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Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
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vielleicht ſogar noch beſſer wie bei den Jungſozialiſten, aber daß in den Jungſozialiſten der ehrlichſte Wille zur geiſtigen An⸗ eignung des wiſſenſchaftlichen Sozialismus, daß auch hier noch die größte Hochachtung vor dem geiſtigen Werk unſerer Altmeiſter vorhanden iſt, kann nicht geleugnet werden, wenn auch ſonſt vieles faul im Staate Dänemark ſein ſollte. Es kommt nur auf die verhältnismäßige Feſtſtellung an, denn daß in der Partei mehr geiſtig Intereſſierte ſind, wie bei den Jung⸗ ſozialiſten, iſt entſprechend der Größe der Partei einleuchtend, aber es gibt nicht in der Partei eine geſchloſſene Gruppe von Genoſſen, die ſich freudig hingibt an die geiſtige Arbeit, dieſe Gruppe ſtellt aber die gar keine Orgeniſation ſein wollende Jungſozialiſtenbewegung dar. Das iſt das Poſitive ihres Seins. Wäre die Bewegung größer, würde man dieſen Ein⸗ fluß mit den Jahren ſpüren, denn leider muß geſagt werden, daß die geiſtige Arbeit am wiſſenſchaftlichen Sozialismus von vielen unſerer älteren und tätigen Genoſſen mehr wie vernachläſſigt wird, und daß ſogar eine unberechtigte Nicht⸗ achtung der theoretiſchen Arbeit gegenüber der praktiſchen Arbeit vorhanden iſt, ſo daß hier ein Entgegenarbeiten notwendig wird. Die Jungſozialiſten wollen dieſe Arbeit leiſten, ob ſie dieſelbe im Intereſſe der Ge⸗ ſamtbewegung leiſten können, das ſoll ſich ſpäter zeigen, wenn über dieſe Arbeit Jahre vergangen ſind und Reſultate vorliegen.

Es iſt nur dieſe eine Seite unſerer Aufgaben ſkizziert worden. Wenn die Jungſozialiſten des Gaues Heſſen am Samstag und Sonntag im Jugendheim zuſammenkommen, dann werden zwei hochwichtige Referate davon Zeugnis ablegen, daß der Wille zur geiſtigen Belebung und Neu⸗ orientierung in den Jungſozialiſten lebendig iſt, und daß ſie ſich gerne als die Apoſtel des ſozialiſtiſchen Geiſtes und der ſozialiſtiſchen Idee fühlen, nicht mehr und nicht weniger ſein wollen, als die lauteſten Rufer im Streite um geiſtige Neuorientierung und für den Marxismus. Das ſoll unſer Ziel ſein und dahin ſoll unſer Weg führen. Noch ſind wir nicht dieſe Rufer, aber wir wollen und müſſen die Rufer werden, darum unſere Gleichgültigkeit gegenüber untergeordneten organiſatoriſchen Fragen, und unſer lebhaftes Intereſſe an der geiſtigen Durchdringung der Bewegung. An dieſen zu leiſtenden Aufgaben gibt ſich die Jungſozialiſtenbewegung ſelbſt ihre Exiſtenzberechtigung. und ſcheitert ſie an dieſer Aufgabe. dann darf ſie keine Stunde länger exiſtieren.

Das Programm des Jungſozialismus Von Fritz Lewy

Iſt die Entſtehung einer proletariſchen Jugendbewegung Zeichen einer muſt des politiſchen Bewußlſeins und der ſoziag⸗ liſt ſchen Bewegung? An ſich iſt jede Jugendbewegung ein Stück geſellſchaftlichen Befreiungskampfes für die Selbſtändigkeit der Jugend. Zunehnende Gegenſätze zwiſchen Jugend und Alter weiſen aber auf die tatſächliche beſtehende Kriſe hin. Man wird deren Vorhandenſein bejahen müſſen, ohne doch zugleich die bürgerliche und proletariſche Kriſe vergleichen zu dürfen. In einer Zeit, die im ganzen Abendlande die Unmöglichkeit der kapitaliſtiſchen Ord⸗ nung ſo handgreiflich zeigt, daß ſelbſt der engliſche Arbeiter, der bisher ein Monopol der hohen Lebenshaltung zu haben ſchien, die Geduld verliert, wo der Kapitalismus in Aſien und Afrika ſeine letzten Reſervearmeen und in ihnen ſeine eigenen Toten⸗ gräber formiert, in einer ſolchen Zeit kann keine Rede von einer Kriſe des internationalen Sozialismus ſein.

Anders jedoch, wenn wir die Verhältniſſe in unſerer engeren Heimat betrachten. Wohl wird auch hier im Zuſarnmenhang mit dem weltgeſchichtlichen Aufſtieg der Arbeiterklaſſe aller Länder die ſozialiſtiſche Bewegung ihren Fortgang nehmen. Wir finden aber das deutſche Proletariat in einer heftigen Kriſe. Die Enttäuſchungen des Krieges und der Revolution ſind nicht ohne Folgen vorübergegangen; ſie haben hinterlaſſen: Mißtrauen, Zweifel und Erſtarrung. Die Generation, die dereinſt in gläu⸗ biger Jugendkraft die Fundamente gelegt hatte für einen Bau, der ſie noch wohnlich aufnehmen ſollte, ſieht ihr Ziel, das End⸗ ziel, noch in weiter Ferne, ja ſcheinbar weiter denn je. An die Stelle des einſtmals den Klaſſenkampf tragenden Endziels tritt die langſane Entwicklung, die die Machtpoſitionen der Arbeiter⸗ ſchaft in Staat und Wirtſchaft ſo verſtärken und ausbauen ſoll, bis der Kapitalismus von innen heraus ausgehöhlt und auf⸗ gezehrt worden iſt. Der bloße Glaube andie Entwicklung iſt darum ſo gefährlich, weil er den geſellſchaftlichen Fortſchritt trennt von dem Bewußtſein und Willen, von dem Klaſſenkampf einer revolutionären Klaſſe. Nur ſolange gibt es in der Geſchichte Entwicklung und Fortſchritt, als in ihr Menſchen wirken, wirken mit der Begeiſterungskraft des Glaubens und Tatkraft des Willens. Wer nicht mehr an eine beſſere und ſchönere Geſellſchafts⸗ ordnung glaubt und nicht zugleich auch die Feſſeln der Knecht⸗ ſchaft und unmenſchlichen Entehrung der kavitaliſtiſchen Aus⸗ beutung ſelbſt noch ſprengen will, wer nichtnit allem Willen ſich aus einem Knechte, der mit Abfällen vom Tiſche der Bourgeoi⸗ ſie zufrieden iſt, zum Herrn machen will, der iſt kein Revolutio⸗ när, kein Träger des geſellſchaftlichen Fortſchritts.

Alle Jugend iſt unbedingt: Die menſchliche Fähigkeit zum folgerichtigen Denken iſt noch nicht bedrängt und abgelenkt durch die vielerlei Rückſichten und Intereſſen des Berufes und der Um⸗ gebung. Der Mut und die Kraft des jungen Menſchen ſind noch nicht verdorben und aufgerieben durch das ermüdende Gleichenaß der Organiſation, der Blick noch nicht eingeengt durch die Inter⸗ eſſen des Augenblicks. Das iſt der Radikalismus der Jugend, der ewig neue Gegenſatz von Vater und Sohn.

Jedoch kann der Gegenſatz von Jugend und Alter nicht ſtärker ſein als die Bindung beider in der Klaſſengemeinſchaft und deren politiſchen Vertretung, der Partei. Daß auf der Seite der älteren Generation oft nicht dem Eigenleben und Eigenwert der Jugend Rechnung getragen wird, darf auf der Gegenſeite nicht zu einer grundſätzlichen Kampfeinſtellung führen. Vor allem aber werden die verantwortlichen Führer der Partei einſehen müſſen, daß die Partei die Jugend nur an ſich feſſeln wird, wenn ſie ihrer Ein⸗ ſtellung und ihren Bedürfniſſen Rechnung trägt. Wenn eine ſozta⸗ liſtiſche Partei mehr als Wahlverein, wenn ſie die Organiſation der Klaſſe, ein Stück der Zukunftsgeſellſchaft in der Gegenwart ſchon ſein ſoll, wenn ſie aber auch die Schlagfertigkeit einer Armee haben ſoll, die zu anderen noch berufen iſt als zum Gefechte der bedruckten Stimmzettel, dann kann ſie auf die Jugend nicht ver⸗ zichten, dann wird ſie aber auch das Schwergewicht ihrer Agita⸗ tion wieder von außen nach innen verlegen müſſen; nicht nur die Wählerzahl, ſondern vor allem die Mitgliederzahl iſt Ausdruck der Stärke einer proletariſchen Partei.

Dem jungen Sozialiſten, der wiſſend in der Gegenwart ſteht,

erwachſen aus dieſer Sachlage Pllichten und Verantwortung. Er darf ſich nicht in unzähligen Einzelaufgaben verzetteln: weder Stenographie noch Abſtinenz führen zum Sozialismus. Er hat die Pflicht, die rote Fahne der Revolution hochzuhalten, den An⸗ ſchluß zu gewinnen an die große Tradition der proletariſchen Kampfbataillone. Die geſchichtliche Überlieferung lebendig zu er⸗ halten und zu bewahren, ſich mit ihren Geiſte und Willen ganz zu erfüllen, den Glauben an die idealen Aufgaben der proletariſchen Revolution in den Maſſen des arbeitenden Volkes zu entzünden, das Wiſſen der marxiſtiſchen Erkenntnis zu pflegen und ſchließlich die Verwirklichung des Ideals und des Wiſſens in der Praxis, in der Tat: das iſt das Programm des Jungſozialismus. Dies Pro⸗ gramm iſt nicht neu und widerſpricht nicht einem offiziellen Pro⸗ gramen. Es iſt nicht ſo ſehr eine Ergänzung des Parteiprogramms, als ſeine Durchdringung mit dem Geiſte der Leidenſchaft der

Jugend. Dieſe Leidenſchaft zu wecken und wachzuhalten, iſt die

dringende Forderung, die ſich aus der gegenwärtigen Situation ergibt. Wie unſere Sache die der ganzen Menſchheit iſt, ſo fordert auch die Menſchheit den Einſatz unſerer ganzen Perſönlichkeit. Sie ſind in der glücklichen Lage, ſagte Laſſalle einmal den Ar⸗ beitern,daß dasienige, was Ihr wahres perſönliches Intereſſe bildet, zuſammenfällt mit dem zuckenden Pulsſchlag der Ge⸗ ſchichte, mit den treibenden Lebensprinzp der ſittlichen Entwick⸗ lung. Sie können daher ſich der geſchichtlichen Entwicklung mit perſönlicher Leidenſchaft hingeben und gewiß ſein, daß Sie um ſo küticher daſtehen, je glühender und verzehrender dieſe Leiden⸗ ſchaft iſt.

Probleme der ſozialiſtiſchen Kultur

Von Fritz Schmidt

Nicht nur von materiellen Dingen iſt die Rede, wenn wir von Künftigem ſprechen. Es geht um die Geſtaltung des geſell⸗ ſchaftlichen Lebensganzen, um die Kultur. Unter Kultur begreifen wir all das, was menſchlicher Geſtaltungswille, aus ſeinem urſprünglichen Naturzuſtand heraushebend, einer zweck⸗ ſetzenden Veränderung unterwarf. Der umgegrabene Acker iſt ein StückKultur. Alle politiſchen und ſozialen Gebilde, alle Schöpfungen menſchlichen Geiſtesſind Kultur.

Die verſchiedenen Erſcheinungsformen einer Kultur ſtehen untereinander in Beziehung. In ihnen wirkt ſich jeweils das gleiche geſellſchaftliche Lebensprinzip aus. Grundlegend ſind jedoch die Produktionsverhältniſſe. Verändern ſie ſich, ſo erfährt auch das Geiſtesleben eine entſprechende Korrektur. Dergeſellſchaft⸗ liche Lebensſtil ändert ſich dann.

Der innere Zuſammenhang der verſchiedenen Kulturſphären ſei kurz angedeutet: dem unbeweglichen Charakter der Natural⸗ wirtſchaft des Mittelalters entſprach der Kollektivismus, der Glaube, daß alles Beſtehende gottgewollt und ewig ſei, ſowie die Autorität der Kirche.

Unſere Epoche wird durch die kapitaliſtiſche Konkurrenz, In⸗ dividualismus, Rationalismus und Diesſeitigkeit gekennzeichnet.

Iſt der Sozialismus der Antipode der gegenwärtigen Geſell⸗ ſchaft, ſo muß dies auf allen geſellſchaftlichen Lebensgebieten, nicht nur im Politiſchen und Sozialen, zum Ausdruck kommen. Das Lebensgefühl des Sozialiſten muß im Widerſpruch ſtehen zu dem des kapitaliſtiſchen Menſchen. 4

Der gegenwärtige Kulturzuſtand wird weit über die Kreiſe der Sozialiſten hinaus als ungeſund empfunden. Welt⸗ und lebensfremde Jugendbewegler möchten am liebſten der Großſtadt mit ihren Rieſenbauten und mächtigen Induſtriekaſernen den Rücken kehren, um in lebensabgeſchiedenen Siedlungen ihren Idealen nachzuleben, oder einem unfruchtbaren Myſtizismus