nachzuhängen. Kriſenmomenie ſind in allen Kulturſphären anzu⸗ treffen. Einige ſeien hier aufgezählt:
Das leitende Prinzip der geſellſchaftlichen Wirtſchaft iſt, be⸗ trachtet vom Standpunkt des einzelnen Kapitaliſten, die Sucht nach Profit, alſo der Egoismus. Mit Brutalität und Rückſichts⸗ loſigkeit kommt man durch. Man braucht nur genügend Ellen⸗ bogenfreiheit.„Jeder für ſich, Gott für uns alle“, ſo ungefähr lautet die Deviſe des Kapitaliſten. Was kümmert ihn die ſoziale Gemeinſchaft. Er iſt Individualiſt, trotzdem in der Praxis die Bewegungsfreiheit des Individualkapitaliſten durch die kapitali⸗ ſtiſchen Monopolbildungen bedeutend eingeſchränkt wurde.
Im Zuſammenhang damit ſteht die innere Verlogenheit der kapitaliſtiſchen Geſellſchaft. Die Bourgeoiſie predigt das Chriſten⸗ tum, handelt aber nicht danach. Vaterland, Nation, Staat ſind, nach ihren offiziellen Klopffechtern zu urteilen, politiſche Weſen⸗ heiten, die dem ſittlichen Ganzen dienen, während ſie in der Praxis der Feſtigung ihrer Klaſſenherrſchaft dienen.
Man könnte den gegenwärtigen Zuſtand unſerer Kultur mit
dem Begriff der„Ich⸗Kultur“ umſchreiben. Der Egoismus iſt Trumpf. Man ſtrebt danach ein Eigener, eine Perſönlichkeit zu ſein. Selbſt der Stil der Häuſer läßt erkennen, wie ſehr es dem Beſitzenden darauf ankommt, gewiſſermaßen im Andersſein des eigenen Hauſes, die eigene Individualität zu betonen. Die Ge⸗ ſellſchaft iſt atomiſiert, die Bande der Gemeinſchaft ſind zer⸗ riſſen. Werdende Kräfte müſſen ſie erneut knüpfen.
Die Technik iſt zum Feind des arbeitenden Menſchen ge⸗ worden. Der Arbeiter, der in dumpfer Einförmigkeit den ganzen Tag über die gleichen Handgriffe macht, iſt zum ſeelenloſen An⸗ hängſel der Maſchine geworden, ſtatt zu ihrem frohen Beherr⸗ ſcher. Der Apparat triumphiert und der Menſch unterliegt, wie es Genoſſe Nölting einmal ausdrückte.
Der Sozialismus muß dieſem Krankheitsherd unſerer Kultur ein Ende machen, ſchon um dem Leben der unter dieſen Zuſtänden Leidenden wieder einen Sinn zu geben. Und er kann es. Speiſt er doch alles geſellſchaftliche Denken und Tun aus einem neuen geſellſchaftlichen Lebensprinzip. Dem Egoismus des Einzelnen ſtellt er die Solidarität der Geſellſchaft gegenüber, dem„Ich⸗ Prinzip“ das Prinzip der Gemeinſchaft, der Anarchie der Wirt⸗ ſchaft deren planmäßige Regelung. Die Technik wird wieder zur Dienerin des Menſchen.
Auf ſolcher Grundlage wird ſich ein neues Menſchentum er⸗
heben. Es läßt ſich umſchreiben mit dem Begriff des ſozialiſtiſchen Menſchen. Was beſagt alſo jenes vielgebrauchte Wort vom ſozia⸗ liſtiſchen Menſchen. Wir begreifen als einen ſozialiſtiſchen Men⸗ ſchen denjenigen, der den Kapitalismus auch geiſtig überwunden hat. Er wird der Gemeinſchaft dienen in der Arbeit, ſie preiſen in der Dichtung und im Geſang, ihr Symbole ſchaffen in der Bau⸗ kunſt. Es iſt klar, in Reinkultur iſt diehes Menſchentypus noch nicht möglich. Ihn zu geſtalten, wird das Werk der Erziehung von Generationen ſein. Beginnen wir bei uns ſekbſt.
Sprechen wir es offen aus, die Zahl der Klaſſengenoſſen, in deren Privatleben oftmals die ſozialiſtiſche Note fehlt, iſt er⸗ ſchreckend. Man denke an die„private Löſung der Frauenfrage und des Antiſemitismus“, oder daran, daß für viele die ſoziale Frage aufhört zu exiſtieren, ſobald ſie einen auskömmlichen Ver⸗ dienſt haben. Sie alle ſind, nach einem Wort von Engelbert Graf, verhinderte Kapitaliſten. Eine gewaltige Erziehungsarbeit iſt da noch zu leiſten. 1 3
Sozialismus muß gewollt werden. Freudige Hingabe, ernſter Wille und die Zeit, die für uns ſchafft, werden ihn geſtalten.
Anſätze, die auf die Herausbildung einer kommenden ſozialen Gemeinſchaft ſchließen laſſen, ſind bereits vorhanden. Wir be⸗ jahen die Maſſe; erleben in dem Rythmus unſerer Feſte die Ge⸗ meinſchaft der im Sozialismus Verbundenen. Das iſt vorerſt Feiertags⸗ und Minderheitskultur, kann nichts anderes ſein. Bürgerliche Jugend, abſeits vom Klaſſenkampf ſtehend, ſucht Ge⸗ meinſchaft. Die Technik, trotz ihrer Schattenſeiten, erzieht im kollektiwiſtiſchen Sinne. Sie vereinigt Rieſenſcharen von Arbeitern zum gemeinſamen Werk. Täglich werden Millionen von Menſchen
urch die Zeitungen in ähnliche oder gleiche Gedankenbahnen ge⸗
lenkt. Der Rundfunk vereinigt ſie im gleichen Erlebnis. Die Tech⸗ nik iſt ein wichtiger Schrittmacher auf dem Wege zur Gemein⸗ ſchaft in der Kultur. Überflüſſig zu betonen, daß der Klaſſen⸗ kampf den entſcheidenſten Faktor in dem Prozeß dieſer Um⸗ wälzung darſtellt.
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Beruf und Erziehung Von Paula Lohagen
über dieſes Problen iſt in der Schriftenreihe„Neue Men⸗ hhen“, von Dr. Max Adler(Wien) herausgegeben(E. Laubſche erlagsbuchhandlung G. m. b. H., Berlin) ein außerordentlich wertvolles Buch von Dr. Anna Siemſen erſchienen. In knapper Form ſollen hier die Grundzüge des Buches wiedergegeben werden. Beruf und Erziehung ſind die Probleme der heutigen Ge⸗ ſellſchaft, in denen all ihre Mängel und Schwächen, ihre Wider⸗ ſinnigkeit und Unmoralität ihren eigentlichen und offenkundigſten Ausdruck finden. Die Bourgeoiſie und ihre Vertreter ſuchen das ver⸗ gebens hinwegzutäuſchen, ſuchen ebenſo vergebens eine Löſung innerhalb der kapitaliſtiſchen Geſellſchaftsordnung. Bewußt und
in ihrer letzten Bewurzelung klar erkannt, werden ſie nur im Proletariat. Hier führen ſie zur Oppoſition gegen die beſtehenden Verhältniſſe, hier entſpringen die Quellen erzieheriſcher und be⸗ ruflicher Neugeſtaltung. Ihr Weg führt weit hinaus über die Grenzen kapitaliſtiſcher Geſellſchaftsordnung in die Zukunft ſo⸗ zialiſtiſcher Gemeinſchaft.
Der Menſch iſt ein Geſellſchaftsweſen. Alle Erziehung ſteht in Beziehung zur Geſellſchaft. In der primitiven Geſellſchaft nit ihrer einfachen Arbeitsteilung zwiſchen Mann und Frau iſt auch die Erziehung einfach und geſchieht unbewußt durch Gewöhnung und Vorbild. Sie wird im Laufe der geſellſchaftlichen Entwick⸗ lung immer komplizierter. Das Kind wird in ſeiner Freiheit be⸗ ſchränkt, die Individualität wird eingezwängt in den Rahmen einer in Beſitzende und Nicht⸗Beſitzende geſchichteten Geſellſchaft. Die Herausbildung von Berufen bringt die Unterweiſung des Kindes durch beruſene Perſonen, durch Lehrer und Erzieher. Mit ſtärkerem Zwange ergeben ſich ſtärkere Widerſtände: die Prügel⸗ ſtrafe, die die primitive Horde oder Sippe nicht kennt, wird Er⸗ ziehungsenittel. Der Sohn des Handwerkers wird zum Hand⸗ werker, der Sohn des Bauern zum Bauer, der Sohn des Ritters zum Ritter erzogen. Die Frau iſt ohne Einfluß in der Geſell⸗ ſchaft; ſie iſt dem Manne unterworfen. Die Religion ſtempelt dieſe menſchliche Rangordnung zu einer gottgewollten.
In der Revolution des 18. Jahrhunderts ſprengte das auf⸗ kommende Bürgertum die ſtarren Bindungen der ſtändiſchen Ge⸗ ſellſchaft. Die Schranken der geſellſchaftlichen Stellung, durch die Geburt beſtinmt, fielen hinweg. Es beginnt der Aufſtieg des Einzelnen nach dem Grundſatz:„Freie Bahn dem Tüchtigen“. Die wirtſchaftlichen Wandlungen brachten naturgemäß die Forderung nach einer geſellſchaftlichen Erziehungsreform mit ſich. John Locke in England mit dem Erziehungsideal der herrſchenden, wert⸗ ſchaftlich unabhängigen, halb feudalen, halb bürgerlichen eng⸗ liſchen Gentry; Goethe(Irf.„Wilhelm Meiſter“) nit dem Idea! der freien perſönlichen Entwicklung, das ſeine Erfüllung derin ſieht, es dem Adel gleich zu tun; Wilhelm von Humboldt, der extreme Individualiſt; Peſtalozzi, der als Erſter die Verflechtung aller Erziehung mit dem Sozialen erkennt und Fichte in Deutſch⸗ land, der zugunſten der Geſellſchaft die individualiſtiſche Freihe t gänzlich opfert und darin ſeinen Gegenpol in Humboldt findet, und Rouſſeau in Frankreich, der Revolutionär, der ſeinen„Enile“ außerhalb der menſchlichen Geſellſchaft erzieht, waren ihre bedeu⸗ tendſten Theoretiker.
Im 19. Jahrhundert waren die großen Erziehungsreformer mit ihren Erziehungsidealen, großmöglichſte Entfaltung der kind⸗ lichen Kräfte, vergeſſen. In immer ſchärfer werdenden Gegen⸗ ſätzen ſtanden ſich Bürgertum und Proletariat gegenüber. Die Schulen aller europäiſchen Staaten gerieten unter die Kontrolle des Staates, der gegenüber den radikalen Forderungen des Bürgertuens konſervativ wird. Die Schulen ſtanden abſeits; es fehlte jede Verbindung mit dem ſich in immer raſcherem Tempo entwickelnden wirtſchaftlichen Leben; die immer dringender wer⸗ denden Forderungen nach Berufserziehung konnte die Schule nicht erfüllen.
In der Arbeiterſchaft wird das Berufsprobleen der bürger⸗ lichen Geſellſchaft am deutlichſten. Der Aufſtieg der Technik findet allergünſtigſten Boden in der kapitaliſtiſchen Wirtſchaftsweiſe. Das Arbeitstempo wird immer mehr beſchleunigt, die Kleinbe⸗
triebe werden weniger; das Schwergewicht konzentriert ſich auf
die Großbetriebe. Die Kennzeichen moderner Wirtſchaft ſind ihre Kriſenhaftigkeit und ihre internationale Verflechtung; ihre Folgen: drohende Arbeitsloſigkeit. Es fehlt die unmittelbare Be⸗ ziehung zwiſchen Arbeitsleiſtung und wirtſchaftlichem Erfolg. Typiſierung, Nornaliſierung und Spezialiſierung der Arbeit machen den Beruf des Arbeiters einſeitig und mechaniſch. Von dieſem Prozeß werden in zunehmendem Maße auch Angeſtellte und Beamte betroffen. Die Geiſteskräfte werden abgeſtumpft, Ini⸗ tiative, Verantwortung und Nachdenken des Einzelnen werden ausgeſchaltet. Von der freien Entfaltung der Perſönlichkeit, dem bürgerlichen Berufsideal, kann keine Rede ſein. Es bleibt nur übrig der Lohn bzw. das Gehalt als Arbeitsantrieb. Der Beruf hat im Proletarier keine Lebenskraft, entweder er läßt die Per⸗ ſönlichkeit verkümmern, oder der Menſch rettet ſeine Perſönlich⸗ keit, indem er ſich Wirkungsmöglichkeit auf anderen Lebensge⸗
bieten ſchafft. Die kapitaliſtiſche Wirtſchaftsweiſe knüpft beien Ar⸗ beiter an niedere Triebe an. Es kommt ihm nicht darauf an, den
Menſchen mit ſeiner Arbeit wachſen und verwachſen zu laſſen, es konmt ihm nicht auf die Güte des Erzeugniſſes an, ſondern darauf, daß es rentabel iſt, d. h. beim geringſten Aufwand an Kraft und Zeit den möglichſt größten Profit erzielt. Hier müßte
die Aufgabe unſerer techniſchen, handwerklichen und künſtleriſchen Fachſchulen anknüpfen und die ſchöpferiſchen Triebe im Menſchen
entwickeln. Die dringende Notlage der Berufswahl und Berufsausleſe
zeigt das Beſtehen der Berufsämter an. Aber auch ſie mögen den
Krebsſchaden der Geſellſchaft nicht zu heilen. Einerſeits ſind ſie noch ſehr reformbedürftig in der Weiſe, daß ſie aufs engſte nit Schule und Wirtſchaft zu verknüpfen wären. Das würde allerdings auch eine Umwandlung der Volksſchulen in Arbeitsſchulen zur Vorausſetzung haben, die das Kind auf die es in der Geſellſchaft erwartende Arbeit vorbereitet. Aber dieſe Beſtrebungen würden das Berufsproblem nur erleichtern, doch keineswegs löſen. Die


