3 Liegt dir Geſtern klar und offen, Wirkſt du heute träftig frei, Kannſt auch auf ein Morgen
hoffen. Das nicht
Orpheus Von Rainer Maria Rilke Wir veröffentlichen nachſtehend eine Probe aus den
„Sonetten aus Orpheus“(Inſelverlag. Leipzig) des ſo⸗ eben verſtorbenen Dichters Nainer Maria Rilke, die imn Anſchluß an die altgriechiſche Sage eine erzreifende Symboliſierung des Künſtlertodes enthält.
Errichtet keinen Denkſtein. Laßt die Roſe
nur jedes Jahr zu ſeinen Gunſten blühen.
Denn Orpheus iſt's. Seine Metamorphoſe
in dem und dem. Wir ſollen uns nicht müh'n
um and're Namen. Ein für alle Male
iſt’s Orpheus, wenn er ſingt. Er kommt und geht. Iſt's nicht ſchon viel, wenn er die Roſenſchale um ein paar Tage manchmal überſteht?
O wie er ſchwinden muß, daß ihr's begrifft! Und wenn ihm ſelbſt auch bangte, daß er ſchwände. Indem ſein Wort das Hierſein übertrifft,
iſt er ſchon dort, wohin ihr's nicht begleitet. Der Leier Gitter zwängt ihm nicht die Hände. Und er gehorcht, indem er überſchreitet.
Dreihundert Jahre Neuyork Von Dr. Karl Wehner
Die zweitgrößte Stadt der Welt und größte der Vereinigten Staaten beging mit offiziellem Gepränge ihren 300. Geburtstag. Aus einem Grüppchen primitiver Borkenhütten an der äußerſten Spitze der Inſel Manhattan erwuchs im Lauſe von drei Jahr⸗ hunderten das rieſige Handelsemporium Neuyork, die Reſidenz des allmächligen Dollars und ſeiner Vertreter, ein gigantiſcher Schmelztiegel, in den alle Raſſen des Erdballs hineinſloſſen, um in unglaublich kurzer⸗Friſt umgeſchmolzen daraus wieder hervor⸗ zugehen. Da es der Stadt im Laufe der Zeit an Entfaltungsmög⸗ lichkeiten in die Länge und Breite gebrach, wühlte ſie ſich viel⸗ ſtöckig in die Tiefe, bohrte ſie ihre Wolkenkratzer in den AÄcher. So ballte ſie die Menſchenmillionen in ihren Mauern auf faſt beängſtigend engen Raum zuſammen, zugleich aber verſchaffte ſie ſich damit eine Ausflucht aus dem Verkehrsproblem, der ſtädtiſchen Haupeſorge, ohne indes dieſes Problem reſtlos löſen zu können. Noch iſt nicht abzuſehen, wie die Entwicklung Neuyorks enden wird.
Die Bucht von Neuyork, ihre Inſeln(Manhattan, Long Is⸗ land, Staten Island) und ihre Flußarme unterſuchte als erſter gründlich im Jahre 1609 der damals in holländiſchem Auftrag handelnde engliſche Seefahrer Henry Hudſon, nach dem der in die Bucht mündende Strom genannt iſt. Die Ausſicht, den gewinn⸗ bringenden Pelz⸗ und Fellhandel vom Jagdgrund aus in eigene Regie nehmen zu können und ſo von Rußland und dem fran⸗
zöſiſchen Kanada unabhängig zu werden, leuchtete dem pfiffigen
Kauſmann Amſterdams, Hoorns und der anderen niederländiſchen Handels⸗ und Stapelplätze ein, ſo daß nach etlichen anderen Ver⸗ ſuchen, das„herrenloſe“ Gebiet der Ausbeutung zu erſchließen, im Jahre 1621 die Weſtindiſche Kompagnie zuſtande kam, um den Handel mit der Bucht monopoliſtiſch zu handhaben und dort ſouverän zu ſchalten und zu walten. Daß die Ziele der Kompanie nicht ausſchließlich merkantiler, ſondern daneben koloniſatoriſcher Af waren kam der neuen„Eigentümerkolonie“ dabei ſehr zuſtatten..
Noch ehe das Schiff„Hett Meewtje“ den erſten von der Ge⸗ ſellſchaft ernannten Gouverneur, Peter Minuit, einen Deutſchen aus Weſel, nach Manhattan brachte, beſtanden auf der Inſel einige rohe Hütten, hielten ſich dort Pelzhändler, Jäger und etliche
inder glücklich ſei..
———
Goethe
wolloniſche Siedler auf. Aber erſt Minuits Schar von Ein⸗ wanderern brachten das ſo ſehr benötigte europäiſche Vieh und landwirtſchaftliche ſowie haadwerkliche Geräte mit, ſo daß das Fahr 1626 den Lontlichen Anfang der Koloniſierung und des ſpäteren Neuyork bezeichnet. Den Manhattan⸗Inſulanern kaufte Minuit die ganze, etwa 11 000 Morgen umfaſſende Inſel für ein Butterbrot ab: 60 Gulden entrichtete er für ſie. Am Ende des über die Inſel führenden Indianerpfades wurde eine Stadt an⸗ gelegt und Neu⸗Amſterdam genannt. An der Stelle des heutigen Cuſtom Houſe ſahen die erſten Steinbauten ihrer Fertigſtellun entgegen, und ein Fort an der Südſpitze(heute Battery Par ſorgte für den Schutz der zunächſt noch vorwiegend aus rohen Ho hülten beſtehenden Anſiedlung. Noch jetzt gemahnen vie traßennamen und Stadtteilbezeichnungen an die Holländer⸗ oder„Knickerbocker“⸗Zeit. Aus t Maagde Paatje ward Maiden Lane(Mädchen⸗Straße); die ſo berüchtigte Bowery leitet ihren Namen von einem Gutshof(holländiſch bouerij) des letzten niederländiſchen Gouverneurs Stuyveſant her, und Brooklyn iſt Wad!em holländiſchen Dorf Breukelen auf Long Island e anden.
Die Holländer verblieben bis 1664 im Beſitz der„Neuen Niederlande“. Kolonie und Stadt waren unter Datarſe un von 2 Millionen Gulden von einer mächtigen Handelsgeſellſchaft an⸗ gelegt worden und ſollten ſich bezahlt machen. Daher kam es, daß den erſten Jägern und Siedlern zwar weitgehendes religiöſes Lutgegentommen in einer Zeit der religiöſen Intoleranz gezeigt wur daß aber der einzelne doch nur als der Handlanger, der Vaſall„ſeiner“ Geſellſchaft angeſehen wurde. Das von der Kompanie beliebte Regierungsſyſtem war ein durchaus ariſtokratiſches; der Direktor konnte anfänglich vollkommen deſpotiſch ſchalten. Durch eine Hintertür ſchlich ſich der europäiſche Feudalismus ein, indem vermögenden Unternehmern, die a eigene Koſten mindeſtens 50 Perſonen in die Beſitzung brachten, rieſige Landſtrecken, kleinen Fürſtentümern vergleichbar, über⸗ eignet wurden, auch erhielten ſie eine anſehnliche Reihe erblicher Vorrechte, ſo daß ſich ſehr früh Klaſſengegenſätze herauszubilden
und ſoziale Kämpfe abzuſpielen begannen. Im Einklang damit ſteht natürlich, daß die Weſtindiſche Kompanie afrikaniſche
Sklaven einführte und den Verſuch machte, die Indianer zu verſklaven. G
Durch einen mitten im Frieden unternommenen Handſtreich ging die Stadt Neu⸗Amſterdam mitſamt ihrem Hinterland 1664 an die Engländer über und geriet aus dem Eigentum eines Handelsunkernehmens in die Hände eines Fürſten, des Herzogs von York, dem ſein Bruder Karl II. von England die ihm gar nicht Nehüreude Pflanzung verſchrieben hatte. Jetzt wurde aus Neu⸗Amſterdam zu Ehren des Herzogs ein Neuyork. Unter der Herrſchaft der Stuarts ſetzte ſofort machtvoll der Kampf um eine, wenn auch vorerſt nur provinzielle, Selbſtändigkeit ein. Herzog ſah ſich genötigt, das von der Bevölkerung ſchon der holländiſchen Kompaaie abgetrotzte Wahlrecht zu bewilligen und mannigfache Freiheiten und Privilegien, darunter das Recht der Selbſtbeſteuerung, anzuerkennen. Als er aber als Jakob II. den engliſchen Thron beſtieg, vergaß er nach Fürſtenart ſeine ge⸗ machten Verſprechungen und die Verbriefung jener Rechte, und wieder wurde die Provinz im Intereſſe des Fürſten oligarchiſch regiert.
Als 1688 Wilhelm von Oranien den Stuart Jakob II. vom Thron ſtieß, erhofften ſich die mittleren und unteren Schichten Neuyorks von dem Regimewechſel eine Beſſerung der Lage. Da ſie keine ſofortigen Anſtalten dazu wahrnahmen, ſchritten ſie zur Selbſthilfe. Die unbegüterte Schicht, die jozial Benachteiligten, jene Bürger, die keine Freiſaſſen oder nur unbedeutende Land⸗ beſitzer waren, taten ſich zuſammen, um der Ariſtokratie holländiſcher und engliſcher Abkunft, den konſervativen Kron⸗ beamten und reichen Kaufleuten die Stirn zu bieten und ſich die Rechte, die man ihnen vorenthielt, zu erſtreiten. Zum Vor⸗ käm pfer demokratiſcher Ideen machte ſich der Deutſche Jakob Leisler, der auch in der ſtädtiſchen Miliz eine feſte Stütze hatte. Es gelang, ſeine Wahl zum Bürgermeiſter durchzuſetzen, womit die Partei des Volkes ihren erſten großen Sieg auf


