Tolſtoi⸗Doſtojewſti geſtellt worden. Er iſt eine einzigartige Er⸗ ſcheinung, weil er, ein Pole, nicht nur geographiſch, ſondern ebenſo vollkommen ſeel iſch und geiſtig ſein Heimatland aufgab, um in eine neue Wahlheimat wiederum nicht nur geographiſch, ſondern ebenſo geiſtig und ſeeliſc hineinzuwachſen, ja, ſogar einer der beſten Proſadichter dieſer neuen Heimat zu werden. Dieſer unerhörte Fall, der nur einen einzigen Präzedenzfall in der Welt⸗ literatur haben dürfte— den des deutſch dichtenden Franzoſen Chamiſſo—, iſt noch beſonders eigenartig dadurch, daß Conrad nicht„Engländer“ wurde, um engliſch zu dichten, ſondern um Seemann zu werden und als geborener(meerferner) Pole rätſel⸗ hafte Sehnſucht im Bejogeen füdlicher Ozeane zu erlöſen. Sein in Dichtung umgeſtaltetes Erleben aber wird uns den dämoniſchen Ozeanen fernen Deutſchen zur Senſation, weil er, wie kaum einer vor ihm, die Dämonie des Meeres und der— nicht Abenteuer ſuchenden, ſondern nur im ePrlich ringenden Tagewerk Abenteuer erlebenden— Menſchen auf den Meeren zu ſchildern vermag. Das Werk dieſes Realiſten zu leſen, bedeutet„ſehen⸗, hören⸗ und fühlenlernen“ in einer Weiſe, die„Herz und Geiſt bis ins letzte feſſelt“, dabei mit der kliſcheemäßigen, banalen, nur zweckmäßigen modernen filmdramatiſchen Spannung nichts zu tun hat und trotz⸗ dem oft unerhört ſtärker„ſpannt“. Alles in allem: ein Erlebnis!
Den Inhalt der vier ſoeben erſchienenen Romane zu ſkizzieren, wäre unangebracht; man muß ſie lejen So zuerſt vielleicht den „Geheimagent“, einen ſoziologiſch⸗politiſchen, gerade uns lebhaft intereſſierenden Kriminalroman, der nur auf dem Feſtlande ſpielt, inmitten der Korruption, die der Ozean nicht kennt; dann „Jugend“, die genialen Geſchichten von einem brennenden Schiff und einer unerfüllten Sehnſucht, vom„Herz der Finſternis“ des traumhaften Urwaldes, vom Käpt'n Whalley und dem Ende ſeines erſchütternden Liedes von der Liebe zu einem Schiff und ſeinem Kinde. Von Konflikten, die das ſeltſame„Spiel des Zufalls“ löſt, kündet der Roman, der dieſen Titel trägt und das Leben einer Frau an Bord eines dämoniſchen Schiffes ſchildert, deſſen Kapitän ſie gefolgt wär. Gipfel der Conradſchen Kunſt aber ſcheint„Die Schattenlinie“, die eigenartige Geſchichte einer Meeresſtille, in der ein Schiff vom Fieber überfallen wird, gerahmt um einen Menſchen, der, ſeeliſch in ähnliche Stille und Müdigkeit geraten, von Seelenfieber überraſcht, ſich zur Männlichkeit durchringt.
Das ſchmale Bücherregal, das die Großen der Weltliteratur beherbergt, hat wieder einen neuen Gaſt: dieſen Conrad. Daß Thomas Mann und Jakob Waſſermann ihn für uns aus der Taufe hoben, daß der S.⸗Fiſcher⸗Verlag den Mut beſaß, ihn uns Deutſchen in der Zeit des„Charleſton“ und der„Modeköniginnen“ zu ſchenken, ſei ihnen gedankt! Es war eine„Tat“!
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Das Schaukelpfers
Von Alphonse Croziere Berectigie Uebertragung von Dr. Ernſt Levy, Quarto dei Mille(Genova) Italien.
Seit dem Neujahrstage war Frau Sorge bei den Vermichons eingekehrt und hatte ihren grauen Schleier über das Leben der Familie gebreitet.
Und doch waren die Leute keine Müßiggänger. Der Mann arbeitete ohne Unterlaß, aber ſein Gehalt war elend. Der Neu⸗ jahrstag mit ſeinen zahlreichen Verpflichtungen war denn daran
Albert Langen in München erſchien, zündet ſie auch das Herrenhaus an. Alle Spuren dieſes Geſchlechts müſſen vom Erd⸗ boden getilgt werden, das Feld muß frei ſein für die neue Geſell⸗ ſchaft, die nun heraufkommt und die keine Herren und Knechte mehr kennt.
Dieſe neue Geſellſchaft kündet ſich machtvoll an. Da in der Bettel⸗Per, geſchundener Knecht, aus dem Armenhaus geholt, ge⸗ tretenes Laſttier, das ſich aufbäumt und ſein Menſchenrecht fordert. Auf ſeinen ſtarken Schultern ruht das Gut, ſeine Arbeit muß wettmachen, was der Unverſtand und die Laſter des Herrn ver⸗ derben. Er muß ſchaffen, dienen und kuſchen. Und hat doch das⸗ ſelbe Recht, Herr zu ſein auf Dangaard, iſt doch desſelben Vaters Sohn wie der verzogene Schwächling. Die Geſellſchaftsordnung erſt macht aus dem unfähigen und ſchwachen Bruder den Herrn und aus dem geſunden, ſtarken den Knecht. Dieſe Geſellſchafts⸗ ordnung des Unrechts und der Unterdrückung muß gebrochen werden. Die Landarbeiter ſcharen ſich um die Fahne des Sozialis⸗ mus. Wie die beiden ungleichen Brüder gleichen Anteil haben ſollten an dem Gut des Vaters, ſo ſollten alle Menſchen, gleich geboren von der Natur, gleichen Anteil haben an den Gütern der
rde. Dieſen zum Bewußtſein ihres Menſchenrechtes erwachten Knechten übergibt die Herrin von Dangaard das Gut. Sie werden es wieder in die Höhe bringen; ſie werden einen Geneſſenſchafts⸗ betrieb Tründon, ſie werden alle für alle arbeiten. Als Natur⸗ notwendigkeit vollzieht ſich nach dem Zuſammenbruch der morſchen bürgerlichen Ordnung des Privatbeſitzes der Übergang zur ſozia⸗ liſtiſchen Gemeinſchaft.
„Dangaard, der Danhof, iſt Dänemark, und dieſes Dänemark iſt die Heſtell chaft von heute. Gleichnis iſt das Drama, ſein Geſtalten Vertreter der Geſellſchaftsklaſſen, Vertreter der Mächte, die heute noch um die Erde ringen; und
ein Schluchzen herunterwürgte:
ſchuld geweſen, daß ſie ſo arg in die Klemme geraten waren und nicht mehr ein noch aus wußten.
Ein Glück wenigſtens, daß die Vorſehung das Leihhaus er⸗ funden hat; mag es auch eine koſtſpielige Vorſehung ſein, eine
orſehung iſt es immerhin.
Die Eheringe, die armſelige goldne Schlüſſeluhr(das Fa⸗ milienandenken), einige Gegenſtände von Wert, die im Hauſe geblieben waren, zwei Sprungfedermatratzen, kurz all die Dinge, welche man beleiht, waren verpfändet Man hatte die Bäcker⸗ rechnung bezahlt, dem Schlächter und dem Kaufmann etwas an⸗ gezahlt und konnte wenigſtens etwas freier aufatmen als zuvor.
Aber die gedrückte Stimmung blieb trotz allem und wurde noch gedrückter, als die Fabrik in welcher der Mann arbeitete, ganz unvermutet eine Ruhepauſe eintreten ließ Leider konnte man dieſe Ruhepauſe nicht auf den Magen der Frau und den des Kindes ausdehnen.
„Da möchte man ſich am liebſten den ganzen Tag abrackern und kann doch nichts ſchaffen!“— Prummte der Mann, der ſeinem Sohn beim Spielen zuſah—„Es iſt wirklich zum Verzweifeln!“
Wie hätte er ſich ſonſt darüber gefreut, wie Stephan ſein Schaukelpferd hin⸗ und herſchob, es durchprügelte und dann mieder mit Zärtlichkeiten überhäufte Das armſelige Pferdchen war die einzige Freude des Jungen; er verließ es nicht einen Augenblick, ſelbſt im Bette mußte er es neben ſich haben, um es jederzeit liebkoſen zu können.
Bei Tiſch reichte er ihm Brot und ſagte:„Friß, damit du fett wirſt.“
Kurz, dieſe Mißgeburt von einem Pferd, die ſich geradezu komiſch ausnahm, war das erſte große Glück im Leben des ſchmäch⸗ tigen kleinen Jungens geworden, der trotz ſeiner Häßlichkeit ſympathiſch war und mit ſeinem abgehärmten Geſicht und ſeinen großen, klugen Augen ſo traurig in die Welt hineiablickte.
„Mach' nicht ſolchen Krakeel, du verdammter Bengel!“— fauchte der Vater.—„Man wird ja ganz dumm dabei. Ich bin gerade in der Stimmung, ſolche Poſſen mitanzuhören..“
Stephan muckſte nicht. Er ſagte bloß zu ſeinem Pferde:
„Sei ruhig. Schlaf'.“
Dann nahm er ſich einen Katalog vor, aus dem er ſchöne Herren in feinem Pelzwerk ausſchnitt. Dabei aber horchte er auf⸗ merkſam auf das, was die Eltern redeten.
„Das iſt ja reizend“— meinte der Vater—„ſie wollen dir alſo auf die Wäſche nichts leihen?“
„Nein, ſie ſagen, ſie ſei in zu ſchlechtem Zuſtande. Schließlich haben ſie recht; Wäſche kann man dieſe Lumpen, die hundertmal geflickt ſind, eigentlich nicht mehr nennen.“
„Dann wird man ſich alſo morgen den ſchnallen müſſen.“—
Stephan warf einen gerührten Blick auf ſein hölzernes Pferd; der Blick ſchien zu ſagen:
„Und wenn man nun auf den Gedanken kommen ſollte. dich zu verſpeiſen?“. 8
Den ganzen Abend litt der Kleine unter der düſteren Vor⸗ ſtellung, daß morgen in der Schüſſel kein Löffel Suppe mehr ſein werde. Nicht, daß das arme Wurm etwa an ſich dachte, er dachte an ſeinen Vater und ſeine Mutter. Er murmelte, in dem er
Hungergurt noch enger
der Ausgang dieſes Ringens iſt für den Dichter nicht unbe⸗ ſtimmt. Der Schluß des Dramas, dem des Romans„Pelle der Er⸗ oberer“ ſehr ähnlich, weiſt bereits in die Zukunft; aber er iſt nicht Viſion, er wird als Wirklichkeit geheichnal ſo groß iſt die Gewiß⸗ heit des Dichters, daß die rbeiterſchaft dereinſt ohne Kampf und ohne Blutvergießen aus den erkalteten Händen einer unter eigener Schuld uſammengebrochenen Geſellſchaft die Güter her Erde übernehmen wird, um ſie für die ge⸗ ſamte Menſchheit zu verwalten und zu mehren.
In den großen, wuchtigen Linien des Bauerndramas iſt dieſes dichteriſche Gleichnis geſtaltet. Auch an der menſchlichen Tragik des Unterganges der Gutsherrnfamilie geht der Dichter nicht vorüber, und zahlreiche mit ſeiner großen Kunſt der Men⸗ ſchenzeichnung knapp umriſſene Epiſodenfiguren ſtellt er in das Gefüge ſeines Dramas: die alte Magd, die den zuſchanden ge⸗ ſchlagenen Knecht geliebt, die alte Häuslerin, deren Mann um⸗ gekommen, weil dem Gutsherrn eine Schutzvorrichtung an der Maſchine zu teuer geweſen, der Idiot, Opfer des tollen Übermuts des Großbauern. Blutzeugen vergangener Zeit der Sklaverei ſind 55 und huſchen wie Geſpenſter vorüber, da der Tag anbricht, der
en Arbeitern, auf deren Schultern die Welt ſteht, auch die Herr⸗ ſchaft über die Welt erteilt.—
Das Freie Theater hat ſich mit Einſatz aller ſeiner Kräfte um die Aufführung dieſes ſozialiſtiſchen Dramas bemüht und eine Vorſtellung zuſtande gebracht, die die ganze revolutionäre Spreng⸗ kraft der Dichtung zur Entladung bringt; der Regiſſeur Ernſt Lönner führte ſeine Schauſpieler zu wohlabgeſtimmtem Zu⸗ ſammenſpiel.
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