Der Mann am Kran
Von Jean Tousseul(Brüſſel)
Einzigberechtigte übertragung aus dem Franzöſiſchen von Hermynia Zur Mühlen
Liegt dir Geſtern klar offen, Wirkſt du heute träftig frei, Kannſt auch auf ein Morgen hoffen, Das nicht minder glücklich ſei.
Das Beben des Krans übertönte für einen Augenblick die
tauſend Geräuſche der Stadt, die ſang und ſich beluſtigte. Der Wagenkorb ſchaukelte, erſchien dann wie das rote Maul des Un⸗ geheuers über der Erde. Die aufſchießende Schlacke erhellte den Abhang, den Himmel, die Häuſer und den Fluß, verglomm dann wie ein Leuchtkäfer. In der aufſteigenden Nauchwolke ſtopfte Pierre Lardinois ſeine Pfeife und regelte den Apparat: Ketten, Motor und Metallgerüſt zitterten; der Eimer erhob ſich und glitt gehorſam dem Werk zu.
Seit langem lebte Pierre Lardinois hier oben, ſeit langem kannte er nicht mehr die Hochöfen mit ihren bunten Flammen, ihren Gasdünſten, die das Gehirn zuſammenpreſſen und die Beine ſchlaff machen, das Geklirr der ſeltſamen Metallbauten, die hinterliſtigen Feuer, die den nackten Leibern die Haut abſchürfen, die Metalltropfen, die immer wieder eine Hand, eine Wange oder ein Auge durchbohren. Er kannte das Werk nur von oben: die ungeheuren Schlote, an denen die Menſchen des Tales die Stunde abblaſen, Schlote, die des Nachts die Purpurzungen herausſtreckten, kannte die flüchtigen Meteore, erzeugt von den verſchwitzten Händen der Menſchen, ausgeſpien von den Hochöfen. Für ihn bedeutete das Werk nur einen Teil der täglich geſchauten Landſchaft, wie ein an einem Baum hängender Mondſtrahl, ein Gewitter, das er in der Ferne aufſteigen ſah, die kleinen Häuſer, die des Nachts menſchlich vertraute Züge annahmen, die geköpften Kirchtürme, die von umherſtreifenden mutwilligen Rauchwolken entzweigeſchnitten wurden.
Einſam, in der Nacht, ferne der Stadt, nahe den Wolken und den Sternen mit ſeiner Bibel und ſeiner Pfeife lebend, war Pierre Lardinois anders geworden als die übrigen Menſchen. Er fühlte dies auch, wenn er des morgens ſein Wächterhäuschen abſchloß und den Pfad hinab, an deſſen Saum ihm wohlbekannte Heilkräuter wuchſen, zu den Menſchen ſtieg.
Die Menſchen liebten ihn, weil dank ihm in den ſchwülen Sommer⸗ und kalten Winternächten die Gegend auf zwei Meilen im Umkreis erhellt war und der rote Rachen die Liebe der Gatten im Bett, die Fieber der Kranken und die Angſt der ihre be⸗ trunkenen Männer erwartenden Frauen beleuchtete.. An regneriſchen Abenden liebten die verſpäteten Wanderer die himmliche Liebkoſung, die der Mann dort oben entzündete, in Brand erhielt mit einer kleinen Gebärde, die ihm ein wenig Brot, ein wenig Tabak und ein wenig Alkohol einbrachte. Fafhe in der Dämmerung die Familienmitglieder beiſammen und ſahen, wie Pierre Lardinois mit einer Handbewegung die fünftauſend grauen Häuſer erhellte, ſo wurde ſein Name genannt; ſchwieg man aber, ſo verklärte dieſer Name die Geſichter und öffnete die Lippen zu guten Worten des Friedens und der Liebe.
Denn Pierre Lardinois verſtand ſich darauf, Leibſchmerzen zu heilen, Brandwunden und andere Verletzungen, er prophezeite das Wetter, konnte er doch oberhalb der rauchigen Stadt den Himmel beobachten; er erzählte Geſchichten, wie ſie Chriſtus den
Menſchen erzählt hatte, die ihn ſpäter ans Kreuz geſchlagen
haben. Große Zugvögel durchbrachen ſeine Nachtwachen mit ihrem Gekrächz und in dem Jahr, da die Pocken wüteten, be⸗ völkerten die Dohlen ſeine Hütte.
Pierre Lardinois verweilte nicht lange unter den Menſchen. Er kehrte gerne in ſein Wächterhäuschen zurück; es machte ihm Freude, die fünftauſend erhellten Fenſter der kleinen Häuſer zu betrachten, er liebte die Unbekannten, die hinter ihnen lebten, ſtellte ſich vor, wie die Männer Karten ſpielen, oder wie eine
Frau die Wäſche plättet. Um nicht allzu gerührt zu werden,
zündete er ſeine Pfeife an der Tonlampe an, die man vom Fuße des Hügels aus für einen Stern hätte halten können, und dachte an einfache Dinge, ſchlicht wie ſeine jung⸗alte Seele, die Seele
Goethe
eines Mannes, den die Arbeit gerade zu nähren und kleiden ver⸗
mag und dem ſie zwei Finger der linken Hand geraubt hatte, In dieſer Nacht bellte der Wind im Gerüſt, ließ es auf⸗ ſeufzen, erzittern, trieb den Wagenkorb zurück und wehte deſſen heißen Atem auf das Wächterhäuschen. Pierre Lardinois lächelte über den Sturm, deſſen Launen ihn beluſtigten. Krach: der Wagenkorb ſchaukelte im Dunkeln, in Wind und Regen, die untere Schlacke glühte noch, verloſch, lohte abermals auf. Und das große flüchtige Morgenrot erhellte den ganzen Weſten, wo hier und dort aus den oberen Hochöfen die roten Zungen ſchoſſen und dann wieder in ihr Loch zurückkrochen. Der kleine Mann ſang im ſtarken Wind, Ketten, Motor, Gerüſt zitterten; der Eimer glitt ſchlitternd durch die Näſſe dem Werk zu. Dann kehrte er glühend wieder zurück, verſenkte bis⸗ weilen Pierre Lardinois' harten Schnurrbart. Der Mann ſchwitzte trotz der Kälte und dem Regen. Die Räder glitten langſam über das Geleiſe, der Motor gemahnte, von grünen Flammen be⸗ leuchtet, an einen Krebs. Das Unglück aber wollie es, daß der Eimer eine halbe Drehung machte; ſein großer roter Rachen ſtand weit offen, wie ein plötzlich am Himmel aufgeſtiegener Mond. Der Mann mußte die feuchte Leiter hinabklimmen, den Eroßzen Feuerhaken ab⸗ hängen, die blendende Schlacke ſchüren. Sein Keuchen vermiſchte ſich mit dem Bellen des Windes; die glühende Maſſe ſpuckte, dann wüßzlich kipbie der Eimer um. Ein helles Auſfſtrahlen liebkoſte as Dorf.—
Die Auflader warteten vergeblich auf den glühenden Eimer.
Die Menſchen, die am Sterbebett der alten Margueritte wachten, ſahen in dieſer Nacht nicht mehr die freundſchaftliche Helle des Krans, zwei junge Gatten ſchliefen bekümmert ein, ſorgten ſich um den ſanften, ſchüchternen, kleinen Mann, der von Zeit zu Zeit ihre Liebe erhellt hatte.
Am folgenden Morgen fragten die Bewohner der fünftauſend kleinen Häuſer nach Pierre Lardinois, der während zehn Jahren kein einziges Mal ſeine Pflicht verſäumt hatte.
Die Auflader zogen in Wind und Regen aus, riefen, die Hand vor den Mund gewölbt. Sie fanden das Wächterhäuschen leer, den Eimer hängend. Dann, da die Schlacke völlig tot war, wagten ſie ſich weiter vor auf dem heißen Hügel. Beim Licht der Lampe, an der der kleine Mann ſeine Pfeife zu entzünden pflegte⸗, fanden ſie verkohltes Fleiſch, etwas Nacktes, Rotes, Gekrümmtes, das mußte Pierre Lardinois ſein, der Lichtſpender und Tröſter des ſchwarzen weſtlichen Abhangs.
Ber„Hamlet und„Der Sturm
Von Gustav Landauer“
Der Tugend übung .. Geh, befrei' ſie
Ich weiß nichts, was rückwirkend eine beſſere Erklärung für Hamlet wäre, als dieſe Wendung, wie ſie der Sturm bringt. Wir werden nie wagen dürfen, zu entſcheiden, wie weit die Unklarheit Hamlets über ſeine Motive und ſeinen heimlichen Willen eine Unklarheit des Dichters noch war, die jetzt der Klarheit gewichen i zu ſolchem Rätſelraten hat ſich Shakeſpeare zu tief in ſeinen
eſtalten geborgen. Aber ſicher iſt, daß Hamlet, als er, die Hand am Schwert, um es zu ziehen, und zugleich an ſeinem Rachetrieb,
um ihn nicht loszulaſſen, unentſchieden daſtand und darüber ſann,
wie er das Schwert ſchrecklicher zücken könne, auf der Suche nach
dem war, was Proſpero gefunden hat. Sehr ſeltſam dünkt mich das
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„*) Aug„Shakeſpeare“ von Guſtav Landauer. II. Band. Bei Rütten& Loening. Frankfurt a. M.
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