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Volk-Kunst-Wissen / für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint
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amerikaniſchem Boden erfochten hatte. Zwei Jahre lang(1689 bis 1691) ruhten die Zügel feſt in ſeiner Hand, und zwar kümmerten Verordnungen aus demMutterlande Leisler und eine Gefolgſchaft wenig. Der Wunſch nach voller Loslöſung mag n den fähigeren Köpfen ſchon umgegangen ſein, ſicherlich war er noch verfrüht und unzeitgemäß. Mit Hilfe eines von England ge⸗ ſandten Truppenkontingents wurde die Volksregierung geſtürzt, Leisler gefangen und hingerichtet. Aber die einmal beſchworenen Geiſter ſpukten weiter; offener Bürgerkrieg zwiſchen der Partei des Volkes und den Gefolgsmannen der Ariſtokratie ſchien zu⸗ weilen faſt unvermeidlich.

Unfreie Arbeit verblieb auch in der erſten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Note der Stadt Neuyork. Schon bald nach 1670 war allerdings das Verſklaven von Indianern verpönt worden, jedoch wohl mehr aus politiſchen, als aus Erwägungen der Menſchlichkeit heraus. Der mächtige Irokeſenbund derFünf Nationen und die iha zwar verfeindete, aber ebenſo kriegeriſche Algonkinföderation hätten ja den gemeinſamen Vernichtungs⸗ kampf gegen die Unterdrücker ihrer Raſſe proklamieren können! Für den Ausfall an indianiſchen Arbeitskräften verſchaffte man ich Erſaß in Geſtalt von unbemittelten Leuten aus Europa, die ür erhaltene Vorſchüſſe einen mehr oder weniger beſtimmten Zeitraum hindurch als Halbfreie arbeiten mußten. Daneben wurdeſchwarze Ware in Menge eingeführt. Man ſuchte ſich gegen die armen, aus ihrer Heimat verſchleppten Neger dur allerlei kleinliche Verordnungen zu ſchützen, deren Übertretung unweigerlich brutale Auspeitſchung zur Folge hatte. Der nervöſe Angſtzuſtand der allmählich ſtark angewachſenen ſchwarzen Be⸗ völkerung gegenüber führte 1741 zu einem gräßlichen Neger⸗ ogrom. Man zieh die Schwarzen einer Verſchwöͤrung und be⸗ gätni e ſie der Brandſtiftung. Etwa um die gleiche Zeit fand ie erſte Einmiſchung in die Preſſefreiheit ſtatt, indem der Deutſche h Peter Zenger, der Drucker und Herausgeber des New York Weekly Journal, wegen Lonverueneſeindier Auf⸗ ese vor den Kadi gezerrt, aber glänzend freigeſprochen wurde. Wie es um die politiſche Freiheit beſtellt war, erhellt der Um⸗ land. daß 1738 gelegentlich einer Bürgermeiſterwahl jüdiſche Koloniſten ihre Stimme nicht abgeben durften.

Der engliſche Merkantilismus war am Emporblühen der Holonie weit weniger intereſſiert als daran, ſich keinen Kon⸗ kurrenten auf ſeinen Europamärkten großzuziehen. Beſiedelung ſchien unwichtiger als die Ausnutzung der Jagdgründe und der wirtſchaftlichen Möglichkeiten. Da man aber auf die Dauer von einem ungedüngten Baum keine Früchte erwarten kann und die engliſche Politik gegenüber den Iflanzun en ſich eher auf das Fflücken verſtand als auf die Wachstumförderung, wurde der auf der Dinge beſchleunigt. Als das engliſche Parlament 1765 die Stempelakte, die Stempelgebühren auf Anträge und notarielle Schriftſtücke einführen ſollte, für die Kolonien erließ, ergriff Neuyork in der Abwehr die Führung. Der in der Stadt tagende Kolonialkongreß vertrat den Standpunkt, daß Beſteuerung ohne Befragung der Bevölkerung nicht zuläſſig ſei. Die Engländer Uießen vor dem zum Teil bewaffneten Widerſtand der Koloniſten das Geſetz unter den Tiſch fallen, ſannen aber auf eine neue Machtprobe. Immer mehr ſpitzten ſich infolgedeſſen, z. B. wegen der Tee⸗Einganzszölle, die Verhältniſſe zu, die Unabhängigkeits⸗ bewung ergriff weiteſte Volkskreiſe, und 1776 brach der offene Aufſtand gegen England aus. Neuyork war in dem

ſieben Jahre währenden Kampfe nicht in der Lage, eine jührende

Rolle zu ſpielen, da es früh von den Engländern und ihren ſchnöd von ihren Fürſten verſchacherten deutſchen Hilfstruppen einge⸗ nommen und die Kriegsdauer über beſetzt gehalten wurde.

In Neuyork entſtand nach Erringung der Selbſtändigkeit die Föderaliſtiſche Partei, die einige glänzende geiſtige Führer ihr eigen nannte, darunter den Staatsmann Alexander Hamilton, aber nach 1800 in Bedeutungsloſigkeit hinabſant. Die Nicht⸗ föderaliſten nahmen anfangs den Namen Republikaner, dann ſeit 1828 Demokraten an. Bis auf unſere Tage iſt die Demo⸗ kratiſche Partei, die in Tammany Hall ihren Sitz hat, in Neuyork im weſentlichen in der Führung geblieben. Die heutige Repu⸗ blikaniſche Partei beſteht übrigens erſt ſeit 1854. Das Jahr 1830 ſah in der Stadt die Entſtehung einer nur kurzlebigen Arbeiter⸗ partei. Aufruhr und Krawalle herrſchten öfter in Neuyork, keiner aber ſo gefährlich wie der Aufſtand aus Anlaß der Soldatenaus⸗ hebungen im Bürgerkrieg, der ſich gegen die Regierung und die farbige Bevölkerung richtete.

euyorks Sturmlauf zur Millionenſtadt, ſein Aufſtieg zum Bank⸗ und Handelszentrum gehört der neueren und neueſten Ge⸗ ſchichte an. Seine Bevölkerung iſt die vielſprachigſte der Welt, da die Metropole der größte Einwandererhafen aller Länder iſt. Mit dem Siegeszug der Induſtrie und dem Aufkommen der Rieſenvermögen hat ſich auch das ſoziologiſche Bild Neuyorks ſtark geändert. Seine proletariſche Bevölkerung, obzwar ſtändig im Fluß, iſt ein Maſſenmoment ohnegleichen geworden. Hart im Raume ſtaßen ſich hier die Gegenſätze von unerhörtem Reichtum und kraſſeſtem Elend, von arbeitsloſem Einkommen und faſt ein⸗ kommenloſer Arbeit, und zwar weit mehr als in den anderen Großſtädten der Union, die eben nicht den allerärmſten Ein⸗ wanderer empfangen, wie das bei Neuyork der Fall iſt.

Die Verkehrsnöte des Neuyork von heute wurden ſchon ange⸗ deutet. Es ſcheint der Ausweg geplant zu ſein, noch mehr rieſige Hochhäuſer zu erbauen, die von rieſenweiten Plätzen umgeben ſein ſollen, ſo daß der Neuyorker von übermorgen ein Menſch des Aufſtiegs wenigſtens in körperdynamiſcher Beziehung ſein würde. Denn für den ſozialen Auſſtieg kehen dieunbegrenzten Mög⸗ lichkeiten kaum noch derart zur Verfügung, wie vor einigen fünfzig Jahren. Das ſollte ſich mancher merken, in deſſen ge⸗ zegelte⸗ Daſein der myſtiſche Hauch des Namens Neuyork hin⸗ einweht.

Das Werk von Foſeph Conrad Von J. M. Frank

Noch vor einem Jahre war der Name Joſeph Conrad in den weiteſten literariſch gebildeten Kreiſen Deutſchlands ſo gut wie unbekannt. Heute, nachdem vor kurzem der S.⸗Fiſcher⸗Verlag in Berlin uns die vier erſten Bände der Werke dieſes Mannes vor⸗ gelegt hat, mit Einführungen von Autoritäten wie Thomas Mann und Jakob Waſſermann, ſteht man ſtaunend vor der Wahr⸗ nehmung, daß dieſer Conrad wahrhaft ein Phänomen, eine literariſche Senſation darſtellt, und nur ein Bedauern darüber bleibt, daß der Dichter bereits tot iſt und uns keine weiteren Werke mehr ſchenken kann.

Conrad, der Umdichter der Meere und Abenteuer, der glän⸗ zende Geſtalter plaſtiſch geſchaffener Menſchen, Charaktere, Szenen und Kataſtrophen, iſt eigenartig zwiſchen Stevenſon⸗London und

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Slternlies

Von Franz Werlel

Kinder laufen fort.

Langher kann's noch gar nicht ſein, kamen ſie zur Tür herein,

ſaßen zwiſtiglich vereint

alle um den Tiſch.

Kinder laufen fort.

Und es iſt ſchon lange her. Schlechtes Zeugnis kommt nicht mehr. Stunden Argers, Stunden ſchwer: Scharlach, Diphtherie!

Kinder laufen fort.

Söhne hangen Weibern an.

Töchter haben ihren Mann.

Briefe kommen, dann und wann,

nur auf einen Sprung.

Kinder laufen fort. Etwas nehmen ſie doch mit. Wir ſind ärmer, ſie ſind quitt. Und die Uhr geht Schritt für Schritt um den leeren Tiſch. Aus dem Jahrbuch des ufolnas⸗Vetage⸗,

Wien⸗Berlin, das piele Originalbeiträge, u. a. dieſes Gedicht von Franz Werfel enthält.

Die Leute auf Bangaard (Zur erſten Aufführung des Dramas von Martin Anderſen⸗Nexö im Freien Theater in Wien)

Im breiten Lebenswerk des däniſchen Arbeiterdichters Martin Anderſen⸗Nexö ſteht neben den großen Romanen, den zahlreichen Novellen und Reiſeſchilderungen ein einziges Drama:Die Leute auf Dangaard. Es iſt nicht nur ſtofflich aufs engſte mit den erzählenden Schriften Anderſen⸗Nexös verbunden, es iſt der Extrakt ſeines Schaffens, iſt die knappſte dichteriſche Formung ſeiner Weltanſchauung, ſeiner Zukunftshoffnung.

Dangaard(der Danhof) iſt ein großes Bauerngut irgendwo auf Bornholm, in des Dichters Heimat, in der ſteinigen Gegend, deren magerer Boden in endloſer mühſeligſter Arbeit urbar gemacht werden muß. Hat der arme Bauer aber dem felſigen Grunde Ackerland abgerungen, dann kommt der Gutsbeſitzer, der Herr, präſentiert alte Schuldſcheine und nimmt den Acker. Alles iſt ihm untertan im Umkreis ſeines Gutes. Nicht nur der Boden, auch die Menſchen. Die Mägde müſſen ihm zu Willen ſein und die Knechte ſchlägt er zuſchanden, wenn es ihn gelüſtet, zu er⸗ proben, ob ein Menſchenſchädel oder ein Stuhlbein härter iſt. Doch es rieſelt im Gemäuer dieſer alten Herrſchaft. Der Sohn iſt nicht mehr wie der Vater. Er ⸗hat deſſen Leichtſinn, deſſen Hang zu Spiel und Suff geerbt, aber nicht deſſen Kraft. Und ſo verfällt das Gut; das Saatkorn wird verſpielt und verſoffen, die eigene Mutter betrogen, um die Schulden des Lotterlebens zu bezahlen.

Dieſe Mutter rottet ihr fluchbeladenes, verkommenes Geſchlecht

aus. Sie vergiftet den Lumpen und Schwächling, den ſie geboren, und vergiftet ſich ſelbſt. In der Buchfaſſung des Dramas, die bei