überaus reinlichen Menſchen widmen der Pflege ihres Haares
beſondere Aufmerkſamkeit, ſo daß keine Läuſe bei ihnen gefunden
werden. Der Forſchungsreiſende konnte ihnen ruhig ſeinen Kamm anvertrauen. Die Pflege des Mundes und der Naſe wird eben⸗ falls von ihnen geübt. Ihr Körper iſt nur wenig verunſtaltet, nur für das Tragen des Schmuckes werden die Ohrläppchen durch⸗ bohrt, die Frauen tragen Baumwollbinden an den Beinen, Tätowierung findet ſtatt. Bis auf einen knappen Lendenſchurz, der von dem ſechſten Jahre an angelegt wird, ſind dieſe In⸗ dianer völlig nackt, wenn ſie auch bald Gefallen an der Kleidung des Reiſenden fanden. Steinäxte und Keulen werden bei ihnen nicht geſunden. Ihre Waffen ſind zwei Meter lange Bogen und Pfeile, die ſie auf weite Entfernungen hin mit außerordentlicher Geſchicklichkeit handhaben. Dolchmeſſer wurden dem Forſcher be⸗ ſchrieben, ohne daß es ihm jemals gelang, ſolche zu erhalten. In die zentral gelegenen Dörfer zu gelangen, war unmöglich. Die Behauſungen ſind verſchieden groß, meiſt 8 bis 20 Meter lang, 6 Meter breit und ungefähr ebenſo hoch. Wenig Hausgerät iſt vorhanden; Hängematten ſpielen eine große Rolle. Die Haupt⸗ nahrung dieſer wilden Stämme bilden Mais, Mandioka, Bataten. Unter den Induſtriepflanzen iſt die Baumwolle vor allen zu nennen; Jagd und Fiſcherei bieten reichliche Nahrung. Feuer wird mittels des Holzbohrers gebohrt. Große Neugierde erregten die Streichhölzer, die vielfach als Genußmittel begehrt wurden. Die Geſchlechter leben äußerſt friedlich. Frauenmißhandlungen wurden nicht beobachtet. Mann und Weib leben in völliger Gütertrennung, und ſelbſt das Eigentum der Kinder(die von den Eltern gut behandelt werden), wie z. B. ihr Spielzeug, wird von den Eltern reſpektiert. Der Reiſende war vor Diebereien gewarnt worden, die er aber nicht feſtzuſtellen vermochte.
Was die religiöſen Vorſtellungen betrifft, ſo tritt ein ge⸗ wiſſes abergläubiſches Moment ſtark hervor. Alpdruck bedeutet die Rückkehr der Toten, die man vor der Beſtattung bemalt, während man ihre Kriegspfeile zerbricht und verbrennt. Der Krieg iſt bei dieſen Indianern ein Sport, der Kopf des Feindes eine begehrte Trophäe. Man ſchlägt ihn ab, zieht die Haut her⸗ unter und räuchert den Schädel, den man beim Siegesfeſt um⸗ tanzt. Gefangene werden nicht gehalten, ſondern nach kurzer Zeit erſchlagen und verzehrt. Für den Krieg bereitet man ſich durch Bemalen des Körpers vor. Wiſſenswert iſt noch, daß die Kavahib⸗ Indianer weder den Genuß des Tabaks noch eines anderen Schnupfmittels kennen, das bei den übrigen Indianerſtämmen Braſiliens überaus häufig iſt. Sie kennen auch keine Haustiere, keine Hunde, ſondern höchſtens gezähmte Papageien, deren pracht⸗ volle Federn den Kopfſchmuck der Krieger bilden. Im Kampfe gegen die Ziviliſation werden auch dieſe Stämme wie andere ver⸗ wandte leider reſtlos zugrunde gehen, ſo daß es höchſte Zeit er⸗ ſcheint, ihre Reſte ethnologiſch und anthropologiſch kennen zu lernen und ſie der Wiſſenſchaft aufzubewahren.
Der König in Anterhoſen
In einem beſcheidenen Vorſtadttheater wird Schneewittchen geſpielt. Viele hundert Kinder ſitzen im großen, nüchternen Saale und brennen ihre Augen immer heißer in das einfache bunte Spiel, das ſich in wechſelnden Bildern wie ein Buch vor ihnen aufblättert. Sie ſind gefangen. Ungebändigt bricht ihr Lachen aus der Dunkelheit zu den Spielern vor, die ſich ob dieſer Anteil⸗
nahme ſelbſt kaum der Bewegung erwehren können. Elfmal ver⸗ löſcht und erhellt ſich die Bühne, bis das Schlußbild kommt und mit ihm die eindrucksvollſte Figur des farbigen Geſtaltenreigens: Der König von der Moritzburg. Aber nicht in Glanz und Purpur, ſondern— in Unterhoſen. Ja, wahrhaftig, in Unterhoſen. Die Kinder ſind außer ſich vor Vergnügen.„In Unterhoſen!“ Sie lachen und überlachen noch den rührſamen Schluß des Spieles. „Und wie gewöhnlich er ſprach!“
Noch auf dem Heimwege, nach Tagen, ja ſelbſt nach Wochen konnten ſich die Kinder nicht von dem erheiternden Eindrucke be⸗ freien, den der Unterhoſenkönig in ihnen hervorgerufen hatte.
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Von den Erwachſenen war jener König von der Moritzburg
im Schneewittchenmärchen unſchwer als die gelungene Karikatur eines unſrer zahlreichen Exfürſten wiederzuerkennen. Nichts aber wäre irriger, als dieſe Spielfigur des Märchens ihrer unzweifel⸗ haften Beziehungen zum zeitlichen politiſchen Leben wegen als märchenwidrig anzuſehen. Sie war im Gegenteil die am glück⸗ lichſten gezeichnete Geſtalt des Spieles, denn ſie war lebensgetreu trotz aller Steigerung ins Komiſche, was im gleichen Maße weder vom Schneewittchen noch von den übrigen Figuren geſagt werden konnte, die allzuſehr ſtarres Schema blieben.
Es iſt das Weſen des echten Volksmärchens, in ſeinem Hand⸗ lungs⸗ wie in ſeinem Geſtalteninhalt ein möglichſt wahres Spiegelbild der Zeit zu geben, natürlich der Zeit, in der das Märchen ſich ſormte. Ein tauſend Jahre altes Volksmärchen kann unmöglich unſre Zeit ſpiegeln. Im gleichen Sinne iſt aber auch das moderne Märchen unecht, das ſeinen Inhalt einer für uns unſinnig gewordenen Erſcheinungswelt entlehnt. Wünſchenswert, ja notwendig iſt es dagegen, daß ſich das alte Märchen da, wo ſich ſein Inhalt noch mit unſrer Zeit berührt, auch mit neuzeitlichem Lebensatem füllt. Das war eben der Fall bei der Figur des Königs von der Moritzburg. Dadurch, daß ſich der Spieler nicht an ein romantiſches Königskliſchee hielt, ſondern ſeine zu ſpielende Rolle am realen Leben orientierte, wurde dieſe weſent⸗ lich lebendiger, ja geradezu neu gedichtet, und es war auffällig, in welch erfriſchender Weiſe ſie ſich im Spiele abhob.
Nun könnte man ſagen, daß eine ſolche Moderniſierung des Märchens wohl zuläſſig und vielleicht auch reizvoll wäre, daß man mit ihr aber den kindlichen Charakter des Märchens zerſtöre. Dem iſt zu entgegnen, daß das Märchen urſprünglich ja gar keine kind⸗ liche Dichtung im heute gebrauchten Sinne war, daß es vielmehr als allgemeine Volksdichtung entſtand, und daß es als dieſe jeder⸗ zeit weit davon entfernt war, irgendwie romantiſch zu ſein, viel⸗ mehr ſeinen Charakter gerade durch ſeine völlig unliterariſche Realiſtik erhielt. Das Volksmärchen war naiv gedichtetes Volks⸗ leben, von unbedingter Echtheit in allen ſeinen Weſenszügen. Es war echt in ſeiner Derbheit wie in ſeiner Sanftmut, in ſeiner Grauſamkeit wie in ſeiner Milde, in Frömmigkeit wie Gott⸗ loſigkeit, in ſeiner Wahrheit wie in ſeiner Lüge. Das rohe Gefühl, die manchmal ſadiſtiſch erſcheinende Luſt, die aus der Freude in
den im Märchen erfolgenden Hexenverbrennungen und andern
qualvollen Hinrichtungen ſpricht, iſt ebenſo Ausdruck der Volks⸗ ſeele wie die ſüße Innigkeit, die die ſchönſten unſrer alten Märchen durchtönt. Der natürliche Menſch weiß nichts von jener ſenti⸗ mentalen Verlogenheit, die die allzu häufige Atmoſphäre unſrer literariſchen Schöpfungen bildet. Er ſpricht aus, was er fühlt und denkt, und kennt keine Scheu vor Menſchen und keine vor Göttern,
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Die Schmiede Von Nikolaus Welter
Verblutet war ein müder Tag
Und Erd und Himmel ruhten;
Doch drüben, wo die Schmiede lag, Da füan Geſtampf und Hammerſchlag, Da ſtand das Tal in Gluten.
Die Halle ſteigt voll roten Lichts,
Ein Zwinger, breit und drohend!
Und plötzlich durch die Ziegel bricht's Wie Flammenſchwall des Weltgerichts, Die ſchwüle Nacht durchlohend.
Und ſchwarz drängt durch das rote Tor Der Hünenſchwarm der Schmiede;
Die Hämmer blitzen ſchwer empor,
Der Zorn wälzt ſeinen Donner vor, Der Donner wird zum Liede.
„Des Tages Not, der Nächte Fron, Wann ſoll's ein Ende finden?
Man würgt ſich müd an Haß und Hohn Und muß für einen Hungerlohn
Sich ſchier zum Krüppel ſchinden.
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Sie auteln und kutſchieren draus, Die hochmutſatten Gäuche;
Sie praſſen frech in Saus und Braus Und ruh'n auf Daunenkiſſen aus Die goldbehängten Bäuche.
Und hockt zu Hauſe Weib und Kind
Wie gramverzehrte Leichen;
Sein Spottlied pfeift dazu der Wind,
Wenn frierend ſie die Schwarzbrotrind Im Quell der Tränen weichen.
Wir ſtehn in Schweiß und ſchnödem Zwang Gefeſſelt ganz wie Sklaven;
Sie ſchwolden froh bei Becherklang,
Sie ſcherzen roh bei Dirnenſang,
Sie liebeln und ſie ſchlafen.
Zerrt ſie heraus, ſchleppt ſie herbei! Nun ſteht und lauſcht, ihr Schlemmer: Von Frau'n⸗ und Kinderwehgeſchrei Dröhnt euch ins Ohr die Melodei Beim Zornestakt der Hämmer.
Ihr ſeid die Macht, wir ſind die Zahl, Doch auch das Erz der Berge;
Euch ward die Luſt, uns ward die Qual, Nur ſchmieden wir uns ſelbſt den Stahl, Der bannt das Gold der Zwerge.


