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„Gaſtwirt und Poet dazu..“
Zum 60. Geburtstag Ernſt Zahns am 24. Januar Von Dr. Christian Rodegg
Der kerngeſunde, auf das Praktiſche gerichtete und mit einem ſtarken Hang zum Lehrhaften gepaarte Wirklichkeitsſinn, der das Schweizer Bürgertum in ſo ausgeſprochenem Maße kennzeichnet, iſt auch ein Hauptcharakteriſtikum ſchweizeriſchen Schrifttums. Wie Gottfried Keller ſeinem Dichterruhm durchaus nichts zu vergeben glaubte, wenn er als wohlbeſtallter Staatsſchreiber des Kantons ſeine Arbeit auf der Züricher Amtsſtube Tag für Tag treu und gewiſſenhaft verrichtete, ſo geht auch Ernſt Zahn, der Wirt des Bahnhofsreſtaurants in Göſchenen, ſeinen proſaiſchen Geſchäften nach, ohne daß der Alltagsberuf ſeinem dichteriſchen Schaffen Abbruch täte. Der„Gaſtwirt und Poet dazu“ hat es ganz im Gegenteil verſtanden, aus dem brauſenden Strom des internatio⸗ nalen Verkehrs, der an dieſem Kreuzungspunkt vorüberflutet,
reiche Anregung für ſeine ſchriftſtelleriſche Arbeit zu ſchöpfen.
Denn das Goethewort:„Zum Sehen geboren, zum Schauen be⸗ ſtellt“ gilt für keinen mehr als für den Bahnhofswirt von Göſchenen, deſſen Novellen und Romane ſich auch in Deutſch⸗ land ein feſtes Heimatrecht erworben haben. Ihm ſchärften der Alltagsberuf und die ſtändige Berührung mit dem Leben nur den Blick, und die geſchäſtige Muße wurde ihm ſo zum Genuß, zur Erholung in der Kunſt. Er ſelbſt bekennt, daß die bürgerliche Betätigung, weit entfernt, der künſtleriſchen feind zu werden, ihm vielmehr ſo etwas wie der„Bogenſpanner“ war, der dem Schützen die Waffe reichte. Der Schaffende empfing ſe unbewußt manche Anregung, die oft viel ſpäter Geſtaltung erfuhr.
Ernſt Zahn iſt am 24. Januar 1867 als Sohn eines Deutſchen geboren, der in Zürich eine Kaffeehauswirtſchaft betrieb. In dieſem„Café Literea“, in der Storchengaſſe, verkehrte damals als Stammgaſt regelmäßig Gottfried Keller, ſo daß man ſagea darf, der Schutzgeiſt der deutſch⸗ſchweizeriſchen Dichtung habe im wahren Sinne des Wortes an der Wiege ſeines Landsmannes und dich⸗ tenden Nachfahren geſtanden. Auf dem Gymnaſium in Zürich war Ernſt Zahn ein ſchlechter Schüler, der vom Wiſſendurſt weniger als von der Leidenſchaft des Verſemachens geplagt wurde, eine hoffnungsloſe Leidenſchaft, die ihm bei Lehrern und Mitſchülern
— 2—Q—ę—;—O—n Ein Go dſchatz von Liebe, wenig ſichtbar bis auf ein end ich ein Geiſterwort hebt und der Meuſch den alten Reichtum entdeckt
nur Hohn und Spott eintrug. Beſſer ging es ihm in dem Breigen⸗
ſteinſchen Inſtitut zu Grenchen, wo er einen Lehrer fand, der ſeinen unruhigen Geiſt zu feſſeln wußte, und der daneben für die dichteriſchen Verſuche des Schülers teilnehmendes Verſtändnis zeigte. Als er die Schule verlaſſen hatte, beſchloß Zahn, ſich dem Beruf des Vaters zu widmen. In Genf machte er zunächſt als Kellner die Lehrzeit durch, um ſich ſpäter in Italien und Eng⸗
land in ſeinem Fach weiterzubilden. Nach ſeiner Rückkehr trat er
als Gehilfe in das Geſchäft des Vaters ein, der inzwiſchen von Zürich in die einſame Bergwelt des Gotthard übergeſiedelt war
und in Göſchenen die Bahnhofswirtſchaft übernommen hatte. Trot
ſeiner Jugend wurde der zwanzigjährige Gaſtwirtsgehilfe in den
Gemeinderat gewählt. Bald bot ſich ihm ein Anlaß, ſeine dichte⸗ riſche Begabung in den Dienſt der Allgemeinheit zu ſtellen. Bei
der Enthüllungsfeier des Denkmals für den Erbauer des Gott⸗
hardtunnels Louis Fapre und die mit dieſem im Jahre 1879 ver⸗
unglückten Arbeiter auf dem Friedhof von Göſchenen ſprach der junge Gemeinderat ein von ihm verfaßtes Feſtgedicht, das dann auch in einer Luzerner Zeitung abgedruckt wurde, und dem raſch eine Reihe von Profaſchriften folgte. Als ſich dem Verfaſſer vollends die Spalten der angeſehenen„Neuen Zürcher Zeitung“ öffneten, und als er im Jahre 1892 dann noch mit ſeiner Novelle „Kämpfer“ einen Preis davontrug, wurde ſein Name ſchnell be⸗ kannt, Eine Reihe von Novellenbänden, in denen ſich Zahn als Meiſter der monumentalen Skizze zu erkennen gab, warben ihm auch im Ausland Freunde und Verehrer. Den kurzen Erzählungen reihten ſich die Romane„Erni Berheim“,„Albin Indergrand“, „Einſamkeit“,„Frauen von Tanno“ an. Dieſe Werke machten Zahn zum Neubegründer der Hochgebirgspoeſie und zeigten ihn
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auf der Höhe ſeiner Kunſt, die in der ſeeliſchen Vertiefung und
dem epiſchen Pathos der wie aus Granit gemeißelten Sprache mit
der Wucht eines elementaren Naturereigniſſes wirken..
Was Zahns Werk die beſondere Note gibt, iſt die glückliche Verbindung eines überzeugten Idealismus der Welt⸗ und Lebensanſchauung mit einer urwüchſigen Realiſtik der Menſchen⸗
und Naturſchilderung. Der Anſchauungs⸗ und Darſtellungskreis
iſt zwar dabei, beſonders in den früheren Werken, ſo eng um⸗
ſchrieben, wie die Skala an Charakteren, Schickſalen und Pro⸗
blemen klein iſt. Aber paräde in dieſer Beſchränkung des Selbſt⸗ erlebten und Selbſtgeſch
andſchaftlichen Umwelt verknüpft und verwurzelt, daß die
auten liegt die Größe ſeines Schaffens. Kehren die Geſtalten der Bauern⸗ und Dorftypen auch wieder, 3 ſind ſie doch tauſendfach abgewandelt und ſo unlöslich mit der
Menſchen zu Naturkräften und ihre Schickſale zu elementaren
Naturkataſtrophen werden. Alles drängt zu ſtarken Kantraſten
und tragiſchen Höhepunkten, und ſo ungeſtüm, wie der Knoten der Handlung geſchürzt iſt, ſo gewaltig und rückſichtslos iſt oft auch die Löſung herbeigeführt. Daß dieſer Beobachter großen Stils und Meiſter monumentaler Naturſchilderung in ſeiner Berg⸗ einſamkeit nicht zur Manieriertheit und Einſeitigkeit erſtarrt iſt, bezeugen ſeine letzten Schöpfungen, in denen Zahn beſtrebt iſt, ſeine Probleme im Sinne moderner Zeitſtrömungen zu vertiefen und ſeeliſch differenzierte Charaktere in den Kreis der Dar⸗ ſtellung zu ziehen.
Ein deutſcher Forſcher bei menſchenfreſſenden Indianern
In Zentralbraſilien, an den Ufern des Amazonas, vor Altn— eute
aber an denen ſeiner ſüdlichen Nebenflüſſe, gibt es noch wilde Indianerſtämme, die der Menſchenfreſſerei huldigen. Mit
dieſen ſogenannten freien Indianern ſucht die Regierung des
Staates Manaos ſeit Jahren in Verbindung zu treten; ſie hat aber bisher nur ganz ungenügende Erfolge gehabt. Auch iſt es
kaum einem Fremden gelungen, auch nur über die äußerſten
Grenzgebiete vorzudringen, geſchweige denn einen Schritt ins
Innere der Indianerſiedlungen zu tun. Seit mehr als 80 Jahren
trotzten die Stämme dem Eindringen des weißen Mannes. Der in den Urwäldern des Amazonas Kautſchuk ſuchende Sering⸗
gueiro iſt mehr als einmal das Opfer tückiſcher überfälle der⸗ letzten Jahren
Indianer geworden. Immerhin haben in den letzten Jah mutige Forſchungsreiſende verſucht, dieſe merkwürdigen Gebiete aufzuſuchen, und Koch⸗Grünberg, der berühmte deutſche
Forſcher, der ſich einer amerikaniſchen Expedition angeſchloſſen
hatte, hat mit an dieſer Aufgabe zu wirken verſucht, die zu löſen ihm nicht mehr beſchleden ſein ſollte, da er beim Aufbruch vom
Rio Negro aus dem mürveriſchen Fieber erlag. Sein Begleiter
Dr. Dengler, der ſich ebenfalls der amerikaniſchen Expedition
angeſchloſſen hatte, aber ebenfalls infolge einer Fiebererkrankung zurückbleiben mußte, hat allein eine Expedition unternommen, die
ihn in das zwiſchen den Flüſſen Madeira, Giparana und
Manoelles gelegene, bisher von keinem Weißen betretene Gebiet wo auf 22 000 Quadratkilo⸗ meter dicht bewaldeter Fläche die Stämme der Kavahib⸗, Apai⸗
der Kavahib⸗Indianer brachte, rande⸗ und Kavawa⸗Tupi⸗Indianer wohnen. Nur einige Hunderte zählen dieſe Stämme; dennoch haben ihre wenigen Krieger dem Eindringen der Fremden bis heute erfolgreich Widerſtand geleiſtet. Man hat ſich ihnen nur durch Geſchenke langſam nähern können. Es iſt Dr. Dengler, Der eine Zeitlang unter dieſen Menſchen wohnte, ihre zentralen Siedlungen jedoch nicht erreichen konnte, gelungen, mancherlei Wiſſenswertes über ſie zu erfahren, worüber er dieſer Tage der Anthropologiſchen Geſellſchaft in Berlin berichtete.
Die Kavahib⸗Indianer ſind kräftige, ſchöne Geſtalten, von rötlich⸗gelber Hautfarbe; ihr Geſicht iſt heller als der übrige Körper, ihre Haare von ſchwarzer bis dunkelbrauner Farbe. Die


