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Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
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Hildebrands Tod

Von Martin Keleti Einzig berechtigte übertragung aus dem Ungariſchen von Stefan J. Klein Nachdruck verboten. 1. Verſchließ gut die Tür ſagte der Meiſterdann leg

dich nieder, brenn nicht lange das Gas, denn es iſt teuer. Und

ſtell auch die Gasuhr ab. Draußen wartete er ſo lange, bis der Schlüſſel im Schloß um⸗

gedreht wurde, er drückte auch die Klinke nieder, ging erſt dann

heim. Vor der Kirche nahm er den hut ab, ſprach ein kurzes, ſtilles Gebet, denn er war ein gottesfürchtiger, frommer Mann. Allmorgendlich ſang er im Chor und lebte mit den ſebie aen

Herren in guter Freundſchaft. Und Meiſter Sovek erfreute ſich in der ganzen Nachbarſchaft eines guten Rufes. Er lieferte genaue,

gute Arbeit, ſprach milde, demütig, ſchuldete niemanden Geld, und ſein Schuhwerk war tadellos. Er nahm ſich der Armen an,

und wenn er einen Bettler ſah, ging er an dieſem nicht vorbei,

ohne ihm ein Almoſen zu geben.

Auch Hildebrand hatte er aus dem Waiſenhaus geholt, um aus ihm einen wackeren Menſchen zu machen.

HFildebrand war das Kind eines armen, gefallenen Dienſt⸗ mädchens, er hatte niemanden, und Meiſter Sovek war davon überzeugt, daß er eine äußerſt gute Tat vollbrachte, indem er den Knaben zu ſich genommen.

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Hildebrand wollte eſſen Sein Abendbrot war bereits kalt ge⸗

worden. Es beſtand aus einem bißchen von Mittag übrig⸗ gebliebenen Gemüſe und einer Scheibe Brot. Er koſtete das Ge⸗ müſe, es jedoch nicht. Es fiel ihm ein, daß er ſich etwas aufge⸗ hoben habe. Er hatte am Vormittag zu der Frau Doktor ein Paar

Stiefel getragen und dort von der mitleidigen Köchin ein Stück

kaltes Fleiſch bekommen. Dieſes hatte er beiſeite gelegt.

Er entkleidete ſich, kroch auf ſeine Schlafſtätte, ver ehrte das Fleiſch und das Brot, dann zog er die geflickte, dünne Hecke über ſich und zitterte vor Kälte. Es war bereits kalt. Der Meiſter ge⸗ ſtattete nicht, daß das Feuer auch am Abend unterhalten werde,

und zu ſo vorgeſchrittener Stunde fror man tüchtig. Der Knabe ſblicin der Werkſtatt, denn die Meiſterin wollte nchi, daß er in der Wohnung AUnordnung mache. Er ſchlief, wo er arbeitete. Nach

dem Feierabend ſchaffte er die Werkzeuge fort und bereitete ſein Lager. Er legte einen alten Kotzen auf den Boden, auf den Kotzen aber ein buntes Kiſſen und eine fadenſcheinige Decke. Hier ſchlief er. Wenn nur die Decke etwas dicker wäre, denn um dieſe Zeit, im Winter, friert er unter ihr. Im Sommer dagegen iſt es in der

engen Kammer unerträglich ſchwül. Wahrlich, der Meiſter hätte ihm eine wärmere Decke geben müſſen, kam aber nicht auf dher 4

Gedanken. Hildebrand ſelbſt jedoch war nicht imſtande, etwas zu verlangen. Bedrückte etwas ſein Herz, ſo dcht zu Boden n5 ſchwieg. Am beſten iſt, ſtill ſchweigen: da nagt ſich das viele Un⸗ heit durch einen und dann findet man ſeine Ruhe. Er hätte auch ein Hemd, und auch ein beſſeres Gewand und auch Handſchuhe ge⸗ braucht, denn es fror ihn gar ſehr an den Händen. Iſt er einmal Geſelle ſo wird er ſich alles kaufen und ſich allſonntäglich ins Café ſetzen, dort Zeitungen leſen. Das Waiſenhaus fiel ihm ein. Dort hatte er es nicht ſchlecht gehabt. Die Burſchen

konnten miteinander im Garten ſpielen, ſie lernten auch etwas,

liefen herum, der Herr Direktor war ein guter Menſch, und au der Lehrer war nicht ſchlecht, und Sonntags betamnn ſie auch

Fleiſch Ihm machte nur ſein Name zu ſchaffen. Die Burſchen

fragten ihn, warum er Hildebrand heiße. Darüber mußte er au ſercht viel nachdenken. Die übrigen Burſchen hatten ſante erbonſ liche Namen wie: Peter, Georg, Johann, Martin uſw. Weshalb mußte er Hildebrand heißen? Hildi, Hildi riefen die Burſchen und umtanzten ihn. Doch zürnte er ihnen deshalb nicht. Ihn ſhen und

nur, wenn zu den übrigen Kindern die Mutter kam, ihnen Obſt,

* Ein 62 Zi atz von Diebe, wenig ſichtbar bis auf ein kleines Flamtchen,(iegt in der Bruſt, bis ihn end ich ein Geiſterwort hebt und der Menſch den alten Reichtum entdeckt

Jean Paul

Kuchen brachte, oder ſie Sonntag nachmittag mitnahm. Da

blieben ihrer kaum einige in der Anſtalt, und dies war ſo traurig.

Stille breitete ſich über die weißen Wände, jeder Schritt wider⸗

hailge. die daheim gebliebenen Kinder ſaßen an den langen iſchen und grübelten über die mannigfachſten Dinge.

Hildebrand dachte daran, daß einſt auch ſeine Mutter Sonn⸗ tag nachmittags zu ihm kam. Damals war er noch ein ganz kleiner Knabe und bei der alten, dicken Tante in Koſt. Seine Mutter war eine magere, ſchwächliche Frau. Sie arbeitete in ir⸗ gendeiner Schuhfabrik, brachte der dicken Tante jeden Sonntag für ihn das Koſtgeld. Oft klagte ſie weinend, daß ſie krank ſei, und ſie ſprach auch von einem Manne, der nach Amerika gefahren war und verſprachen hatte, Geld zu ſchicken, aber nicht einmal eine Zeile ſchrieb. Dann blieb auch ſeine Mutter fort. Sie kam ins Spital; ſtarb. Die alte Tante nahm auch ihn zum Begräbnis mit. Die Mutter wurde in aller Eile beſtattet, ohne Prieſter, ohne Weihigt, ohne alles. Nach dem Begräbnis ſagte die alte Frau zu ihm:

Na, du biſt mir auf dem Hals geblieben.

Einige Wochen ſpäter kam er ins Waiſenhaus, und von dort zu Meiſter Sovek. Er dachte oft an den Tod, ſtellte ſich vor, daß er einmal auch ihn holen komme, ihn bei der Hand nehmen und mit c führen würde, wie er es mit der Mutter getan.

ie mag es wohl ſein, wenn man fitht Er ſchloß die

Augen, verharrte reglos, dachte, er ſei geſtorben. Langſam be⸗

mächtigte ſich eine Art Ruhe ſeines ganzen Körpers, und er hatte das Gefühl, daß dies gut ſei. Doch ſetzte er ſich gleich wieder auf, taſtete ſich ab, ob er noch lebe?

Ein anderes Mal wieder hörte er, wie ihn die Mutter rief:

Komm mit mir, Hildebrand! Sie faßte ihn bei der Hand; ihre Hand war kalt, und ſie führte ihn fort.

Ein Begräbnis iſt eine ſchöne Sache. Er dachte an die prunk⸗ vollen, langen Züge, an die ſchwarzen Roſſe, die vielen Kränze, an Prieſter und Kutſcher.. Der Tod aber iſt ſeltſam, ſtumm und ſchwarz...

Und auch die Kälte iſt nicht gut, und auch die zerſchliſſene Decke nicht, und auch das abgeſtandene Gemüſe nicht.

Abend für Abend, wenn er in der engen Werkſtatt allein blieb, jagten an ihm dieſe vielen Dinge vorbei. Oft dünkte ihn, als ſtünde die Mutter neben ihm, ſtreichelte ſeinen Kopf, ſeufzte und ſpräche von jenem Manne, der nach Amerika gefahren und nicht mehr zurückgekehrt war.

Er griff unter das Kiſſen. Dort hatte er das kleine, bunte Heftchen verſteckt, in dem er allabendlich las. Sherlock Holmes... Detektivroman. Heft 5.. Er begann zu leſen. Vergaß die Kälte, den Hunger, verſchlang die ſchwarzen Buchſtaben. Der Detektivkönig findet auf der Straße eine blutige Manſchette, hebt

ſſie auf, folgt den Spuren, geht in die Spelunke, entdeckt dort den

Mörder, belauſcht ſein Geſpräch, wird erkannt. Man will ihn töten, er verteidigt ſich, zertrümmert die Lampe, verſchwindet, fücht in den Keller, kriecht in ein Faß, wird geſucht, nicht ge⸗ unden, ſchlüpft dann hervor, erbricht die Eiſentür des Kellers, Flangt auf den Hof, auf die Straße.. wird bemerkt, ver⸗ olgt...

Herrlich!.*

So ſah er es auch im Kino.

Er ſetzte ſich auf.

Vernahm den Lärm der Verfolger. Mein Gott! Sie werden ihn doch nicht erwiſchen!...

Er wurde ſchläfrig. Streckte die Hand aus, drehte den Hahn ab, kehrte ſich der Wand zu und ſchlief ein. Er ſchreckte hin und wieder aus dem Schlaf.

Tut mir nichts ſtöhnte ertut mir nichts.. wehe...

3.

Als Meiſter Sovek um halb acht morgens in die Werkſtatt kam, fand er die Tür verſchloſſen. Er begann zu pochen, erhielt jedoch keine Antwort. Auf den Lärm kam auch der Friſeur herbei und riet, einen Schloſſer zu holen, denn vielleicht ſet dem Knaben ein Anglück zugeſtoßen.