Baruch Spinoza Geſtorben am 21. Februar 1677 Von Hans MRarckwald
Zweihundertundfünfzig Jahre ſind vergangen, ſeit im Haag, der holländiſchen Hauptſtadt, ein philoſophiſcher Denker ſtard, deſſen für ſeine Zeit faſt revolutionäres Denken das Sinnen „ er Geiſter auf Jahrhunderte hinaus befruchtet hat. Einer cruhmteſten Kanzelredner der evangeliſchen Kirche aus der Hälfte des neunzehnten Jahrhundert, Friedrich riermacher, feiert Spinoza, den erſten Konfeſſionsloſen rropas, mit den begeiſterten Worten:„Opfert mir ehrerbietig e Locke den Manen des heiligen, verſtoßenen Spinoza!“ Ein zroßer Teil der Goetheſchen Dichtung wurzelt im Spinozismus, odaß Heinrich Heine ſchreiben konnte: Die Lehre des Spinoza hat ſich aus der mathematiſchen Hülle entpuppt und umflattert uns als Goetheſches Lied. Goethe ſelbſt hat uns in„Wahrheit und Dichtung“ geſchildert, wie er zur Beſchäftigung mit Spinoza und zur Bewunderung des Philoſophen gelangte. Er hatte in einem Lexikon geleſen, die atheiſtiſchen Meinungen Spinozas ſeien höchit verwerflich. Da nun dabei ſtand, daß Spinoza ein ruhig nach⸗ kenkender und ſeinen Studien obliegender Mann, ein guter Scoatsbürger, ein mitteilender Menſch geweſen ſei, ſo wurde Woethe gegen das abfällige Werturteil über Spinozas Philoſovye mißtrauiſch. Er meint, die frommen Chriſten, die ſich über Spinoza ſo ſehr entrüſten, hätten wohl das evangeliſche Wort vergeſen:„An ihren Früchten ſollt ihr ſie erkennen“.
Zaruch Spinoza wurde am 24. November 1632 in Amſterdam geboren. Seine Eltern, urſprünglich portugieſiſche Juden, wollten ihn zum Rabbiner machen. Der Geiſt des Knaben ließ ſich aber in die Dogmen der jüdiſchen Religion nicht zwängen. Schon im Alter von 14 Jahren ſetzte er ſeine Lehrer durch Einwände gegen ihre theologiſchen Behauptungen in Verlegenheit. Als Jüngling widerlegte er die religiöſen Auffaſſungen der Chriſten und Juden ſo ſchroff, daß ein jüdiſcher Fanatiker ihn zu erdolchen ſuchte, und daß die jüdiſche Gemeinde ihn mit einem Jahresgehalt von rouſend Gulden zu beſtechen ſuchte, wenn er von Zeit zu Zeit die Synagoge beſuchen würde. Als alles nicht half, wurde Baruch im Auer von 33 Jahren aus der jüdiſchen Religionsgemeinſchaft aus⸗ geſchloſſen Ratürlich lag es ihm fern, jetzt etwa zum Chriſtentum überzutreten. Ein echter Philoſoph auch in ſeinem Privatleben, wollte er ſeiner Wiſſenſchaft ſeinen Lebensunterhalt nicht ver⸗ danken. Im Denken wollte er völlig unabhängig ſein. Tin Kurfürſt von der Pfalz bot ihm eine Profeſſur an der Univerſität Heidelberg in dem„Vertrauen“ an, Spinoza werde ſeine Freiheit nicht gegen die öffentlich feſtgeſetzte Religion anwenden. Dieſe Zumutung wies unſer Denker zurück. Er ernährte ſich durch Schleifen optiſcher Gläſer für Brillen und für wiſſenſchaftliche Zwecke. Das Einatmen des Glasſtaubes hatte die Folge, daß der gelehrte Denker im Alter von 45 Jahren ſtarb.
Spinoza war Kleinbürger. Aber der erwachende Kapitalis⸗ mus der holländiſchen Bourgeoiſie ſchuf das Milieu, aus dem ſich ſeine Philoſophie erklärt. In jedem Lande, in dem die Bourgeoiſie erſt im Werden war, leitete ſie ihren Siegeszug durch eine klaſſiſche Philoſophie ein. Für einen großen Philoſophan hatte die Bourgeoiſie beſondere Anerkennung, ſolange Handel, Börſe und Induſtrie ihr noch einen recht beſchränkten Wirkungs⸗ kreis boten. Spinoza war mit dem Staatsmann Jan de Wiit ſehr befreundet. Er war Republikaner, aber kein Demokrat — wenigſtens nicht in unſerem Sinne—, wenn er auch gelegentlich ſchrieb, wenn das Volk von öffentlichen Angelegen⸗ heiten nichts verſtehe, ſo läge dies daran, daß es küaſtlich in Unwiſſenheit gehalten werde. Der Ausſchluß des Proletariats vom Wahlrecht war für ihn ſelbſtverſtändlich. Und in ſeinem
ſpäteren Lebensalter lehnte er auch die politiſche Gleichberechligung. mit der Bourgeoiſie ab. Die Philoſophie Spinozas beherrſchte das
Denken der Bourgeo'ſie, und das Denken der Bourgeoſſie be⸗
herrſchte die Philoſophie Spinozas. Er kämpfte für die Freiheit
Ein Godſchatz von Liebe, wenig ſichtbar bis auf ein kleines Fl end ich ein Geiſterwort hebt und der Menſch den alten Reichtum ensdeckt
ämmchen, liegt in der Bruſt, bis ihn Jean Paul
der Meinungsäußerung, namentlich für Preßfreiheit und für Religionsfreiheit. Der niederländiſche Frühkapitalismus konnte das Kapital und die Arbeitskraft verfolgter Proteſtanten und Juden des Auslandes recht gut brauchen. Für den Buchhandel war die Freiheit des Geiſtes ein Geſchäft. Die holländiſchen Händler hatten kein Intereſſe daran, ſich vom Staat Beſchränkungen ihrer Religionsfreiheit aufzwingen zu laſſen. Die von der Bourgeoiſie gewählte Volksvertretung erſchien Spinoza als die wahre Repräſentantin der Geſamtheit.
Die Philoſophen der Königreiche aus dem Zeitalter Spinozas hatten dem lieben Gott ſchon die Fähigkeit abgeſprochen, die Raturgeſetze durch Wunder zu durchbrechen. Wie der König Staatsgeſetze gab, ſo gab Gott nach ihrer Anſicht Naturgeſetze. Spinoza lebte in einem Lande, in dem kein König regierte. Hier gab ſich, wie er meinte, die Geſamtheit ſelbſt ihre Geſetze. Die Menſchen ſchaffen ſich faſt immer ihre Weltanſchauung nach dem Vorbilde der Geſellſchaft, in der ſie leben. In der Republik ohne König gab es auch keinen perſönlichen Gott. Wie das Parlament die Siaatsgeſetze gab, ſo war die Welt, die den Naturgeſetzen unterworfen iſt, auch der Gott, der die Naturgeſetze gibt. Spinozas Weltanſchauung iſt der Pantheismus, eben die Annahme, daß das Weltall oder die Natur Gott ſei. Mit„Denken“ und„Ausdehnung“ bezeichnet er, was man gewöhnlich als Seele und Materie zu bezeichnen pflegt. Materie und Seele ſind ihm aber nur noch Daoſeinsweiſen einer Subſtanz. Das körperliche und ſeeliſche Ge⸗ ſchehen ſind ihm zwei Seiten der einen Subſtanz. Spinozas Auffaſſung iſt alſo ganz modern. Die ſeeliſchen Erſcheinungen der Menſchen ſind Nerven⸗ und Gehirnbewegungen, wie umgekehrt Nerven⸗ und Gehirnbewegung gleichzeitig Empfindungen, Vor⸗ ſtellungen, Gedanken, Triebe, Willensregungen ſind. Die eine Subſtanz iſt nach Spinoza gleichzeitig Gott und Welt, Geſetzgeber und Untertan. Wenn Spinoza das Daſein Gottes nicht leugnete, ſondern das Weltall als Gott bezeichnete, wenn er ſogar von der Liebe zu Gott ſprach, ſo erklärt ſich dies noch aus dem Grunde, daß in ſeinem Unterbewußtſein die Furcht vor etwas Höherem lauerte. Die Bourgeoiſie hatte damals bereits große naturwiſſenſchaftliche, aber faſt gar keine geſellſchaftswiſſenſchaftlichen Kenntniſſe. Ge⸗ ſchäftliche Spekulationen konnten gelingen und mißlingen und hinter dem Walten geſellſchaftlicher Mächte, die Reichtum und Armut ſehr verſchieden verteilen, ſteckte das unerforſchte Geheimnis. Die Mathematik war die Lieblingswiſſenſchaft der Bourgeoiſie. Kompliziertes Rechnen ließ ſich für Handel und Induſtrie verwerten. So erklärt es ſich, daß Spinoza zu der Üüberzeugung gelangte, daß die Geſetze ſowohl des Seelenlebens, wie die mechaniſchen Geſetze über die Bewegung der Materie ſich nach mathematiſcher Methode darſtellen laſſen. Sogar die Ethik, die Lehre von Gut und Böſe, ſtellt er nach Art mathematiſcher Lehrſätze dar. In der Mathematik gibt es aur Flüchtigkeitsfehler. Eine richtig gelöſte mathematiſche Aufgabe läßt keinen Zweifel übrig. So hatte Spinoza ſeiner Vorliebe für Mathematik zu verdanken, daß er klar erkannte, daß alles, was geſchieht, durch ſeine Urſachen bewirkt iſt, daß nichts anders geſchehen könnte, als ks geſchieht, und daß es mithin auch keine Willensfreiheit geben ann. Riecht kapitaliſtiſch⸗bürgerlich iſt auch die Morallehre Spinozas.„Suche deinen Nutzen!“ iſt das Prinzip ſeiner Ethik. Eine ſolche Moralauffaſſung kann nur den Lebensbedingungen herrſchender Klaſſen entſpringen. Die Unterdrückten ſehen, wie ſchwer ſie zu leiden haben, wenn die Mächtigen nur ihren Vorteil ſuchen. Gewiß dachte Spinoza an den wahren Nutzen des Menſchen. Er fand ſein einzig und höchſtes Glück im Denken, in der Erkennt⸗ nis. in der Erforſchung der Wahrheit; nur was der Erweiterung des Wiſſens diente, hatte für ihn Wert. Die vielen landläufigen Tugenden, die er predigte, Gerechtigkeit, Wohlwollen, Humanität, ändern aichts an bürgerlich⸗kapitaliſtiſchem Charakter ſeiner Philoſophie. Die Kapitaliſten ſind meiſtens überzeugt, äußerſt human zu ſein und ſehr gerechte Löhne zu zahlen. In einer beſonderen Schrift, im„Theologiſch⸗philoſophiſchen Traktat“, wider⸗ legte Spinoza, entſprechend ſeinen freigeiſtigen Anſichten, die Unfehlbarkeit der Bibel. Jeder von uns kann aus der Philoſophie


