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Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
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verlacht gern fremde und eigene Schwächen, iſt helläugig und hell⸗

hörig für ſie, wie er zugleich empiindſam iſt für alles Leid. Der natürliche Menſch iſt demokratiſch geſinnt, und es gibt kaum eine Dichtung, die ſo tief von echter demokratiſcher Geſinnung erfüllt iſt wie unſre Volksmärchen, neben den Volksliedern, den Schnurren und Schwänken das reinſte poetiſche Volksgut, das wir beſitzen.

Vor einigen Wochen brachte der Simpliziſſimus eine ſcharfe Satire auf den Reichsminiſter Dr. Külz, den Verteidiger des Schundgeſetzes. Die Zeichnung zeigte den Miniſter als den Ritter Blaubart des deutſchen Volksmärchens, der mit grauſamer Hand die zarten, nackten und deswegen wohl als unſittlich geltenden Märchenſchöpfungen durchpeitſcht. Daß ausgerechnet ein Geſetz der ſich als demokratiſch bezeichnenden Republik dieſe Satire veranlaßt hat, iſt nicht ohne Ironie. Verſtändlicher wäre ein ſolcher Anlaß im vergangenen Kaiſerreich geweſen. Seinem undemokratiſchen Zeitgeiſt hätte das demokratiſche Märchen unangenehm ſein und gefährlich erſcheinen können. Niemals ſind ja Thron und Kirche, König und Pfaffe, der Beſitz von Geld, Titeln und Ämtern un⸗ verblümter, ſchärfer und kritiſcher gezeichnet worden als im Volks⸗ märchen. Faſt endlos iſt der königliche Reigen, der aus dem Märchen herausſteigt. Mag er immerhin geführt werden von einer kleinen Gruppe ehrſamer, würdevoller Könige, dieſen Wunſch⸗ und Sehnſuchtsgeſtalten des einfachen Volkes, viel größer iſt die Zahl der königlichen Narren, der Einfältigen, Beſchränkten und Feigen. Ihnen folgen, nicht minder zahlreich, als düſterer Schluß die königlichen Mörder, die Tyrannen, die gekrönten Egoiſten und Irren. Ähnlich iſt ein zweiter Zug mit den klugen, ſchönen und heldenhaften, ſehr oft aber auch dummen, falſchen und boshaften Prinzen und Prinzeſſinnen, im weiteren Gefolge die eitlen

Miniſter, die törichten Kämmerer, die unehrlichen Schatzmeiſter,

die ungerechten Richter, die betrügeriſchen Kaufleute und nicht zuletzt die große Zahl der heuchleriſchen und gottloſen Pfaffen, die im Märchen ja ſelten das ſind, als was ſie erſcheinen möchten.

Unſere Volksmärchen ſind alſo ein durchaus revolutionärer Leſeſtoff. Dieſe Feſtſtellung berührt faſt komiſch, um ſo mehr, als wir gewöhnt ſind, ſie meiſt nur als Lektüre für das Kind zu

betrachten. Das Märchen als dichteriſches Zeitdokument zu

nehmen, als wertvolle Quelle im Kulturgeſchichtsunterricht zu verwenden, wem fiele das wohl ein? And doch ſpiegelt ſich in ihm, nicht immer ganz klar, für den, der es zu leſen weiß, aber doch deutlich, das Geſellſchafts⸗ und Geiſtesleben von Menſchheits⸗ epochen, über die uns andres, tatſächliches Quellenmaterial ſehr oft fehlt. Was iſt allein aus der Fülle der verſchiedenartigſten Königsmärchen zu leſen? Sie ſpiegeln nicht nur den ſich in grau⸗ ſamer Willkür, in brutalem Machtwahne, in Mord, in Ver⸗ bannung und AUnterdrückung aller Gegner austobenden Fürſten⸗ individualismus und Abſolutismus, ſondern offenbaren in der Unzahl ihrer Königsnarren, der königlichen Dummköpfe und Haſenfüße zugleich Unzulänglichkeit des Königstums. Andre zeigen den Machtwillen der Kirche, die Bevorrechtung des Beſitzes, die Korruption der Verwaltung, die Entrechtung und Anterdrückung der Beſitzloſen, den Hohn und Haß wider die Juden, die Ver⸗ dammung und Vernichtung der Andersgläubigen.

Nicht ohne Grund liebt das Märchen die Gegenüberſtellung von gut und böſe, arm und reich, von hoch und niedrig. Der

Einfältige des deutſchen Märchens und wohl jedes Volksmärchens, der Tölpelhans, der Dumme und Faule, ſie alle ſind nichts andres

geborene dichteriſche Ausdruck

als der aus demokratiſcher ausgleichender Rechtsgeſinnung heraus gebo des ewig Unter⸗ drückten. Und es iſt eben dieſes Gerechtigkeitsgefühl des Volkes, das den Einſältigen und in ihm immer ſich ſelbſt dem angeblich Klugen, dem Bevorrechteten, dem Pfaffen, dem Miniſter, ja dem Könige ſelbſt überlegen ſein läßt.

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Wie kommt es nun, daß das Märchen heute ſo ausſchließlich als Kinderdichtung betrachtet wird, und wie iſt es möglich, daß Kinder ſich ſo heimiſch in den alten Märchen fühlen, deren Lebens⸗ inhalt dem unſrer Zeit ſo abgewandt iſt? Nun, der Urſprung des Volksmärchens fällt in eine Zeit, die völkerbiologiſch als Völker⸗ kindheit zu bezeichnen iſt und in der eben jener Geiſteszuſtand vor⸗

errſchte, der das Märchen formte, ein Geiſteszuſtand, der das uns eute unmöglich erſcheinende Fühlen und die in ihm wurzelnde Anſchauung von Gut und Böſe, von Gerechtigkeit und Sühne, von Wert und Unwert bildet. Die Völker ſind aus ihrer Kinderzeit herausgewachſen, ſind zu aufgeklärten Erwachſenen gereift, die ihre einſtige kindliche Einfalt belächeln und ſie zugleich als. Kind⸗ heitserinnerungen aufſchreiben. In ſeinem individuellen Leben durchlebt aber jeder einzelne Menſch auch heute noch dieſe Kind⸗ heitsperiode, und er fühlt in ihr noch einmal wie die Menſchen der Völkerkindheit. Darum ſein völliges Eingehen in das Märchen, in ſeine Atmoſphäre, ſeine Wertwelt, ſeine ſittlichen Anſchauungen. Weil das Kind in dieſer Zeit aber ganz der Märchenwelt angehört, iſt die Befürchtung, der nach unſern Anſchauungen keineswegs ſittenreine Inhalt des Märchens könne das Kind verrohen, unbe⸗ gründet. Das Kind weiß ja noch kaum etwas von der Exiſtenz unſrer zeitlichen Welt. Im Augenblicke jedoch, wo für das Kin die Märchenſchleier fallen, iſt der Einfluß der realen Welt, der Zwang ſeiner Anſchauungen auf das Kind ſo ſtark, daß es nur kurze Zeit dauert, um es von den Reſten ſeiner Märchenethik zu befreien und ihm Teufel und Hexen, Galgen, genagelte Todes⸗ küiſer und den ganzen phantaſtiſchen Märchenſpuk vergeſſen zu machen. 2

Doch nein, nicht alles vergißt das Kind. Da ſind Perſonen im Märchen, die mit herausſteigen und das Kind ins Leben be⸗ Beiten, Eine ſolche unſterbliche Märchengeſtalt iſt die Stiefmutter. Sie kann nicht im Märchen bleiben, weil ſie auch im heutigen Leben exiſtiert, weil das kindliche Leid, das vielleicht vor Jahr⸗ tauſenden nicht einmal, ſondern hundertmal und mehr die Stief⸗ mutter ins Märchen hineindichtete, ſie noch heute dichtet.

Andre Geſtalten der Art ſind König, Prinz und Prinzeſſin. Das Leben kennt eben noch Könige. Nun erſcheint vielen dieſes Fortleben des Märchenkönigs ganz beſonders beängſtigend. Warum? Weil nach ihrer Meinung die Kinder allzuſehr mit der Exiſtenz eines Königs vertraut gemacht werden. Das iſt richtig, aber man ſollte ſich doch vergegenwärtigen, was für einen König das Kind im Märchenbuche kennen lernt. Doch nur ganz ſelten einen, der ihm verehrungswürdig erſcheinen müßte. Kann ein Kind an dem feigen, lächerlichen Könige im tapferen Schneider⸗ lein etwas Erhabenes finden? Weckt die grauſame, hoffärtige Königin im Schneewittchen nicht Haß?

Darum kann das Märchen geradezu revolutionärer Leſeſtoff ſein, wenn es nur richtig geleſen wird. Man muß es nur nicht rührſelig, ſentimental, verlogen erzählen oder ſpielen, ſondern aus dem Geiſte heraus, der es gedichtet hat, muß dem König, den das Märchen lächerlich zeichnet, nicht den Purpur umhängen, ſondern ihn, wie es der Spieler im Schneewittchen tat, auch wirklich in Unterhoſen zeigen. Karl UlIlrich.

Raſch dreht die Welt, weckt Reu und Leid; Zu Ende geht's, ihr Spötter!

Wir fordern euch zum großen Streit,

Wir Rieſen der modernen Zeit

Euch fleiſchgewordne Götter.

Türmt Stein und Eiſen um euch auf Mit Wimmern und mit Beten:

Das Volk, das Volk ſtürmt an zu Hauf, Die Tyrannei im Sturmwindlauf

In Nacht und Staub zu treten.

Dann bricht die Götzendämm'rung ein, Die ſtolzen Höhen rauchen;

Wir Knechte werden König ſein, Und lächelnd wird aus trübem Schein Die neue Erde tauchen.

Aus der Sammlung von Gedichten des luxem⸗ gt

burgiſchen Dichters(Verlag von Georg Weſter⸗ mann, Braunſchweig und Hamburg).

Das Bild in der zehntel Sekunde

In den letzten Wochen gelangten aufſehenerregende Berichte in die Öffentlichkeit, wonach es gelungen ſein ſollte, nicht nur Muſik und Wort drahtlos über den Ozean nach Amerika, ja

um den ganzen Erdball zu ſchicken, ſondern auch Bilder und die Geſchehniſſe und Vorgänge an einem Ort, auf dem Wege der drahtloſen Bildübertragung überall und jederzeit wiederzugeben.

Bis jetzt eilen dieſe Berichte den Tatſachen voraus, aber vorausſichtlich wird es nicht mehr lange dauern, daß eines der vielenFernſehſyſteme ſich praktiſch verwenden laſſen wird. Das

Syſtem, das nach dem heutigen Stande große Ausſicht hat, ſich

durchzuſetzen, iſt derFernſeher des ſchottiſchen Ingenieurs Baird. Auch dieſes Syſtem beruht auf der Methode, Bilder und bildliche Darſtellungen, die drahtlos übertragen werden ſollen, mit Hilfe ſtarker Lichtquellen zu beleuchten und dann durchAb⸗ taſtvorrichtungen in Geſtalt von rotierenden Loch⸗ und Schlitz⸗ ſcheiben Punkt für Punkt des Bildes entſprechend ſeiner Tönung und Schattierung dem Bildſender zuzuführen. Wie dieſe Abtaſt⸗ und Zerlegungsvorrichtungen arbeiten und wie Bildpunkt für Bildpunkt im Bairdſchen Fernſeher verarbeitet wird, darüber wird von Dr. P. Lertes im ſoeben erſchienenen Heft 3 der Radio⸗Umſchau, der illuſtrierten Wochenſchrift über die Fort⸗ ſchritte im Rundfunkweſen, ausführlich berichtet. Grundbedingung für das Zuſtandekommen eineselektriſchen Fernſehens iſt demnach, daß die Abtaſtvorrichtungen imſtande ſein müſſen, ein ganzes Bild in einer zehntel Sekunde und die einzelnen Bild⸗ elemente in einer hunderttauſendſtel Sekunde zu erfaſſen und weiterzubefördern. Dasſelbe Heft derRadio⸗Umſchau berichtet ferner mit reichen Bildbeilagen über die Bedeutung von Radio für die Hebung der Bildung in Rußland und weiter über einen neu⸗ artigen RadioempfängerSupradyne, der in ſeinem Aufbau und in ſeiner Wirkung etwas ganz Neues auf dem Gebiet des Radio⸗Empfängerbaues darſtellt. r1