IJena 10925, Guſt. Fiſcher. Preis broſchiert 7.50
Der Meiſter erklärte, er habe jetzt keine Zeit, müſſe in die Kirche eilen, weil der Chor auf ihn wartee.
„Laſſen Sie den Chor Chor ſein“— ſprach der Friſeur.
„Zuerſt kommt Gott, dann der Menſch“— ſagte der Meiſter im Bruſtton tiefſter überzeugung und entfernte ſich. Als er zurück⸗ kehrte, war die Tür noch immer verſchloſſen; ſie mußte erbrochen werden. Aus dem engen Raum ſtrömte Gasgeruch.
Meiſter Sovek rief wütend:
„Der verdammte Kerl hat die Gasuhr nicht abgeſtellt, jetzt haben wir die Beſcherung.“
— Hildebrand lag auf dem Kotzen, blaß, mit bezogenem Geſicht. Er lebte noch..
Der Friſeur telephonierte der Rettungsgeſellſchaft, Hilde⸗ brand wurde fortgeſchafft und drei Tage ſpäter begraben, ganz wie ſeine Mutter. Hinten, neben dem Zaun, ohne Prieſter, ohne Menſchen, und auch die Totengräber hatten es ſehr eilig.
Der Meiſter holte ſich aus dem Waiſenhaus einen anderen Knaben, und ſingt allmorgendlich mit frommem Geſicht im Chor, zum Lob des Herrn.
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Eine wunderliche Geſchichte
Von Johannes Hillmann
Vor langen Jahren ſaß ich in einem rheiniſchen Ortchen, nahe dem Siebengebirge, als Pfarramtskandidat, um den erkrankten Pfarrer zu vertreten, der in Davos Heilung ſuchen mußte.
Hier hatte ich eines Tages ein Erlebnis, das mir noch heute zu ſchaffen macht Es war ein Februarvormittag. Trübes Schnee⸗ ſchlackerwetter, Matſch auf allen Wegen, Unluſt draußen auf allen Geſichtern und Krankheit in vielen Häuſern. Ich ſaß daheim, über meiner Lizentiatenarbeit grübelnd. Plötzlich ſchellt's. Ein Mann kommt mühſam und zögernd herein. Mein Gott, wie ſah der aus! Durchnäßt, durchkältet, ſchlotternd, das Geſicht krankgelb, ſoweit
man unter dem Schmutz das erkennen konnte. Er bot Ofen⸗ ſchwärze an, die er loſe in beiden Hoſentaſchen trug. Die reſolute Haushälterin führte ihn in die warme Küche, wo er ſich erſt mal ein wenig reinigen mußte, und dann wurde er mit warmer Suppe und anderem gelabt, wovon er ein erſtaunliches Quantum be⸗ wältigte. Dann ſah die Haushälteri nach, ob ich kein entbehr⸗ liches Kleidungsſtück im Schranke hätte, und kam bald mit einer dicken Hoſe zurück. Währenddem brachte ich den Gaſt zum Sprechen: Er ſtammte vom Weſterwald, trieb ſich ſeit Monaten auf der Landſtraße umher mit ſeiner Ofenſchwärze in der Hoſen⸗ taſche, wurde immer müder und ausgehungerter; erholte ſich nur, wenn er wegen Bettelei einmal ein paar Tage eingeſperrt wurde. Ob er Familie habe? Ja, ſeine Frau hätte— in der Not— geſtohlen, ſäße jetzt im Gefängnis; zwei kleine Kinder ſeien in der Gemeinde untergebracht, es gehe ihnen recht kümmerlich. Von den älteren Kindern läge der eine in N. im Hoſoital, der andere Liin P. im Gefängnis. Ja, wie ſollte man hier durchgreifend elfen?
Da fiel mir ein, daß vor kurzem ein reicher Fabrikant, der in der Nähe ein Schlößchen bewohnte, mir geſagt hatte, wenn ich etwas ganz Beſonderes nötig hätte, ſollte ich mich an ihn wenden.
Unſer Gaſt, er hieß Eſſelbronn, wollte zunächſt in die Her⸗ berge; verſprach aber, gegen Abend wiederzukommen.
Bald hernach wanderte ich zum Schlößchen hinauf, wurde freundlich empfangen, und trug dem Ehepaare mein Anliegen vor. Während ich ſprach, ſchaute plötzlich der Herr zum breiten Fenſter hin, wodurch man das geräumige, maſſive neue Haus des Gärtners und Pförtners ſah. Er guckte fragend ſeine Frau an; die nickt. Dann ſagte er:„Unſer Gärtner iſt kürzlich geſtorben. Sein Haus iſt leer. Da ſoll Ihr Eſſelbronn mit den Seinen wohnen. Ich will für die ganze Geſellſchaft dauernd ſorgen. Nur eine Bedingung: Sie fahren morgen mit dem Mann nach Bonn in die Klinik. Dort ſoll er unterſucht und ärztlich beraten werden.“
Ich war wie berauſcht vor Freude; konnte gar nicht herzlich genug danken. Das war ja alles wie ein ſchönes Kindermärchen.
Abends ſaß ich mit Eſſelbronn zuſammen, malte ihm aus, wie er nun geborgen ſei; wie wir die Seinen aus dem Gefängnis, aus Spital und Gemeindepflege herausholen wollten. Schier ver⸗ donnert ſaß er da, ſchaute mich ungläubig an und drückte meine Hand. Wir verabredeten alles für den nächſten Morgen, und er ging.
Und am nächſten Morgen kam kein Eſſelbronn, und in der Herberge hieß es:„Der iſt heute morgen ſchon ganz früh fort⸗ gezogen“.
Einige Monate ſpäter kam ein Bettler an meine Tür. Seine Hoſe erkannte ich wieder, aber Eſſelbronn ſteckte nicht darin.
Wohl über ein Jahr war vergangen. An einem koſtbaren Herbſttage hatte ich oben auf dem Petersberg geſeſſen und ſtieg in der Dämmerung den einſamen Weg herunter. Auf einmal ſehe ich, wie vor mir ein Mann haſtig vom Wege ins Gebüſch ſpringt. „Hallo, will der mir auflauern?“ Mit ein paar Sätzen bin ich bei ihm. Verlegen dreht er ſich um und bietet mir Streichhölzer zum Kaufe an.„Eſſelbronn!“ rufe ich überraſcht.„Ja, ſagte er, ich er⸗ kannte Sie; darum wollte ich mich verſtecken.“—„Weshalb ſind Sie mir denn damals ausgerückt?“„Wiſſen Sie,“ antwortete er zögernd,„das war ja ganz ſchön von Ihnen gemeint und von dem reichen Herrn. Aber wenn ich immer an derſelben Stelle leben ſoll und jede Stunde auf die Herrſchaft hören,— ſatt werde ich dann wohl und hab’s warm; aber das halte ich nicht aus.“„Und Ihre Frau und Ihre Kinder?“ fragte ich mahnend.„Herr, die halten's auch nicht aus.“—
Wir haben noch lange geſchwätzt, und endlich haben wir uns die Hand gegeben und ſind uns nicht wieder begegnet.
Ich kann mir nicht helfen, aber bisweilen denke ich mit Neid und mit Beſchämung an den nichtsnutzigen, aber freien Eſſel⸗ bronn. Freilich, er mußte ſeine Freiheit oft mit jämmerlicher Un⸗ ziviliſiertheit bezahlen. Aber bezahlen wir unſere behagliche Zi⸗ viliſiertheit nicht täglich viel teurer mit innerer und äußerer Un⸗ freiheit?—
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Die Straße mit den tauſens Zielen
„Tat twam asi“(Du biſt Ich); ſo offenbart uns der indiſche Weiſe, der große Gütige, in jedem Menſchenſohn den Bruder. Darum geſellen ſich“*) zu dem geringſten, dem letzten Bruder von der Landſtraße die herrlich Großen unſerer Zeit, die Schöpfer, die Künſtler, die ihre eigene Heimloſigkeit ſtets irgendwie, irgendwo in ihrem Werke geſtaltet haben.(Wir ſind ja alle„leiſe Heimat⸗ loſe“ wir alle ſind ja„tiefſte Mittelloſe“). Große Heimloſe ſind die Dichter, die im Schritte unſeres Jahrhunderts wandern; ihr Weg in die Heimlofſigkeit geht durch Sprengung der ſozialen Hemmungen des hochgeſellſchaftlichen modernen Lebens hin zu
perſönlichſter Wiedergewinnung kosmiſcher Verbundenheit. Aber der ganz Großen einer unter den ewig Raſtloſen, den Seeliſch⸗Heimloſen unſeres Tages, unſeres Volkes. denen ich be⸗ gegnete, iſt Armin T. Wegner.„Die Straße mit den tauſend Zielen“(Titel einer Gedichtſammlung aus den Jahren 1909—20, im Sibyllen⸗Verlag zu Dresden 1924, jetzt Deutſche Verlagsanſtalt Berlin und Stuttgart) iſt der Weg einer zehnjährigen Jugendwanderſchaft, deren wichtigſte Stationen, oft weit voneinander getrennt, für den Dichter zwiſchen der Mitte des 2. und 3. Jahrzehnts ſeines Lebens, in Europa und Aſien, liegen. Symbol ſeines Lebensweges wird die Straße mit den tauſend Zielen, die der„Poeta Ahasverus“, erfüllt von einer tiefen Begierde nach dem Geheimnis aller Dinge der Welt, wandern muß in räumliche und ſeeliſche Weiten und Tiefen. Meine Schreibtafel iſt die Erde. Mit dem Griffel der Füße ſang ich mein Leben über die Welt.
Wie Individuation und Gemeinſchaft ſich gegenſeitig be⸗
,») In meinem Buche:„Die Heimloſigkeit. Ihre Ein⸗ wirkung auf Verhalten und Gruppenbildun hdet Menſhen. arkk.
dingen, wie jeden Lebensalters ureigentliches Lebensgefühl erſt aus ſeinem polaren zu tiefſt erlebt wird(der Dichter ſagt von ſich:„Ich bin nie älter geweſen als mit 16 Jahren“), ſo iſt nur in heimiſcher Sphäre echte Heimloſigkeit möglich, ſo wird dann Unſtete, Heimloſigkeit gleichbedeutend mit innigſtem Beheimatet⸗ ſein im Kosmiſchen und Sozialen. Darum iſt der Dichter der Heimloſe, der in jedem Lande zur Welt kam, der immer auf der rde geweſen iſt.
Nur ich allein bin ruhend in der Welt:
Sturmwolke, Flamme, Wind und Vogelfall,
Vom Pol gedreht bis an des Südens Wende—
Daß ich mich grenzenlos der Welt verſchwende,
Bläſt Gott als Rauch mich brennend durch das All.
Was des gegenwärtigen Künſtlers Geſtaltungskraft in dieſes wundervolle Bild zu faſſen vermag, haben die Führer der Menſch⸗ heit zu allen Zeiten im eigenen Daſein erfahren: immer ſührte ihre Bahn durch äußerſte Heimloſigkeit zu kosmiſcher Verbunden⸗
eit, die der unverſiegbare Born ihres ſozialen Handelns wurde:
zudoha, der in aller Herrlichkeit der Erde Beheimatete, verließ Weib und Kind, um zu wandern, heimlos, und zu ſinnen, bis ihm offenbar wurde, wie die widerſtreitenden Wünſche der Menſchen ſich in der köſtlichen Hingabe der Perſönlichkeit an das all⸗ umfaſſende Leben löſen. Hebräiſche Propheten wanderten, als Heimloſe, und grübelten und ſannen, bis ihnen ihr Stammesgott zum Gott der ganzen Welt wurde. Mohammed führte Karawanen, ein Heimloſer, und ihm erwuchs aus dem Gemiſch von Volks⸗ göttern ein erhabener, ſchlichter Monotheismus. Nicht von un⸗ gefähr ſchreibt darum Armin T. Wegner ſeinem„Buch der Land⸗
ſchaften“ das Wort eines dieſer zu tiefſt Religiöſen, zu ſtärkſt
Sozialen, das Wort Mohammeds nämlich, voran⸗ Ein Schritt in der Morgendämmerung, Ein Schritt vor der Sonne Niedergang Sind mehr als alle Güter der Welt.
Indes, ſo wie der heimloſe Dichter die ausgedehnteſte Weite
*des Allgemein⸗Sozialen umſpannt, ſo auch die intimſte Enge des
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