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Chirurgische Anatomie und Operationslehre für Thierärzte / von Dr. E.F. Gurlt und Dr. C.H. Hertwig, Professoren an der Königlichen Thierarzneischule zu Berlin
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zuständen, wenn dieselben in einem hohen Grade beste- hen und andere Heilmittel zu ihrer Beseitigung nicht ausreichen.

Die Fontanellen werden im Allgemeinen auf die Weise gebildet, daſs man in eine, in die Haut und bis auf das Zellgewebe gemachte Wunde, irgend eine rei- zende Substanz bringt, hierdurch Entzündung und Ei- terung erregt, und die Letztere durch eine Zeitlang un- terhält. Dergleichen reizende Substauzen sind: Leder,

Filz, Flanell, Werg, Terpenthinöl, Canthariden und die

Präparate von ihnen, Pfeffer, Senf, Lorbeeren, Kalmus-

wurzel und ähnliche scharfe Substanzen, besonders aber Wenn die letzt- genannten Wurzeln zu diesem Zweck benutzt werden,

die schwarze und weiſse Nieſswurz.

heifst die Operation nach alter Bezeichnung auch: das Niefswurz- oder Christwurzstecken, oder auch schlechthin das Wurzelstecken, und wenn der in f Wunde gebrachte fremde Körper ein Stück Leder

heilst sie das Lederstecken. Auch durch Aelhuen des Zellgewebes und der nächsten Muskel- schichten mittelst des glühenden Eiseus, und durch Aetzen mit einem Aetzmittel**) sucht man die Eiterung in den Foutanellen zu erregen.

An Iustrumenten zur Application e eines gewohnlichen Fontanells bedarf man nur ein geballtes Bistouri, oder eine Fontanellscheere von Sewell, und aufserdem eine von den genannten reizenden Substanzen. Meistens be- nutzt man von den Letzteren ein rund geschnittenes Stück Filz oder Leder, 1 2 Zoll im Durchmesser, in der Mitte mit einer ¼ ¾ Zoll gröſsern Oeffnung versehen; das Leder wird gewöhnlich noch mit einer dünnen Schicht Werg umwickelt, und diese Materialien werden mit Terpenthinöl, odef mit Cantharidensalbe u. - bestrichen.

Fontanelle sind fast an allen Stellen des Körpers zu eröffnen, namentlich aber benutzt man folgende hier- zu: die Mitte der Stirn, die Backen, in der Gegend von der Mitte des àufsern Kaumuskels bis zum Rande des Unterkiefers in dieser Gegend, die Seitentheile des Halses im Verlauf der Wirbelsäule(etwa bis zum un- tern Drittel des Halses von oben herab), die Schulter- blätter, die vordere Fläche der Brust, und zwar bald etwas nach der Kehle zu, bald mehr abwärts bis nahe an die Vorderbeine, und ebenso bald in der Mit- tellinie, bald dem einen oder dem andern Buggelenke näher, bei Rindvieh auch der Brustlappen(Triel), die untere Seite der Brust, besonders in der Gegend des schaufelförmigen Knorpels, und die Hinterbacken, besonders in der Gegend des groſsen Umdrehers, oder auch am hintern Rande ein paar Zoll unter dem Sitz- beinshöcker; an den Gliedmaaſsen tiefer herunter ist es aber nicht zweckmäſsig, Foutauelle anzubringen.

Bei der Ausführung dieser kleinen Operation kön-

nen die Thiere stehen. Pferde läſst man bremsen, und,

*) In der Thierarzneischule zu Lyon hat man besonders gegen chro- nische Buglahmheiten und Schulterlahmheiten Fontanelle mit einem Stückchen weissen Arsenik von Dr. 5, oder selbst mit einem eben so grossen Stückchen Aetz- Sublimat applizirt und vorzüglich gu- ten Erfolg davon gesehen. Ein solches Aetzmittel darf aber nur 24 Stunden in der Wunde bleiben. Recueil de méd. vétérin. 1841, p. 762.

je nach ihrer Empfindlichkeit und Widersetzlichkeit, hebt man ihnen nur einen Vorderfafs auf, oder man legt ih- nen eine Kniefessel an, und beim Fontanell-Legen an der unteren Brustseite, so wie an den Hinterbacken, ist es zuweilen nöthig, die Hinterbeine zu spannen. Operirt man mit dem Bistouri, so bildet man an den- jenigen Stellen, wo die Haut schlaff und locker ist, mit Unterstützung eines Gehülfen eine Hautfalte, und durch- schneidet dieselbe in der Längenrichtung des Köorpers oder des betreffenden Theiles(an der Stirne, der Brust, den Schulterblättern und an den Hinterbacken senkrecht), so tief, dafs eine etwa 1 ½ lange Wunde entsteht. Wo die Haut auf den unterliegenden Theilen fest aufliegt, wie namentlich an der Stirn, oder wo man keinen Ge- hülfen zur Bildung der Hautfalte benutzen kann, da spannt man mit den Fingern der linken Hand die Haut an der Operationsstelle etwas an, und durchschneidet sie mit dem in der rechten Hand gehaltenen Bistouri in der bezeichneten Länge. Es ist hierbei zweckmälsig, das Messer in die volle rechte Hand zu nehmen, so daſs

es mit den 4 Fingern umfaſst wird, und nur die con-

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der nicht mithaltende Daumen wird

vexe Spitze gegen weit über den Rand des Zeige-

fingers hervorsteht;

neben die Operationsstelle auf die Haut aufgesetat, und

dann das Messer gelind drückend und kurz ziehend in dieselbe eingeführt. Benutzt man die Fontanellscheere, so drückt man dieselbe im geöffneten Zustande mit den hervorstehenden Spitzen ihrer Blätter fest gegen die Haut, und schliefst dann das Instrument, Schnitt in hinreichender Gröſse entsteht. Dieses Iustru- ment ist jedoch nur an den Stellen zu gebrauchen, wo die Haut schlaff ist, Falie zusammendrücken läſst.

Nachdem der Schnitt gemacht ist, dringt man mit der Spitze des Zeigefingers in die Wunde, und trennt

wobei ein

und sich in der Scheere zu einer

durch allmähliges Vorwärtsschieben des Fingers, und

bei wiederholten Seitwärtsbewegungen desselben das Zellgewebe unter der Haut im Umfange eines Thalers auseinander, so daſs eine eben so groſse Höhle gebildet wird. In diese Höhle legt man den einen von den vor- hin bezeichneten reizenden Gegenständen, und die Ope- An diese Gegenstände befe-

stiget man ein kurzes Ende Bindfaden, welches etwa

ration ist hiermit beendet.

1 lang aus der Wunde hervorragend bleibt, um hier- mit den fremden Körper leichter entfernen zu können. Benutzt man als reizenden Körper ein Stück Leder oder Filz, so legt man dasselbe vor dem Einföhren in die Waunde doppelt zusammen, und breitet es dann in der Höhle wieder vollständig flach aus. Jenes Lostrennen der Haut und das Einbringen des fremden Körpers wird gewöhnlich von der Wunde aus nach abwärts bewirkt; es ist jedoch zweckmäſsiger, es nach oben, über der Wunde, zu thun, weil im letztern Falle der Eiter von selbst durch die Wunde abflieſst, Trennung nach abwärts nur durch Ausdrücken entfernt

während er bei der

werden kann, und sich bei seiner Anhäufung leicht im Zellgewebe tiefer versenkt, und dann späterhin Gegen- öffnungen nöthig macht. Die Auschwellung, und somit auscheinend die Wirkung, wird zwar bei den nach ab-

wärts gerichteten Fontanellen gröfser, als bei den nach