Tatſache der kavitaliſtiſchen Wirtſchaftsweiſe, die den lebens⸗ füllenden Sinn des Berufs ausgehöhlt, ihn vom übrigen Leben iſoliert und auf eine zufällige, mit allen Unſicherheiten behaftete Erwerbsmöglichkeit herabgedrückt hat, bleibt beſteben.
Die Berufszerſetzung in der Arbeiterſchaft, die Erkenntnis der entgegengeſetzten Intereſſen des Unternehmertums, die Schwäche des Einzelnen im täglichen Kampf dieſer Gegenſätze und die Gleichzeitigkeit der Intereſſen aller Lohnarbeiter führten zu einer neuen Entwicklung, zum Zuſammenſchluß der arbeitenden Klaſſe in politiſchen und wirtſchaftlichen Organiſationen. So wuchs der Arbeiter vom individuellen Beruf in die Berufs⸗ und weiter in die Klaſſenſolidarität. Die zur Löſung geſtellten Auf⸗ gaben der Arbeitszeit, der Betriebsſicherheit, der einder⸗ und Frauenarbeit uſw., führten bei der internationalen Verflechtung der Wirtſchaft zu internationalem Zuſammenhang der Arbeiter⸗ orgniſationen. Neben den Gewerkſchaften, die in die inneren Or⸗ ganiſationen der Betriebe nicht hineinreichen, bildeten ſich die Be⸗ triebsräte. Ihr Wirken wird unſo erfolgreicher ſein, je inniger ſich ihre Zuſammenarbeit mit den Gewerkſchaften geſtaltet. Das Lebenszentrum des Arbeiters liegt heute in den Organiſationen. Dieſe ſtehen vor einer neuen wichtigen und dringenden Aufgabe: der ſyſtematiſchen Klaſſen⸗ und Berufsbildung. Ihre geſchichtliche Sendung zu erfüllen, dafür ſind die Maſſen der Arbeiterklaſſe zu erziehen.
Marrismus und Weltanſchauung
Von Georg Heidingsfelder
Der belgiſche Sozlaliſtenführer Henrik de Man bat vor kurzer Zeit unter dem Titel„Pſuchologie des Sozialismus“ ein Buch erſcheinen laſſen, das den in der Überſchrift heeſchncte Gedanken⸗ komplex einer Analyſe unterzieht und das insbeſondere das Pro⸗ blem der ſozialiſtiſchen Kultur aufrollt. Das Buch de Mans, das ſeh umkämpft iſt, gibt Veranlaſſung, auf verſchiedene Irrtürner
e Mans, in die viele, insbeſondere junge Sozialiſten verſtrickt ſind, hinzuweiſen und die Grenzen der Gültigkeit der einzelnen begrifflichen Sphären aufzuzeigen..
Es werden insbeſondere immer wieder die Sphären des Er⸗
kennens und des Wollens nicht ſcharf von einander getrennt. Man
ſucht mit Argumenten aus der einen die aus der anderen zu
„widerlegen“ ohne zu bedenken, daß das ein Wenſa törichtes Be⸗
ginnen iſt wie der Fiſchfang mit Leimruten. So bekämpft de Man den„Marxisnus“, der als Wiſſenſchaft der Erkenntnis⸗ ſphäre angehört, mit Argumenten aus der Gefühlspſychologie, wobei er überdies die Abſicht der Einſicht ordnet.
Es iſt feſtzuſtellen: Der Marxismus iſt eine Wiſſenſchaft. Mit dieſer Feſtſtellung ſind zugleich die Grenzen ſeiner Gültigkeit ge⸗ zogen und jeder Verſuch, ihn zu etwas anderem(etwa zu einer Weltanſchauung) zu machen, iſt Verſuch am untauglichen Obijekt. Der Marxismus iſt die Wiſſenſchaft vom geſellſchaftlichen Ge⸗
ſchehen, das iſt die finale, niethodiſhe Konſtatierung der objek⸗
tiven Geſetzlichkeit, die dieſes Geſchehen beherrſcht, ernittelt durch
Sezierung des empiriſchen(erfahrungsmäßigen) biſtorlſchen Ma⸗
terials mit dem Meſſer, das der„Satz von Grund“(welcher be⸗
Hgt daß olles. was iſt, einen Grund hat, warum es iſt) an die
Hand gibt..
Es ſtehen ſich, ſchematiſch betrachtet, gegenüber die Sphären: I
II Erkennen Wollen Anſchauung Handeln Wiſſenſchaft Agitation Dialektik Ethik (Frage: Was iſt?(Frage: Was ſoll ſein?) Marxismus„Manismus“ als deren typiſche Vertreter man benennen könnte: Hegel.. Fichte Marx einerſeits, Laſſalle andererſeits Cunow de Man
wobei ſich der Verfaſſer ſelbſtverſtändlich der iezulünglichteit be⸗ wußt iſt, die darin liegt, daß lebende(alſo auch wollende) Per⸗ ſönlichkeiten kurzerbhand ſtarren Begriffsſyſtenen beigeordnet werden.
Politik im ſozialiſtiſchen Sinne iſt nach dem obigen Schema: bewußtes Handeln nach den Erkenntniſſen aus I. Der Marxismus zeigt der Pejaliſtiſchen Politik die Richtung, in der ſie ſich zu be⸗ wegen hat, will ſie ſozialiſtiſche Politik ſein, wobei vorausgeſetzt iſt, daß die Geſetzlichkeit, die rückſchauend ermittelt iſt, auch für die Zukunft Gültigkeit hat. Die dieſem Handeln imanente(inne⸗ wohnende) Methodik iſt eine von derienigen der erforſchenden Wiſſenſchaft gänzlich verſchiedene und kann es ſein. Eine Trans⸗ formierung(Umforung) der Methodik des Erkennens in die des Dandelne, wie ſie de Man als unmöglich aufzeigt, iſt darum über⸗
üſſig.
In der marxiſtiſchen Wiſſenſchaft iſt der Menſch Obiekt. Eben⸗ ¹ in der Politik ſpoſten er nicht aktiver Politiker iſt). Im
inne einer zu ſchaffenden ſozialiſtiſchen Kultur iſt der Menſch Subjekt.(Zeitſchrift„Kulturwille“). Unbeſchadet dieſer Feſt⸗
ſtellung 8. die Kultur ſelbſt dennoch, wie Kant definiert, die
„Summe der objektiven Werte“,
„Sezialiſtiſche Kultur iſt nur in ſoziallſtiſcher Geſellſchaft möglich.(Folgerung aus den Marxrismus!) Da dieſe nicht iſt, oder noch nicht iſt, kann vom Beſtehen einer ſozialiſtiſchen Kultur keine Rede ſein, ja ſie muß der Möglichkeit nach verneint werden. Wenn demnach von angeblich ſozialiſtiſchen Kulturwerten, die beute ſchon beſtehen ſollen, geſprochen wird, ſo iſt dieſes utobiſche Konſtruktion. Woraus ſich im Verein mit einigen ſehr wahren Worten de Mans(ſiehe unten) für Kulturbeſtrebungen inner⸗ halb der ſozialiſtiſchen Bewegung manche Schlußfolgerungen er⸗
geben, die zu ziehen wir wegen mangelnden Raumes den ein⸗
zelnen überlaſſen müſſen.
Die Konfuſion auf kulturellem Gebiet, die ſich aus der Un⸗ klarheit über den Sachverhalt ergibt, wird noch übertroffen von der auf weltanſchaulichem.(Es bedarf keiner beſonderen Dar⸗ legungen, daß ſenſchaft nicht mit Weltanſchauung identifizierk werden darf.) Man blicke um ſich: Da iſt der religiöſe Sozialiſt, der von der ihm in früher Jugend inokulierten(eingepflanzten), fixen Idee des Gott⸗Jehova, der„Himnel und Erde gemacht“ hat, nicht loskommen kann; da iſt ein anderer zu den Freidenkern gegangen; dort befindet d4 ein dritter im Gefolge der pan⸗ theiſtiſchen(die Natur iſt Gott!) Moniſten Haeckelſcher Obſervanz,
von der Sektiererei vieler kleiner Grüppchen ganz zu ſchweigen.
Alle dieſe divergierenden Elemente ſind zwar innerhalb der ſozia⸗ liſtiſchen Bewegung vereinigt. Dennoch erſcheint uns dieſe Tren⸗ nung der Sozialiſten in weltanſchaulicher Hinſicht ein Unglück, das die größte Aufmerkſamkeit aller Parteivolitik(im weiteſten Sinn) auf weite Sicht Treibender verdient.
Der Ausſpruch Jaurès:„Wenn die Sozialiſten ihr Ziel er⸗
reicht haben, werden ſie finden, daß ihre Seelen leer ſind“, ſollte
allzu nüchternen Realpolitikern Warnung davor ſein, dieſen wich⸗ tigen Komplex als unweſentliche„Privatfache“ abzutun. Wozu wir uns die Annerkung geſtatten, daß die Erreichung des ſozia⸗ liſtiſchen Zieles mit„leerer Seele“ von vornherein ein Ding der Unmöglichkeit ſein dürfte.
——ÿ—
Aus der Bewegung b
Jedes Mitglied der Arbeiterjugendbewegung weiß, hoffent⸗ lich, daß die Redaktion der„Volksſtimme“ es abgelehnt hat, eine Beilage für die Jugend zu„machen“. So erſcheint ja auch die von der Jugend geſchriebene und mit ihrem Denken erfüllte
Beilage ſchon eine geraume Zeit, ohne daß auch nur ein einziges
Wort von der Redaktion hinzugefügt worden wäre. Da aber der
Beilage trotz ſchönſter Anſätze noch immer das eigentliche Leben
fehlt, komme ich heute doch einmal auf der letzten Spalte(ohne daß dadurch irgendein Beitrag hätte zurückgeſtellt werden müſſen)
mit meiner alten Bitte an jedes einzelne Mädel, an
jeden einzelen Jugendgenoſſen: Berichtet doch das eine Mal im Monat etwas aus eurer Bewegung! Seht, da habt thr doch ein kräftiges Mittel, eurer Beilage den Pulsſchlag eurer Arbeit, eurer Spiele, eurer Sorgen und Erfolge einzuhauchen, da könnt ihr eine prächtige Verbindung ſchaffen zwiſchen den einzelnen Ortsgruppen; da könnt ihr der Partei und den Draußenſtehenden beweiſen, daß wirklich Leben in eurer Be⸗ wegung iſt. Es brauchen doch wirklich keine journaliſtiſchen Groß⸗ leiſtungen zu ſein, die da ſchlicht erzählen von einer Wanderung,
von einem Mitgliederzuwachs, von einem Heimabend mit einem beſonders feinen Gemeinſchaftserlebnis. Jede kleinſte Notiz ver⸗
bindet aber die Schreiberin oder den Schreiber feſter mit der Jugendbeilage nad mit dem Streben der anderen Einzelmenſchen und Ortsgruppen. Wie wollen wir, liebe Jugendgenoſſinnen und
„⸗Genoſſen, den Sozialismus begreifen können, wenn wir nicht
ſeine tiefſte Sehnſucht nach Erfüllung wirklicher Gemeinſchaft unter den Menſchen an uns ſelbſt auslebea? Hoffentlich erreicht dieſe ſchriftliche Bitte, was bisher meinen mündlichen Vor⸗ ſtellungen verſagt blieb. Alle Ortsgruppen und Diſtrikte ſollten doch jetzt zu meiner Bitte Stellung nehmen, dann werden ſich ſchon friſche Menſchen finden, die nicht mehr vergeſſen, für jede Jugendbeilage ein paar Zeilen über den verfloſſenen Monat oder ſonſt ein Ereignis zu ſchreiben und durch die Organiſationsleiter dem Karl Dörr in Frankfurt zu ſchicken. Das iſt gewiß nicht zu viel verlangt und(ihr werdet ſehen) wird euch Freude machen, . Alfred Dang.
Die Vertriebsſtelle der Frankfurier Jugend
Nach langer Unterbrechung wurde die Vertriebsſtelle für Bücher, Ausrüſtung und Kleidung der Frankfurter Arbeiterjugend in neuem Gewande im Gewerkſchaftshauſe(Stoltzeſtraße 13 II.) wieder eröffnet. Die Vertriebsſtelle im Jugendheim bleibt ſelbſt⸗ verſtändlich auch weiterhin an den bekannten Abenden für den Verkauf geöffnet. Das Hauptgeſchäft im Gewerkſchaftshaus iſt den ganzen Tag über offen.
Für die Schriftleitung verantwortlich: Dr. Alfred Dang.


