Ja, ja. ganz recht... Das iſt aber nett von Ihnen, daß Sie zum Begräbnis gekommen ſind. Die AÄrmſte, ſeit ſechs Monaten mußte ſie ſich ſo quälen. Es war eine Erlöſung. Sie kommen doch mit zum Friedhof? Sie dürfen mich nicht verlaſſen.

Tuellerich reißt die Augen erſchreckt ſperrweit auf.

Das ſind Sie ihr ſchließlich ſchuldig, fängt Vogellaus wieder an.Sie als Vetter..Entſchuldigen Sie mich, da ſind Leute von meiner Familie; ich bin gleich wieder da.

Tuelezich Säitt⸗ am liebſten geweint. Da hatte er ſich auf ein anſtändiges Mittageſſen gefreut und war jetzt dazu verdammt, an einem Trauerzuge teilzunehmen!

So etwas kann auch nur mir paſſieren... Ich kann mich

nicht drücken. Ich bin moraliſch verpflichtet Oh, dieſer