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Es geht ums Leben
Von Christian Leden*)
Das Eis iſt nun drei Tage alt. Die Luft iſt milder, der Him⸗ mel ſieht nach einem Schneeſturm aus.
Heute muß ſich unſer Geſchick entſcheiden. Warten wir noch einen Tag, ſo kann das Eis, ſtatt ſtärker zu werden, wieder ganz verſchwinden. Kommt ein Sturm, ſo bricht das Eis auf und ſchwimmt mit der Strömung in die Hudſonbucht hinaus. Dann können wir uns darauf vorbereiten, unſere Hunde zu ſchlachten und zu verzehren. Wenn uns das Unglück verfolgt, verhungern wir nachher trotzdem, ehe eine neue, tragfähige Eisdecke ſich über den Fjord legt. 3
Verſuchen wir aber heute ſchon über das unſichere Eis zu ſahren, ſo laufen wir Geſahr, einzubrechen und zu ertrinken. Hier Scylla, dort Charybdis...
Der ältere Eskimo geht aufs Eis und bohrt das Meſſer hinein. Etwas mehr Kraftaufwand als geſtern erfordert es immerhin. Die Eisdecke biegt ſich auch weniger unter ſeiner Laſt, aber ſie ſchwankt noch ſehr, während er darüber hingeht. Wir ſchauen nach dem Wetter aus und halten Kriegsrat. Meine Reiſegefährten machen ernſte und bekümmerte Geſichter. Der ältere iſt der Meinung, daß wir unbedingt noch heute verſuchen müſſen, über den Fjord zu
kommen, und empfiehlt ſofortigen Aufbruch; wenn Sturm kommt, ſo geht das ſchwache Reueis unweigerlich in die Brüche.
Wir eſſen unſere drei Stück Zucker, jeder eines, zünden die Pfeifen an und machen den Schlitten fertig. Die ethnographiſchen Sammlungen und den größten Teil meines ſonſtigen päcks müſſen wir in den Schneehütten zurücklaſſen. Mehr als die Schlaf⸗ ſäcke, meinen Kragkarabiner, die Primuslampe und meinen über⸗ pelz wagen wir nicht auf den Schlitten zu laden. Die Kamera hänge ich über die Schulter und ſtecke das halb vollgeſchriebene letzte Tagebuch in die Taſche der Attige(Unterpelz). Dann ſchnallte ich die Skier an. So hoffe ich ſchneller vorwärts zu kommen als auf
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—) Durch das freundliche Entgegenkommen des Verlags F. A. Brockhaus, Leipzig, ſind wir heute in der Lage, unſeren Leſern eine Koſtprobe aus dem neuen intereſſanten Reiſewerk„Chriſtian Leden, Uber Kiwatins Eisfelder. Drei Jahre unter kanadiſchen Eskimos“(mit 70 Abbildungen auf Tafeln und im Text, zahlreichen Notenbeiſpielen und 1 Karte, Mk. 13.—, Leinen Mk. 16.—) zu bieten. Die an Abenteuern, harten Entbehrungen und Leiden reiche Expedition Ledens in die Eisfelder Kiwatins ſtand gleich im Anfang unter einem unglücklichen Stern. So kann der Forſcher von einem Schiffbruch im hohen Norden, von Kannibalismus der Naturvölker, von gefahrvollen Jagden auf Eis⸗ bären und Walroſſe, ja von einem„Wettlauf mit dem Tode“ berichten. Bei
dem Schiffbruch verlor Leden den größten Teil ſeiner Ausrüſtung und ſeiner
wiſſenſchaftlichen Inſtrumente und mußte ſo drei Jahre wie die Eskimos vom Lande leben. Sein Ziel waren nicht geographiſche Entdeckungen, vielmehr ver⸗ ſuchte er von der untergehenden Kultur des Eskimos für die Wiſſenſchaft zu retten, was die immer weiter nach Norden vordringende Ziviliſation davon noch übrig gelaſſen hat. Er iſt wie Rasmuſſen und Stefansſon der Anſicht, daß die Ziviliſation den Eskimos nur bedingt Segen bringt, und er führt genug Be⸗ weiſe dafür an. Einen beſonderen Reiz hat das Werk noch dadurch, daß Leden die Muſik der Eskimos erforſcht und im Phonogramm feſtgehalten hat. Das Buch bringt eine Reihe von Notenbeiſpielen, die beſonders intereſſteren werden. Um⸗ rahmt wird der Bericht von einer Reihe vorzüglicher Bilder nach eigenen Auf⸗ nahmen des Verfaſſers.
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Ordnung iſt und daß mein Heil in den Beinen liegt. Herunter alſo
Schuſters Rappen. Ich bin ſicher, daß meine Begleiter und die Hunde wie die Wieſel laufen werden, um ſo ſchnell als möglich über das Eis zu kommen. Außerdem iſt unſer gemeinſames Ge⸗ wicht beſſer über das Eis verteilt, wenn ich für mich allein auf Skiern bin und nicht mit den andern neben dem Schlitten und den Hunden herlaufe. Das Eis trägt ja einen Skiläufer viel leichter als einen Fußgänger. Ein erwachſener Menſch auf Skiern belaſtet die Eisdecke nicht ſtärker als ein Hund von mittlerer Größe. So überlege ich, während ich die Skier anlege; aber bekanntlich kommt es immer anders, als man denkt.
Meine Eskimos haben natürlich keine Skier, aber ſie binden ſich eine feſte Leine, wie man ſie zum Harpunieren der Seehunde benutzt, um den Leib und befeſtigen das andere Ende um den Schlitten. So angeſeilt, geht je einer in fünf bis ſechs Meter Ab⸗ ſtand zu beiden Seiten des Cchlittens. Auf dieſe Art iſt das Ge⸗ wicht des Schlittens und der Männer über eine größere Eisfläche verteilt. Sollte wirklich einer einbrechen, ſo kann ihn der andere
an der Harpunenleine herausziehen.
Das Eis ſchwankt unheilverkündend unter unſern Füßen. Wir ſind alle zu Anfang dieſer tollkühnen Fahrt ein wenig aufgeregt. Zuerſt fahren wir am Strand ein Stück fjordeinwärts; ſollte dann das Eis wirklich nach dem Meere zu abſchwimmen, ſo kommen wir vielleicht dennoch auf die andere Seite, ehe wir durch die ſtarke Strömung in die Hudſonbucht abgetrieben werden.
Und nun geht es los mit voller Geſchwindigkeit! Die Hunde werden durch Zurufe und Peitſchenknallen gelenkt; die Eskimos
laufen ſo weit vom Schlitten entfernt, als die Harpunenleinen es
geſtatten. Anfangs geht alles vortrefflich, aber dann ſetzen Schnee⸗
fall und Wind ein; die Skier fangen an zu kleben. Das junge Eis
iſt ſalzig und feucht; der Schnee iſt matſchig, obgleich wir mehrere rad Kälte haben.
Der Schweiß läuft an mir herab vor Anſtrengung, und dennoch kann ich auf der klebrigen Fahrbahn nicht mit den andern Schritt halten. Der Abſtand zwiſchen mir und dem Schlitten wächſt... wächſt zuſehends... Der Wind nimmt ſchnell zu und wird zum Schneeſturm. Meine beiden Eskimos winken und rufen, ich ſolle mich ſputen; dann ſind ſie meinen Blicken hinter einem Vorhang von treibendem Schneeſtaub entſchwunden. Unter der dichten Decke
des Neuſchnees ſind die vielen infolge der Stömung ſchwachen
Stellen im Eis nicht mehr erkennbar. Daher wage ich nicht, die Skier abzulegen und zu Fuß zu laufen. Ich habe ja keine Hunde bei mir, die mich wieder herausziehen können, wenn ich ein⸗ brechen ſollte.
Die Skier waren diesmal kein ſchlauer Gedanke! Ich hätte viel klüger getan, mich nach dem Beiſpiel der Eskimos mit einer Harpunenleine am Schlitten anzuſeilen. Liefen ſie neben dem Schlitten, ſo konnte ich ja hinterdreinlaufen. Man lernt zu, ſo lange man lebt. Für diesmal aber ſieht es aus, als wär's mit dem Leben und mit dem Lernen bald zu Ende!
Noch höre ich die Eskimos rufen; aber weit, weit voraus. Es ſei ihnen bange um mich; ich ſoll mich beeilen, ſo ſehr ich kann—
und noch ein bißchen mehr...
Da begreife ich, daß vorne bei ihnen irgend etwas nicht in
Zweimenſchlichen. Beides zu vereinen, iſt ſein Geſchick und jeine Miſſion: den Weg durch das große blutige Abenteuer der Jahr⸗ tauſende zu gehen und auch Einkehr zu halten am Wege und in der Inſel der friedſamen Hütten. Untrennbar, nicht auflösbar—
ſo fein iſt ihte Miſchung— ſchwingen ſie in eins: die zwiſchen⸗
menſchliche Liebesbeziehung zur Geſamtheit wie die zu jedem
einzelnen Menſchenkinde, wenn der Dichter dem einen, der
einen ſagt:
Tritt ein zur Pforte meiner Augenbrauen,
Wenn Einſamkeit in deiner Seele weint. Allem Menſchlichen, allen Menſchen iſt ſein Herz aufgetan in menſchlicher Liebe, auch Venedigs Dirne, der er dieſe Worte
ſchenkt:
Schweſter und Braut— o lange verloren geglaubte: Trinke, trinke die liebende Seele mir aus!
Denn eine leidenſchaftliche Zuneigung zu allen Unterdrückten und Verbrechern erfüilt den, der Lebendiges und Totes einer ge⸗ liebten Welt mit Liebeskraft in die Arme ſchließt:.
Grab die Füße aus dem welken Grund,
Die in Nacht die bleichen Flügel ſchmiegen,
Daß ſie noch im Tod, zwei Tauben, fliegen
Liebegirrend um den Erdenmund.
So ſchlägt dieſes Dichterherz in gleicher Glut auch dem
Außermenſchlichen: es verſteht die Pinie, die im Sande an ver⸗
ſiegten Brüſten kniet und um Waſſer betet. 1 Jedoch erheiſcht dieſe Weite der Seele immer wieder Los⸗
löſung von dem Abgegrenzten, Zugeſchloſſenen, Individuellen:
Aufbruch iſt, der Winde Schlaf, mein Teil. Ob im ſüßen Blau die Blicke weiden, Grauſam von dem Liebſten mich zu ſcheiden, Fällt der Horizont ſein Henkerbeil.
Der unbaengten Räumlichkeit, der Heimloſigkeit, erſcheint, als Entſprechendes die Zeitloſigkeit: Was man mit der Seele liebt,
Liebe und Tod— nirgend ſo erſchüttern zeilen des Kreiſes vom Tode und vom Leben,„Das Lazarett“;
Erotik zur eimlofgkest in gei er Stär ſeines Schaffens geſtaltet wie Ar
flieht man in ruheloſer Wanderſchaft. Nur er, deſſen Herzens⸗
faſern im innerſten Grunde mit allen und allen verwurzelt ſind,
kann grenzenloſe Verlaſſenheit erfühlen:
Eine einſame Kerze, brennt Mein Herz in ſturmzerbrochener Laterne.
Aber nicht um das Negative der Erfüllung, um das nur Poſitive
des Beginns, dem kein Ziel winkt, handelt es ſich, wie Herm. Heſſes Gedicht„Auf einer Reiſe“ es ausſpricht:
Mir iſt beſſer zu ſuchen und nie zu finden,
Statt mich eng und warm an das Nahe zu binden, Denn auch im Glücke kann ich auf Erden
Doch nur ein Gaſt und niemals ein Bürger werden.
Vielmehr widerſpiegelt das Werk A. T. Wegners ſein Suchen und Finden, ſein ganzheiterfülltes Haben, das dem großen Heim⸗ loſen allerdings zugleich hungrigſte Sehnſucht bedeutet. Und dieſe wiederum iſt nicht, wie bei Wolf Whitman, Reaktion auf das „gleichmäßige, unerträgliche Land, die ermüdende Gleichheit der
Straßen, der Vürgerſteige und Häuſer“, ſondern hier iſt ſie erſter
Urſprung, Quell der Geſundheit. Daher auch ſtellt ſich dieſes Heimloſen kosmiſche Beziehung im ſchlichten Gewande der natür⸗ lichen Beziehung dar:
Nun taucht zur Flut der Wald ſein Witwenhaar,
Und wäſcht im Mond das Herz der Tränen aus.
Von ſeinen Zweigen rauchen wunderbar
Die Düfte bis an mein verlornes Haus. Wie im letzten Grunde nächſte zerührung beſteht zwiſchen
als in den Schluß⸗
ein Buch, das A. T. Wegner im Oktober 1914 in Polen ſchrieb für Käthe Kollwitz—, ſo auch zwiſchen Heimloſigkeit und Liebe, und kein anderer hat deeſe tiefſte Beujchung die Beziehung der e zum Brennpunkte min T. Wegner. Dr. Hanna Meuter(Köln].


