Verhältnis unſrer Empfindung zu den raſchen Inſtinktuntaten, wie ſie Othello oder auch Hamlet begehen, und zu den wohl⸗ erwogenen, milden, kurzen Plagen, die Proſpero über ſeine frev⸗ leriſchen Feinde verhängt. Wir ſcheinen geneigt, mit jenen Aus⸗ brüchen der Wut wie mit etwas Natürlichem mitzugehen, uns an den Strafen Proſperos, ja ſogar an ſeinen rationellen Plage⸗ verfahren gegen den unbezähmbaren Wilden Caliban als etwas ſehr Hartem zu ſtoßen. Das kommt, meine ich, daher, daß wir elbſt die Bereitſchaft zu jeder blutigen Gewalttat in uns locker genug inden, wenn wir in unſerer Triebnatur ſtehen, daß wir es aber, ſowie wir zur Vernunft, zur Beherrſchtheit, zur Abgeklärtheit übergetreten ſind, nicht ertragen, irgendein lebendes und nun gar menſchliches oder menſchenähnliches Weſen als Mittel, ja ſogar, ein Stadium ſeines Daſeins als Mittel zu einem künftigen be⸗ uutzt ſehen Wir haben beides als Möglichkeiten in uns, den Affekt und die Vernunft; wir gehen aber in unbeirrtem Mitgefühl mit dem Triebmenſchen, während wir beim überlegenen jeden, auch den kleinſten Reſt aus der tieriſch⸗ſinnlichen Sphäre als unan⸗ genehm empfinden.
m Hamlet hat eine Geiſterſtimme den Sohn, der ſeiner ganzen Anlage nach ſo ein geiſtiger, ſo ein Dichter zu ſein be⸗ rufen iſt wie Proſpero, zur Rache aufgerufen: zu blutig mörde⸗ riſcher Tat drängts ihn unterirdiſch von außen, unterirdiſch in ihm ſelbſt: von ſeiner inneren Höhe aber, von ſeinem beſten Weſen ruft es ihn zur Gewalt der geſtaltenden Rede, des ſtrafenden bannenden Worts, zu dem jetzt Proſpero mit tiefem Atemzug aus⸗ holt. Und zu dieſem Verzicht auf jegliche Strafe und Plage er⸗ muntert hat ihn Ariel der Geiſt, dem Grazie und wieleriſche Leichtigkeit und holde Anmut etwas verleihen, was wie eine natürlich gewachſene Nachbildung des ſanfteſten Teils unſres menſchlichen Gemüts iſt, wo es von der Stille der Vernunft, wo Seele von Geiſt, Gefühl von Denken nicht mehr zu trennen iſt.
Wozu auch, ſagt ſich Proſpero, wozu ſtrafen, verletzen, töten, Leben zerſtören? Iſt ja doch alles Leben nur ein ſeltſames Spiel, das mit uns getrieben wird, uns ſo unwirklich und vergänglich, wie der Geiſterſpuk und Hokuspokus, den er ſelbſt ſchmerzlos ent⸗ ſtehen und vergehen läßt. Schmerzlos! Das iſt der Unterſchied zwiſchen dem Leben der Geſtalten, die der Phantaſt in die Lüfte zaubert, und derer, die das dunkle Schickſal aus den Elementen ins Daſein bannt. Darum tut Milde und inniges Mitleid not, auch gegen die Schlechten: das Leben, an dem die dämoniſchen erdenſchweren Naturkräfte hämmern und zerren, iſt mit Gefühlen, mit Schmerzen verbunden, gleichviel, ob einer gut oder ſchlimm Jeruien iſt, während Proſperos luftiger Trug nur Spiel und
unter, flimmernder, ſchmerzloſer Geiſtertraum iſt. Sonſt aber reilich, was iſt Leben, was iſt Erde, was iſt Welt andres als raum und Spiel?
das Urteil ſchreiben.“
Die Hoſen des Robespierre
Von Hermann kLiaden
An dieſem Nachmittag war der Konvent nicht ſtark beſucht; drei Urteile waren nur vorgeſehen. Das war zu wenig für die verwöhnten Pariſer. Einige Jakobiner lagen auf den Bänken der Galerie, ſchief die Mützen auf dem Kopf, die Zähne mit AÄpfeleſſen beſchäftigt; Kokotten, die den Nachmittag nicht beſſer verbringen konnten, ließen ihre Seidenbeine herunterbaumeln. Dagegen war der Wohlfahrtsausſchuß vollzählig verſammelt.
„Madame Fifo,“ rief der Ausrufer mit narrender Stimme. Das war die erſte Angeklagte dieſes Nachmittages, die Frau eines Pariſer Bankiers, die ariſtokratiſcher Liebesbeziehungen bezich⸗ tigt wurde. Als die Türe von draußen geöffnet wurde, ſenkten die beiden Saalwachen die Bajonette, als nähere ſich ein gefähr⸗ liches Tier. An den Händen gefeſſelt, wurde die Angeklagte hereingeführt. Sie war nicht mehr ganz jung, dreißig etwa, blaß und ungepflegt, wie eine Gefangene eben nicht anders aus dhen kann, doch ging von ihr etwas aus, dem man ſich nicht entziehen konnte; ein etwas zerſchliſſener Zauber könnte man ſagen.
Robespierre und Danton, die links an einem Seitentiſche ſaßen und mit der Unterzeichnung von Edikten beſchäftigt waren, nahmen von dem Eintritt der Angeklagten keinerlei Notiz.
Der Verhandlungsführer, ein Kerl mit martialiſchen Geſichts⸗ zügen, der in früheren Zeiten Schafzüchter in der Provence ge⸗ weſen war, es jetzt zu Amt und Würden gebracht, begann ſchnell und geſchäftig die Vorfragen des Verhörs.
„Angélique Fifo?“.
„Es iſt richtig!“
„Gattin des Bankiers Fifo?“
„Es iſt richtig.“
„Sie haben den Grafen Lagrace beherbergt, obwohl Sie wußten, daß er ein Feind des Volkes iſt?“
„Es iſt richtig“
„Antworten Sie nicht ſo nachläſſig! Sagen Sie ja oder nein! übrigens“— der Sprechende wandte ſich zu den beiden immer noch unbeteiligt bleibenden, ſchreibenden Häuptern—„die Ange⸗ klagten hat Perſonalien, Tat...“ Er ſtockte, ſchwieg. Da hob Danton den Kopf. Seine Nüſtern vibrierten. Er hatte etwas Parfümartiges im Raum gerochen. Da gewahrte er die Frau mit den gefeſſelten Händen.
„Sagten Sie etwas, Sétain?“
„Das iſt Angélique Fifo,“ erwiderte der Ankläger behend, „Gattin des Bankiers Fifo. Sie hat den Grafen Lagrace ver⸗ borgen. Tat und Perſonalien ſind eingeſtanden. Ich laſſe ſofort
Neue Arbeiterdichtung
Die Autoren der hier beſprochenen Bücher entſtammen alle der gleichen Geſellſchaftsſchicht: dem Proletariat. Was ihre Ar⸗ beit bindet, iſt der Arſprung ihres Weſens und das Bild ihrer Welterſchauung; aber, was ſie dennoch voneinander abgrenzt, iſt die Intenſität ihres Welterlebens und die Kraft ihrer dichte⸗ riſchen Geſtaltung. Kritiſche Lauheit um einer lobenswerten Tendenz willen wäre eine Mißachtung der künſtleriſchen Schöpfer⸗ kraft proletariſcher Dichter: nur durch eine eindeutige Scheidung der urſprünglichen Begabungen von den matten Nachempfindern und Auch⸗Dichtern wird das wirklich Echte und Dauernde, das Einmalige und Große um ſo heller ſich abheben. Die makelloſe Leiſtung ſei bejaht, der jämmerliche Eklektizismus als ſolcher ge⸗ kennzeichnet— denn eine wohlwollende und künſtliche Aufzucht des Schwächeichen iſt nur eine peinliche Verdunklung der eigen⸗ willigen Begabungen.
Von Max Barthel liegen zwei weſentliche Dichtungen vor, edel in der Formung und zwingend in der Wahrhaftigkeit ihres Erlebens: die Erzählung„Die Mühle zum Toten Mann“(Ar⸗ beiterjugend⸗Verlag, Berlin) und der Gedichtband„Botſchaft und Befehl“(Buchmeiſter⸗Verlag, Berlin). Dieſe Erzählungen, die von der Not menſchlicher Kreatur im Kriege handelt, wiegt die ganze pazifiſtiſche Propagandaliteratur auf. In„Die Toten im Wald“,„Siebengeſtirn“,„Die Schlacht in den Argonnen“,„Der hohe Berg“ und„Die Mühle zum Toten Mann“ ſind kleine Meiſterwerke eines einfachen Proſaſtils geſchaffen; Dichtu igen voll anklägeriſcher Gewalt und zwingender Kraft. Das unvergeß⸗ liche Grauen, das wir, gemeine Frontſoldaten, widerſtrebend ertrugen, wird lebendig: von der Nordſee bis zur Schweiz ſleht die furchtbare Linie todgeweihter Männer; tun ſich die Maſſen⸗ räber auf in denen hunderttauſende Brüder faulen; zittert die
ehnſucht nach Weib und Freiheit, ſchnürt die Ahnung nahen Todes unſer Herz, wenn wir vor dem Sturm mit fliegender Hand
die letzten Briefe ſchrieben. Dann iſt Frühling, die Blumen blühen,
aber mitten zwiſchen ihnen liegt ein Toter mit zerriſſenem Geſicht; in dem zertrommelten Wald ſingen in ſpäter Abendſtunde die Nachtiga en, und plötzlich ſliegen Berge auf und ſinken ins Tal. Und Viktoria, die Schweſter des Freundes und Symbol der Hoffnung, geliebt von gleichgeſtimmten Seelen, angebetet wie eine
Heilige; die nächſten Kameraden und der leidende Mitmenſch aus den feindlichen Gräben: alles und alle ſind uns nah und vertraut, weil ſelbſt erlitten in Jahren des Zwangs, der Entmenſchung und der Rebellion. Voll dichteriſcher Kraft und unvergeßlichen Bildern ſind einzelne dieſer Geſchichten, die in ihrer Knappheit zum Beſten
zählen, was Barthel bis heute geſchrieben hat. Der gleichzeitig
erſchienene Gedichtband„Botſchaft und Befehl“ zeigt Barthels Formſicherheit, die alte hymniſche Aufſchwungfähigkeit, die wir ſchon aus ſeinen früheren Versbüchern kennen. Neu iſt die ſtärkere Wendung zum einfachen, reimloſen Gedicht: es gelingen ſelten vertiefte Erſchauungen, wie in der wunderbaren„Be⸗ ſinnung“, dem ſehnſüchtigen„Wintertag“ oder dem reſignierenden Sang„An die Son ie“. Seit den erſten Büchern, den„Verſen aus den Argonnen“ und den„Revolutionären Gedichten“ bis zu„Bot⸗ ſchaft und Befehl“ iſt eine reife Verinnerlichung bemerkbar: eine Abkehr von allzu pathetiſchen Wortballungen, bei denen teil⸗ weiſe noch dem Klang zuliebe gedichtet wurde.— Drei kleine Jugendſpiele von Barthel,„Licht⸗ und Schattenſpiele“(Ar⸗ beiterjugend⸗Verlag, Berlin), originell in der Idee und klar in der anſpruchsloſen Durchführung des Themas, ſeien als Neu⸗ erſcheinungen gleichzeitig erwähnt.
Karl Bröger legt, ſeit dem„Held im Schatten“ zum erſten Male wieder ein in der„Volksſtimme“ bereits erwähntes ge⸗ ſchloſſenes Proſabuch vor:„Das Buch vom Eppele“, eine Schelmen⸗ und Räuberchronik aus Franken(J. H. W. Dietz, Berlin). Plaſtiſch geſehen und in beherrſchter, dem Stoff adäquater Sprache wird die abenteuerliche Lebensgeſchichte des Eppele von Gailingen geſtaltet. Brögers Blick fürs Weſentliche gibt nur ſo weit Anekdoten, als ſie für die Charakteriſierung ſeines Helden notwendig ſind; der Humor, der die Chronik durch⸗ webt, wird nie zum billigen Selbſtzweck, wie auch die gut gefügte Handlung nie um eines Effektes willen abgebogen wird, obgleich die Warſuching bei dieſer tollen Räubergeſchichte mehr als ein⸗ mal nahe iſt. Das Hiſtoriſche iſt gut geſehen und aus dem Staub der Aktenbündel und Geſchichtsbücher lebendig herausgehoben. Verwurzelt im Franken des 14. Jahrhundert, wächſt der lebens⸗ ſtarke Eppele durch Brögers Dichtung über das eng begrenzt Heimatliche hinaus: eine Volksgeſtalt und ein Volksfreund ver⸗ wandt dem Eulenſpiegel durch die ungebrochene Kraft ſeines Daſeins und jener philoſophiſchen Überlegenheit, die nie ver⸗
altet, weil ſie ewig⸗menſchlich und dadurch zeitlos iſt.— Ein


