„Sachte, ſachte,“ wehrte Danton ab,„noch iſt das nicht ſo einfach, wie es dir Aſcheint, mon éhér.“ Ein langer Blick des Revolutionärs fiel auf die dreißigjährige Frau. Die ſtand da, gleichgültig und müde gegen das, was ihr widerfuhr; ſie trug noch die Hausrobe, in der man ſie drei Tage vorher morgens aus ihren Räumen geholt, purpurrote, zerknitterte Seide. An den
Schultern waren die Tragbänder zerriſſen und Danton, der zeit⸗
lebens nicht nur eines, ſondern zwei Augen auf die Frauen ge⸗ worfen hatte, ſah, daß die Schultern der Angeklagten von unge⸗ wöhnlich ſüüner Wölbung waren. Die Frau ſpürte den Blick des Mannes. Sie ſtreckte ſich. eine evahafte Regung ſchüttete ihr einen Tropfen Hoffnung ins Herz, wobei ſie vergaß, daß ſie auf einem Platz ſtand, auf dem es keine Hoffnungen geben darf.
Und wieder wurden dieſelben Fragen an ſie geſtellt; diesmal aber von einer muſikaliſcheren Stimme, von einer Stimme, die Menſchen, Tiere und Steine bezaubert hatte.
„Angélique Fifo heißen Sie, Madame?“
„Ja, Monſieur Danton,“ erwiderte die Frau raſcher und leb⸗ hafter als zuvor.
„Gattin des Bankiers Fifo?“
„Ja, Monſieur Danton!“
„Sie ſind angeklagt, den Grafen Lagrace beſchützt zu haben? Peinlich, peinlich, ſehr peinlich, Madame. Wußten Sie das nicht, daß Lagrace ein Mitglied des Wohlfahrtsausſchuſſes erſtochen hat und ſeit acht Tagen überall geſucht wird in Paris?“
„Ich wußte das,“ ſagte die Frau und ſenkte den Kopf.
„Peinlich, peinlich, peinlich,“ murmelte der Revolutionär, „Sie ſind noch ſehr jung und Sie ſind auch lehr hübſch. Aber auf ſolchen Dingen ſteht der Tod. Unſere Geſetze ſind lakoniſch.“ „Ich konnte nicht anders,“ ſagte die Angeklagte und warf Kopf empor,„er war doch mein Gatte!“
„Ihr Gatte?“ rief Danton überraſcht,„ich denke Fifo?“ „Mein erſter Gatte. Der Bankier iſt mein zweiter.“
„Ah, das verändert die Tatſachen ja ganz koloſſal!“
„Seit wann ſind ſentimentale Motive Entſchuldigungen für Staatsverbrechen?“ ſagte da die eiskalte Stimme Robespierres, der ſoeben ſeine Unterſchriften beendigt und die letzen Worte mit angehört hatte.
„In Frankreich iſt die Liebe immer als das größte Ideal gehegt worden; alle Traditionen mögen wir ſtürzen, nun dieſe nicht!“ lenkte Danton entſchloſſen ein.
„Du wirſt immer ein Schürzennarr bleiben, Danton— und das Vaterland wird darunter leiden!“ 3
In dieſem Augenblick hob Robespierre ſein Lorgnon, um die Angeklagte genauer zu betrachten. Ehe Danton dieſer Anzüglich⸗ keit eine Erwiderung geben konnte, verſchlug ihm die ſeltſame Veränderung in Robespierres Geſicht die Rede. Dieſes Geſicht ſah zwar niemals aus, als rolle Blut unter ſeiner Haut, gelb
den
☛
und
papieren ſah es immer aus, wie Pergament; jetzt aber ſchi 5 Leichenbläſſe zu überziehen. Werg leß t ſchien es Dantons Blick flog von Robespierre zu der Angeklagten.
Und hier ſah er das zweite, leichenblaſſe Geſicht. Und nun kamen einige Reden, die der Umgebung nicht ganz verſtändlich waren.
„Bürgerin— hörte man die kalte, ſpitze Stimme des Dik⸗ tators— erheben Sie Anſpruch auf eine Reviſion Ihres Pro⸗ zeſſes? Soweit es mir bekannt iſt, haben Sie Ihre Tat geſtanden, und auf Beſchützung eines Royaliſten ſteht unvermeidlich der Tod. Und ganz beſonders in Ihrem Spezialfalle, wo es ſich um den Mörder eines unſerer Freunde handelt. Eine ſolche Reviſion hätte gar keinen Zweck, und daß die Motive, die Danton zu Ihrer Ver⸗ teidigung einwarf, bei Ihnen vollkommen außer Betracht kommen, de⸗ das wiſſen Sie doch ſehr genau, nicht wahr Bürgerin
0?.
8 Angélique Fifo ſah Robespierre ſteif und faſſungslos an. Thre Augen glitten über ſeine ſchwarze Sammethoſen hin, und der iktator, der die Beine übereinandergeſchlagen daſaß, rückte etwas nervös auf ſeinem Stuhle hin und her, als er dieſen Blick ge⸗ wahrte „Fifſo. Fifo. Fifo murmelte Danton ſtändig vor ſich hin.„Wo habe ich den Namen nur geleſen—?“ Und er fing an, unter ſeinen Papieren hin und her zu kramen.
. Endlich ſagte die Frau mit einem tiefen Atemzug:„Sie... Sie ſind der junge Advokat von damals?...“ und, die Hände angſtvoll geballt ans Kinn haltend:„Oh, oh, oh!“
Danton fragte:„Sag, Robespierre, kennt ihr euch? Schein⸗ bar, wie?“
Die fünf Finger der rechten Hand des tugendhaften Fana⸗ tikers griffen in ſeine Halskrauſe und neſtelten verlegen daran herum. Darauf ſagte er laut:„Die Vermutung, die mein Freund Danton ſoeben hier laut werden ließ, iſt richtig. Als ich vor einigen Jahren hierher nach Paris kam, führte mich ein Be⸗ kannter ein im Hauſe der Gräfin Lagrace. Um die Sitten des Adels damals bereits zu ſtudieren, willigte ich ein; jedoch fand ich in dem Hauſe der Gräfin ein ſolches lockeres Treiben, deſſen Schilderung ich mir erlaſſe, daß ich es bald wieder verließ. Der Graf war damals überhaupt nicht in Frankreich und die Gräfin hatte mit anderen Kavalieren ſo viel zu tun, daß ich— ein höh⸗ niſcher Seitenblick zu Danton— heute wohl behaupten kann, daß die Liebe der Gräfin nicht allzu groß geweſen ſein muß. Nicht wahr, Madame Fifo— er verbeugte ſich mit einer ironiſchen Galanterie— die Bürgerin iſt nie ſehr wähleriſch geweſen in ihrem Leben?“
Madame Fifo antwortete kein Wort. Sie ſah immer nur dieſen dünnen, mageren Menſchen an, der da oben mit böſe lächelnden Augen auf dem Richterſtuhle ſaß; ſie dachte wohl
74
Sprechchor„Der Morgen“(Arbeiterjungend⸗Verlag Berlin) gibt in blank gehämmerten Verſen ein optimiſtiſches Spiel für die proletariſche Jugend.
Heinrich Lerſchs„Manni; Geſchichten von meinem Jungen“ (Deutſche Verlags⸗Anſtalt, Stuttgart), ſind Zwiegeſpräche des Vaters mit ſeinem fünfjährigen Sohn. Alle Stufen der ſeeliſchen und geiſtigen Entwicklung eines Kindes ſind einfach und lebendig in kurze Geſchichten gefaßt, die ſich wie von ſelbſt kunſtvoll runden. Alle Nuancen kindlicher Wißbegier, bald rheiniſch ſchlag⸗ fertig und humorvoll, bald nachdenklich und intuitiv⸗wiſſend, ſchimmern durch dieſes kleine Buch, das in ſeiner Schlichtheit— was das Tatſachenmaterial anbelangt— faſt ſo aufſchlußreich iſt wie ein Kompendium der Pſychoanalyſe und das obendrein eine ausgezeichnete Erziehungsfibel für Eltern abgibt. Denn, wie Lerſch mit Manni über Gott ſpricht, und der Sohn den Vater eines Beſſeren über Menſchen, Kunſt, Maſchinen, Obrigkeit und Italien„belehrt“, das iſt nie zuvor mit ſolcher Unbekümmertheit aufgeſchrieben worden. Eltern, ſchentt euch ſelbſt dieſe Manni⸗ Geſchichten: ſie vermitteln mehr iſſen von der Seele eurer Kinder als ſogenannte pädagogiſche Werke.— Ein gleichzeitig (im Arbeiterjugend⸗Verlag) erſchienenes Gedichtbändchen„Stern und Amboß“ gibt, mit geringen Ausnahmen, eine geſchickte Wahl aus den bereits früher erſchienenen Gedichtbändchen Lerſchs. In derſelben Bücherreihe wird erſtmals eine geringfügige Auswahl aus Gerrit Engelkes Gedichten und Tagebüchern geboten:„Ge⸗ ſang der Welt“. Um die Weſenhaftigkeit dieſer großen, frühver⸗ ſtorbenen Begabung kennen zu lernen, genügen dieſe wenigen Gedichte nicht; ein rundes Bild der dichteriſchen Leiſtung iſt nur durch„Rhythmus des neuen Europa“(Diederichs, Jena) zu gewinnen.
Die beiden Bändchen von Lerſch und Engelke ſind von Walther G. Oſchilewſki mit einer ſchwungvollen Einleitung ver⸗ ſehen, die aber leider in Stil und Logik von undurchdringlicher Dunkelheit ſind. Wenn man Oſchilewſkis beide Vorreden über Lerſch und Engelke vertauſchte, paßte der bonnbaft ſche Phraſn⸗ ſchwall(ausgenommen die reichlichen Zitate) ebenſo hübſch auf den einen wie auf den anderen: d. h. auf keinen der ſehr eigen⸗ artigen und eigenwilligen Dichter. Die bourgeoiſe Gepflogenheit einer aufgeblaſenen Äſthetik wollen wir den Waſchzettel⸗ fobrikanten für ihr Geſchäft laſſen und nicht der gläubigen Ar⸗ beiterjugend bieten. Wenn man die ſchöne Aufgabe hat, über
8
zuweiſen hat.
dichteriſche Perſönlichkeiten von dem Ausmaß eines Lerſch und Engelke zu ſprechen, ſoll man beſcheiden verſuchen ſo klar als moög⸗ lich das ihnen allein Zugehörige, ihre beſondere Artung und die Kräfte ihrer Wirkung darzuſtellen. Aber man ſoll nicht, wie Oſchilewſki, die großen und einfachen Geſtalten der Dichter mit pathetiſcher Phraſeologie verhimmeln und die Jugend durch „Tiefſin“ verwirren.
Ebenfalls in der verdienſtvollen Reihe„Deutſcher Arbeiter⸗ dichter“ Levenva erſchien von Ernſt Preczang„Röte dich, junger Tag“: Verſe aus dem vergriffenen Gedichtwerk„Im Strom der Zeit“. In einem menſchlich ſchönen und anſpruchsloſen Geleitwort ſpricht der heute 56jährige Dichter zur Jugend: von der jahrzehntelangen Reſonanzloſigkeit, unter der die Arbeit der Alteren zu leiden hatte, und daß den Jungen von Heute Er⸗ üllung geworden iſt, was der vorigen Generation leuchtendes Ideal und Verheißung war. Die Gedichte ſind ausgeglichen in Formung, ſtark in der Bildhaftigkeit und makellos rein in ihrer Muſikalität. Die große Tradition unſerer Klaſſiker hat in ihren lebendigen Formelementen in Preczang einen Erben, der ihr neue Inhalte zu geben weiß.
Alfred Thieme iſt in einem Bändchen„Hammer und Herz“ (ebenda) lebendig und echt, wenn er den Umkreis ſeines eigenen Daſeins beſchreibt. Verſe wie„Der alte Schneider“,„Die Ar⸗ beiter“ und„Reſignation“, alle ſchwermütigen Lieder, atmen An⸗ ſchauung und haben ſuggeſtive Wirkung. Dieſe Gedichte ſind kämpferiſcher als die Kampfgedichte des gleichen Bandes, die etwas ſchematiſch im Ausdruck bleiben und nicht die Vorſtellungs⸗ kraft haben wie die Verſe, die Selbſtgeſtändniſſe, Stimmungs⸗ ausdruck ſiad. Um ſo ſcharfhöriger Thieme auf ſich ſelbſt lauſchen wird, je reiner muß die Lyrik dieſes Jungen werden, um ſo intenſiver auch die Wirkung auf die Jugend, die dasſelbe Ar⸗ beiterleben erlebt.
Walter Schenk iſt in„Kampfjugend“(ebenda) abſtrakter; der Atem ſeiner Verſe iſt weiter, die Form komplizierter, aber das Erlebnis wird nirgends ſo rein und eigen gegeben wie in den guten Gedichten Thiemes.— Hermann Claudius Verſe „Lieder der Unruh“ gehen in flüſſigem Rhythinus. ſie klingen volkstümlich, jedoch ohne Nachhall ernſten Erlebens zu ver⸗ mitteln. Den gleichen Eindruck hinterläßt ein dramatiſches Spiel „Menſchheitswille“(ebenda), das intellektualiſtiſch gekonnt iſt, aber nichts von dichteriſcher Verdichtung und Erhöhung auf⸗
Kurt Offenburg.


